Erwartungsvoll rutschen die Grundschüler auf ihren Stühlen hin und her und tuscheln. Dann wird es mucksmäuschenstill: Renate Schuurmann beginnt zu sprechen, langsam, jede Silbe betont sie, die Mimik allein erzählt schon eine Geschichte, die Hände sind weit ausgebreitet. Die 61-Jährige erzählt das Märchen "Die Büffelkuh und das Fischlein". Ein japanisches Märchen.
"Märchen wirken sehr integrierend", sagt sie später über die Motive, Märchen aus aller Herren Länder mit in Bad Brückenauer Grundschule zu bringen.
Die Märchenstunde gehörte zum Rahmenprogramm des Internationalen Märchenkongresses: 290 Teilnehmer und weitere Tagesgäste informierten sich über Aspekte des Hauptthemas "Geben und Vergeben im Alter" (siehe Beitrag unten). Für Renate Schuurmann war es keine normale Märchenstunde in der Schule: Sabine Lutkat, seit vergangenem Jahr Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft (EMG), saß als Prüferin mit in der Aula, achtete auf Sprache, Text-Auswahl, Mimik und das Einbeziehen der Mädchen und Jungen in die Geschichte.

Ehrenamtlich und beruflich

Zusammen mit Renate Schuurmann aus Rheine im Münsterland legte Claudia Lang (52) aus dem Saarland die praktische Prüfung ab. Die Zusammenarbeit begeisterte die Kinder, obwohl die beiden Erzählerinnen ganz unterschiedliche Hintergründe haben: Schuurmann liest ab und zu ehrenamtlich in der Stadt-Bibliothek ihrer Heimatstadt vor. "Ich mache das nur aus Spaß an der Freude".
Dagegen hat Claudia Lang Germanistik und Kunstgeschichte studiert und arbeitet freiberuflich als Kunstpädagogin. "Ich war schon als Kind begeistert von Märchen", erzählt sie, deshalb baut sie sie auch immer wieder in ihre Arbeit mit Kindern und Erwachsenen ein. Nach einer zusätzlichen Theorie-Prüfung zur Märchenkunde dürfen sich beide nun über die Aufnahme in die Märchengilde der EMG freuen. Ein erlesener Kreis: Gerade einmal 119 Mitglieder hat die Gilde aktuell in Deutschland.
Zwischen den Prüfungen besuchten die beiden Erzählerinnen natürlich auch den Kongress. "Eine Teilnehmerin ist sogar aus den USA angereist", berichtet EMG-Geschäftsführer Thomas Bücksteeg. Zudem seien Teilnehmer aus der Schweiz, Holland, Belgien und Italien gekommen. Einig seien sich am Ende alle gewesen, dass der Kongress rundum gelungen war.
Nach 2008 fand der Märchenkongress zum zweiten Mal in Bad Brückenau statt: "Es ist ja schon schwer, einen positiven Eindruck zu machen, aber es ist noch schwerer, den positiven Eindruck zu bestätigen, und das ist Bad Brückenau gelungen", sagt Bücksteg. Und auch EMG-Präsidentin Lutkat lobt: "Es ist kein Zufall, dass der Kongress schon zum zweiten Mal hier ist."
"Es hat alles geklappt wie am Schnürchen", ist auch Organisatorin Annette Martin erleichtert. Wie zufrieden die Teilnehmer waren, zeige sich auch daran, dass einige ihren Aufenthalt über die fünf Tage Kongress hinaus verlängerten. Auch inhaltlich sei das Konzept aufgegangen: "Für mich war es sehr fruchtbar, ich habe viele Anregungen mitgenommen."

Journalistin berichtet über Umgang mit der Kriegsschuld

Passt der Zweite Weltkrieg und der Umgang mit den Verbrechen der Nationalsozialisten in einen Märchenkongress? Für Organisatorin Annette Martin ganz eindeutig: "Die Vielfalt der Inhalte und Referenten macht diesen Kongress für viele interessant", sagt sie. Zudem stand unter dem Motto "Geben und Vergeben im Alter" der Umgang der Generationen untereinander im Mittelpunkt. Der Vortrag "Die langen Schatten der Vergangenheit!" von Journalistin Sabine Bode war eines von vielen Beispielen.
Die 1947 geborene Journalistin arbeitet für den NDR und den WDR. Ihr zentrales Thema in Büchern und Vorträgen ist die Bewältigung der Kriegsfolgen und Kriegsschäden der "Vergessenen Generation", also der Menschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden, die also den Krieg und die Nachkriegsjahre bewusst erlebt haben. Die Autorin wuchs im zerbombten Köln auf. Die Ausdrücke "Heimkehrer" und "Flüchtlingskinder" waren Fremdwörter, bis die ersten Männer aus dem Krieg kamen. Vielen fehlte ein Arm oder ein Bein. Die "Trümmerkinder" spielten mit Fundmunition oder bastelten sich aus Karbid "Kracher". "Es war eine unbeaufsichtigte Kindheit. Sie wurde als völlig normal empfunden", erzählte Bode.

Gefühle sind tief vergraben

Seit etwa 1990 befasst sich Sabine Bode mit der Aufarbeitung und Bewältigung der Vergangenheit der Kriegsgeneration. In unzähligen Gesprächen habe sie herausgefunden, dass sich bei den Betroffenen starke Gefühle tief eingegraben haben, weil der Krieg nachhaltig belaste, dies aber nur selten ausgesprochen werde. "Erst durch die Berichterstattung über den Bosnienkonflikt, hier besonders über die Kinderschicksale, ist die Frage aufgetaucht, wie es wohl den ehemaligen Kindern ginge, die ihre schrecklichen Erlebnisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg verarbeiten mussten." Ihre Recherchen hätten ergeben, dass schlimme Zeiten nicht unbedingt als schlecht empfunden werden. Erst die Wende zum Guten bringe Probleme. Das, wonach man sich am meisten sehne, nämlich nach Frieden und Liebe, riefe Angst vor beidem hervor.
An Beispielen macht die Journalistin deutlich, wie nachhaltig sich die Vergangenheit über Generationen auswirkt. Eine Frau verliert zum Beispiel ihr Gedächtnis. Sie kann - oder will - sich nicht mehr erinnern an all die früheren Erlebnisse. Ihr sei von der Mutter während der Bombennächte und der brennenden Stadt eingetrichtert worden, sie solle sich zur Wand drehen, damit sie nicht sieht, was draußen passiert. Da war sie vier Jahre alt. Im Alter von acht Jahren, nach Ende des Krieges, sollte sie plötzlich unbeschwert leben. "Könnte das schlechte Gedächtnis damit zusammenhängen, dass sie als Kind von der Mutter so oft aufgefordert worden war zu vergessen?", vermutet Sabine Bode.