"Dass ich den Lebensweg der Dichterin Mascha Kaléko für den heutigen Literarischen Nachmittag gewählt habe, hat sicher nicht nur damit zu tun, dass Kaléko durch ihr dichterisches Werk besticht, sondern auch durch ihren bewegten Lebensweg beeindruckt", eröffnete Ingrid Palder-Szillinsky ihre literarische Zeitreise. Diese war geprägt von eindrücklichen Gedichten und Eindrücken einer Frau, deren Werke heute noch nichts an Aktualität verloren haben. Mascha Kaléko zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts.

Die stellvertretende Frauenrings-Vorsitzende Karin Reinshagen freute sich, dass sie die langjährige Leiterin des Literaturkreises der Volkshochschule, Ingrid Palder-Szillinsky , bereits zum dritten Mal als Referentin beim Kissinger Frauenring begrüßen durfte, und die zahlreichen Besucherinnen zeigten das große Interesse an dieser Veranstaltung.


Geld fehlt fürs Studium

Als Kind eines jüdisch-russischen Kaufmanns und einer österreichisch-jüdischen Mutter wurde Mascha Kaléko 1907 in der polnischen Stadt Chrzanów geboren, begann Palder-Szillinsky ihre Zeitreise. Um Pogromen zu entgehen, reiste zu Beginn des Ersten Weltkriegs zunächst die Mutter mit den beiden Töchtern nach Deutschland. In Berlin habe Kaléko ihre Schul- und Studienzeit verbracht, erklärte die Referentin. Obwohl sie eine gute Schülerin war und auch sehr bestrebt, später zu studieren, sei ihr dies aus finanziellen Gründen verwehrt geblieben.
"Von Anfang an spürte Kaléko eine psychische Heimatlosigkeit", so Palder-Szillinsky. 1925 begann Kaléko eine Bürolehre, nebenbei besuchte sie Abendkurse in Philosophie und Psychologie.1928 heiratete die 21-Jährige. Im Künstlerlokal 'Romanisches Café' traf sich Ende der 1920er-Jahre die künstlerische Avantgarde Berlins, dort lernte Kaléko Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen, Erich Kästner und Kurt Tucholsky wurden ihre Kommunikationspartner.

1929 veröffentlichte Mascha Kaléko erste Gedichte, die im heiter-melancholischen Ton die Lebenswelt der kleinen Leute und die Atmosphäre im Berlin ihrer Zeit widerspiegeln. 1933 erschien ihr Debut "Das lyrische Stenogrammheft", es wurde begeistert rezensiert und ein Verkaufserfolg. 1934 druckte Rowohlt ihr "Kleines Lesebuch für Große" und 1935 eine Neuauflage des Erstlings. Die nationalsozialistische Bücherverbrennung im Mai 1933 hatte ihr erfolgreiches Werk vorerst nicht betroffen, solange die Nationalsozialisten nicht wussten, dass Mascha Kaléko Jüdin war.

Bald wurden ihre Bücher als "schädliche und unerwünschte Schriften" von den Nationalsozialisten verboten, und der jungen Familie blieb nur die Emigration. 1938 ging es in die Vereinigten Staaten - doch Mascha fühlte sich "fremd in der Fremde". Sie hielt die Familie mit dem Verfassen von Reklametexten über Wasser. 1939 veröffentlichte Kaléko Texte in der deutschsprachigen jüdischen Exilzeitung.

1956 besuchte sie zum ersten Mal ihre alte Heimat, der Rowohlt-Verlag hatte eine große Vortragsreise für sie arrangiert und das "Lyrische Stenogrammheft" erneut erfolgreich aufgelegt, danach auch die "Verse für Zeitgenossen". Volle Säle, Interviews und Lesungen begrüßten die Dichterin, sie eroberte die Bestsellerlisten.

1960 sollte der Fontane-Preis verliehen werden, doch sie lehnte ab, da ein ehemaliges SS-Mitglied in der Jury saß - Hans Egon Holthusen. Im selben Jahr wanderte sie, ihrem Mann zuliebe, mit ihm nach Jerusalem aus. Dort litt sie sehr unter der sprachlichen und kulturellen Isolation. Die Trennung von Sohn Steven, der in den USA geblieben war, fiel Kaléko besonders schwer. Als er 1968 31-jährig auf der Bühne zusammenbrach und starb, war sie verzweifelt. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1973, fand sie im letzten Lebensjahr wieder Kraft zu schreiben. Schon in ihrem bereits 1945 erschienenen Gedicht "Memento" drückte sie ihre Angst aus, erst nach ihren Angehörigen zu sterben. "Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur; doch mit dem Tod der andern muss man leben." Am 21. Januar 1975 starb sie selbst an Magenkrebs.

Wie Kästner, Tucholsky oder Ringelnatz, mit denen sie immer wieder verglichen wird, wollte Kaléko keine feingeistige Literatur für wenige schreiben, sondern eine zugängliche, unverkrampfte "Gebrauchspoesie" im besten Sinne. Das konnten die Gäste des Frauenrings in den vielen Ausschnitten aus Kalékos Gedichten erfahren, die Ingrid Palder Szillinsky vortrug.