"Ich habe ja schon gewusst, dass die Amis so gut wie vor der Tür stehen", meint der 81-jährige Dernbach. Damals war er 14 Jahre alt und machte bei der Schreinerei Krug eine Lehre. Am 4. April 1945 blickte er von der Hobelbank in der Werkstatt auf zum Fenster und sah Kreis leiter Riedel, seinen Stellvertreter Meidhof und Hans Heidelmeier mit Panzerfäusten Richtung Staatsbad marschieren. Dort waren die Amerikaner - auf ihrem Weg in die Stadt.
Dernbach erinnert sich: "Mein Chef hat nur noch gesagt: Jetzt wird's Zeit, dass du Heim gehst." Und das tat er. Im Keller der Villa Jansen, dem Nachbarhaus, versteckte er sich mit seiner und anderen Familien.
Der 82-jährige Feuerstein, damals 15 Jahre alt, war währenddessen in einem Spähtrupp mit anderen jungen Männern auf dem Weg zu den amerikanischen Panzern - bewaffnet mit Karabinern. Wegen des starken Beschusses kehrten sie aber am Sinnberg um. Unterwegs trafen sie Meidhof, der zwei Wochen später tot im Wald gefunden wurde. "Er erschoss sich selbst, nachdem er sich beim Abschuss einer Panzerfaust verbrannt hatte", erzählt Feuerstein.

Ami vermisste Riedenberg


Zuhause an der Papiermühle angekommen, versteckte er sich mit seiner Familie im Keller. Als jemand glaubte, in der Mühle sei ein Feuer ausgebrochen, wollte sich Feuerstein vergewissern. Es handelte sich allerdings um einen Fehlalarm, der Rauch stammte lediglich vom Pulverdampf der amerikanischen Panzer. Inzwischen war es etwa neun Uhr morgens. Plötzlich stand ein Amerikaner vor ihm - der erste Amerikaner, dem er begegnete. In akzentfreiem Deutsch sagte der Soldat: "Ich wollte nur gucken, ob ich nach Riedenberg schauen kann."
Und dann erzählte er, dass er Sitzmann heiße, in Riedenberg gewohnt und seiner Familie ein Eisenwarengeschäft gehört habe. 1938 flüchteten sie nach Amerika, sie waren Juden. Der Soldat leerte seine Taschen und schenkte Feuerstein Zigaretten, Kaugummis und Schokolade. "Ich bin nicht gern aus Riedenberg weg", sagte der Soldat dann noch. Schließlich fragte er, ob sich im Keller Soldaten befänden. Feuerstein verneinte. Sitzmann schien ihm zu vertrauen und rückte mit seinem Trupp ab. Er war es auch, der Feuersteins Vater vor der Kriegsgefangenschaft bewahrte. Dieser war stellvertretender Kolonnenführer des Roten Kreuzes und wurde festgenommen. Sitzmann verhinderte den Abtransport ins Kriegsgefangenenlager nach Marseille im letzten Moment.
Dernbach und seine Familie versteckten sich derweil wieder im Keller, später auch im Keller der Brauerei. Am 6. April kamen die Amerikaner zu ihrem Haus. "Innerhalb einer Stunde mussten wir das Haus räumen", betont Dernbach. Für eine Woche kam die Familie bei seiner Tante unter, dann gingen es zurück ins Haus - "alles lag kreuz und quer herum." Feuersteins Familie musste das Haus dagegen nicht räumen. 14 Tage später musste Feuerstein aber antreten und im Wald nach Munition suchen.
Hans Schüßler aus Roßbach befand sich währenddessen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Marseille. Er war Soldat bei den Pionieren. Am 27. November 1944 sollten sie das Dorf Laitre bei Epinal verteidigen. Als sie sich ergeben hatten, wollte Schüßler noch fliehen und rannte einen Wiesenhang hinauf. "Als aber links und rechts von mir ein Gewehrschuss in den Rasen einschlug, habe ich auch die Hände gehoben", erinnert sich der 85-Jährige. Und: "Die hätten mich treffen können, wenn sie gewollt hätten." Zwei Soldaten durchsuchten ihn nach Waffen. Schüßler staunt noch heute: "Das hielt ich nicht für möglich, sie haben nicht die geringste Unfreundlichkeit gezeigt."
Auch während der Gefangenschaft sei es ihm gut ergangen. Am Nikolaustag 1945 kam Schüßler nach Hause. Hier kam er mit den Amerikanern dann kaum mehr in Kontakt. "Die haben nicht gestört", sagt Schüßler. Auch Feuerstein und Dernbach finden, dass es in den Tagen und Wochen nach dem 5. April 1945 nie Schwierigkeiten mit den amerikanischen Soldaten gegeben hat. "Es war sehr gut mit den Amis", findet Feuerstein. Dagegen meint Dernbach: "Wir haben aber schon auch Abstand gehalten, so waren wir einfach erzogen."