Die Corona-Pandemie belastet die psychische Gesundheit vieler junger Menschen. Das merkt auch die Kinder- und Jugendpsychiaterin Claudia Mehler-Wex. "Wir merken einen deutlich größeren Bedarf", sagt sie. Vor der Pandemie galten laut Studien zur Lebensqualität Minderjähriger etwa 15 Prozent der Jugendlichen als psychisch belastet, mit jetzt 40 Prozent hat sich der Anteil nahezu verdreifacht. Für viele, denen es bereits vor der Pandemie psychisch nicht gut ging, war Corona der entscheidende Tropfen, der eine seelische Erkrankung ausgelöst hat.

Mehler-Wex ist Chefärztin der Hemera Klinik, einer Privatklinik für die seelische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hier werden Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren vor allem bei Reifungskrisen und Essstörungen, aber auch bei Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen behandelt. "In der spezifischen Ausrichtung auf Jugendliche und Adoleszente haben wir deutschlandweit als Gesamtklinik ein Alleinstellungsmerkmal", betont die Verwaltungsleiterin Stefanie Dörfner.

"Extrem zugenommen hat die Zahl der Essstörungen. Wir haben jetzt vermehrt Anorexie-Patienten (Magersüchtige, Anm. d. Red.), bei denen es mit Corona angefangen hat", berichtet die Professorin. Anorexie-Patienten seien in der Regel sehr leistungsorientiert und hätten hohe Ansprüche an sich. Sie legen enormen Wert auf gute Noten in der Schule, sowie Erfolge bei Hobbys und beim Sport. Als in den Lockdowns das alles plötzlich und für lange Zeit weggefallen ist, waren die Betroffenen gezwungen, ihren Fokus auf andere Dinge zu richten.

Teufelsspirale des Gewichtsverlusts

Vor die Frage gestellt, wie man den Tag sinnvoll füllt, sei es für ehrgeizige und anstrengungsbereite Personen naheliegend, die Bemühungen neben Home-Schooling auch auf Ernährung und Trainingspläne zu richten. "Essen und Sport kann für manche im Vakuum eines Lockdowns als Leistungsprinzip tagesfüllend und Sinn stiftend erlebt werden", erklärt die Psychiaterin. Schnell geraten die Betroffenen in einen Teufelskreis, in dem sie im schlimmsten Fall ihre Kilos sowie ihre Gesundheit wie im freien Fall verliere und stationär in einer psychiatrischen Klinik aufgefangen werden müssen.

Um den Teufelskreis zu durchbrechen, bekommen Anorexie-Patienten in der Hemera-Klinik wieder einen strukturierten Alltag an die Hand. Psychotherapie, Essenspläne, dosierter Sport, Kreativtherapien, Gespräche zur Perspektivenfindung mit Sozialpädagogen, Unterricht im klinikeigenen Schulraum, der soziale Kontakt zu anderen Jugendlichen - das alles hilft, bei Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen. Ziel ist es, die Jugendlichen wieder an ein selbstständiges Leben heranzuführen.

Generell gute Prognosen

80 Tage dauert im Durchschnitt eine Behandlung. Je nach individueller Verfassung und Bedarf wird für die Patienten nach der Entlassung eine weitere Betreuung gebahnt; das kann eine ambulante Therapie sein oder ein Angebote der Jugendhilfe. Manche bekommen zuhause eine Familienbegleitung zur Verfügung gestellt oder sie gehen in eine therapeutische Wohngruppe über. Grundsätzlich sind die Genesungsaussichten nicht schlecht. "Gerade in dem Alter gibt es wegen der vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten oft eine positive Prognose", sagt Mehler-Wex. Die Pandemie ist jedoch eine Ausnahme, die die langfristigen Erfolge beeinträchtigen oder die Genesung in die Länge ziehen kann.

Die Gefahr, dass psychisch Erkrankte nach der Entlassung einen Rückfall haben, sei gewachsen. "Wir haben die Patienten therapiert, aber das Leben draußen ging in den ersten Lockdowns nicht weiter. Durch das Nichts nach der Therapie sind viele wieder zurückgefallen beziehungsweise kamen gar nicht zur Umsetzung ihrer erarbeiteten Inhalte", berichtet die Fachärztin. Patienten brauchen generell für eine gewisse Zeit eine ambulante Weiterbehandlung, um sich im Alltag zu festigen. Dies sei durch Corona zeitweise enorm erschwert gewesen: Es gab keinen Präsenzunterricht, kein normal ablaufendes Studium, keine Freizeitangebote, keine Ausbildungsstellen, keine Praktikumsmöglichkeiten, keine erreichbaren Ämter - und besonders lange Wartelisten bei den niedergelassenen Psychotherapeuten.

Welche Jugendlichen unter Corona-Schulschließungen besonders leiden

Menschen mit Long- oder Post-Covid-Syndrom finden sich bislang nicht in der Hermera-Klinik, einer Psychiatrie für Jugendliche und junge Erwachsene. Für körperlich-seelisch gemischte Folge-Phänomen einer Covid-19-Infektion rüsten sich momentan insbesondere Reha-Kliniken. Die heranwachsenden Patienten der Hemera-Klinik sind nicht an Corona selbst, sondern vielmehr an den gesellschaftlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erkrankt.

"Die Hauptbelastung ist, dass der Alltag und die Sozialkontakte weggefallen sind", sagt die Chefärztin, Professorin Claudia Mehler-Wex. Die Einschnitte treffen die Jugendlichen besonders hart, denn sie befinden sich in einer der wichtigsten Entwicklungsphasen in ihrem Leben. Depressionen hätten in der Pandemie durch die Bank weg zugenommen. Darüber hinaus treten häufiger Probleme mit schädlich ausgeweitetem Internet- und Medienkonsum auf. Die nachhaltigsten, negativen Auswirkungen für junge Menschen gehen in den Augen der die Psychiaterin von den Schulschließungen aus, auch wenn diese zeitweise unabdingbar waren. "Die Schulausfälle schleppen die Jugendlichen noch Jahre mit sich herum", meint sie. Die persönliche, psychosoziale Entwicklung habe in der Zeit stillgestanden.

Angst vor dem Distanzunterricht

Schulschließungen befördern Erkrankungen wie Essstörungen, Depressionen und Sucht und belasten Familienverhältnisse. Darüber hinaus kann Home-Schooling ganz konkret für Jugendliche mit sozialen Phobien zur Qual werden. Betroffene hätten zum Beispiel große Angst davor, allein und beobachtet im Fokus der Schulkamera zu stehen. Eine Situation, die im Videounterricht normal ist, ist für solche Menschen der blanke Horror: Der Lehrer ruft einen auf, alle Kameras und Mikros der Mitschüler zeichnen den eigenen Auftritt mit. Für Betroffene ist das in etwa so schlimm, also würden sie allein auf einer Bühne vor einem großen Publikum abgefragt. Während Jugendliche mit sozialen Phobien den Schulalltag bislang vielleicht noch irgendwie überstanden haben, ging das mit der neuen Situation dann nicht mehr. "Soziale Angst ist die Angst vor Beobachtung und Bewertung durch andere. Genau das findet im Online-Schooling statt. Das war dann der Auslöser, wonach sich viele endgültig nicht mehr in den Unterricht getraut haben", sagt Mehler-Wex.

Die Expertin macht sich angesichts der schädlichen Effekte dafür stark, die Schulen auch in der Omikron-Welle so lange es geht offen zu halten. "Das wäre wichtig, soweit es gesundheitlich vertretbar ist", betont sie.