n wegen, Jungs haben keine Lust zu lesen. Vincent Erhardt ist der gelungene Gegenbeweis, dass auch echte Kerle zum Buch greifen. Der Sechstklässler des Jack-Steinberger-Gymnasiums ist Landkreissieger des Vorlesewettbewerbs im Bezirk Unterfranken (Gruppe B). Bei der Eröffnung der 3. Unterfränkischen Lesewochen im Rossini-Saal am Montag gab er seine bemerkenswerten Lesekünste zum Besten.
Trotzdem: Vincent scheint unter seinen Geschlechtsgenossen bedauerlicherweise eine Ausnahme zu sein. Denn Studien zeigen, dass Jungs beim Lesen erhebliche Defizite aufweisen. Das wirkt sich nicht nur ungünstig auf die Schullaufbahn aus, sondern auf den gesamten weiteren Bildungserfolg. Die diesjährigen Unterfränkischen Lesewochen widmen sich deshalb dem Motto "Mädchen UND Jungen", um die geschlechtersensible Leseförderung in den Mittelpunkt zu rücken.
"Im Schnitt liegen die Mädchen beim Lesen ein ganzes Schuljahr vor den Jungs", erklärt Christine Garbe vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Köln die großen Leistungs- und Kompetenzunterschiede zwischen den Geschlechtern. Zwei Drittel der Schüler mit mangelnder Lesekompetenz seien Jungen, die meisten davon besuchen eine Haupt- oder Sonderschule oder haben Migrationshintergrund.
"Mädchen lesen häufiger und länger. Ihnen bedeutet das Lesen mehr, sie lesen lieber als Jungen und damit besser", so Garbe in ihrem Vortrag. In der ersten und zweiten Schulklasse würden sich die Geschlechter in Lesekompetenz und Lesemotivation noch kaum unterscheiden. Ab der dritten Klasse beginne bei den Jungen allerdings der Leseknick. Zwar ginge dann auch bei den Mädchen die Leselust zurück, aber nicht so rabiat wie bei den Jungen. Lesen mit acht Jahren 59 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen gerne, sind es mit 14 Jahren 46 Prozent der Mädchen, aber nur noch 13 Prozent der Jungen.
Zunehmende MedienkonkurrenzAber warum ist das eigentlich so? Garbe hat verschiedene Erklärungsansätze. Die "Feminisierung der Erziehung" sei eine Ursache. Oft würden Jungen adäquate Helden und Rollenbilder fehlen, da Interaktionshelfer wie Eltern, Erzieher und Lehrer beim Schriftsprache-Erwerb fast ausschließlich weiblich sind und sich unbewusst für Genres und Texte entscheiden, die eher weiblichen Interessen entsprechen. Dazu komme die "Medienverwahrlosung". Während Jungen das Buch zunehmend durch Fernsehen, Internet und Computerspiele ersetzen würden, könne man bei Mädchen lediglich von einer Ergänzung sprechen. Garbe erläutert: "Computerspiele bieten Erfolgserlebnisse, Aktivität, Stärke und Angriff. Sie passen ideal zum männlichen Geschlechtscharakter."
Doch wie lässt sich die Lesemotivation von Jungen verbessern? Vor allem der Zeitraum der mittleren Kindheit und Vorpubertät sei laut Garbe für den Aufbau eines stabilen Selbstlesekonzeptes entscheidend. In diesem "kritischen Entwicklungsfenster" müssten attraktive literale Erfahrungen für Mädchen und Jungen geschaffen werden.
Von der dritten bis zur sechsten Klasse müsse hierzu zunächst die Leseflüssigkeit erworben werden. Lautes Lesen eigne sich hierfür als ideales Training. Entscheidend sei, dass Jungen und Mädchen dann das autonome und lustvolle Lesen zur Phatansiebefriedigung entdecken, was vor allem durch Lese-Olympiaden trainiert werden könne.
Während Mädchen Beziehungs-, Tier- und Liebesgeschichten lesen, können Jungs Grabe zufolge mit problemorientierter Kinder- und Jugendliteratur meist nichts anfangen. Sie wollen Spannung und Action, Abenteuer und Kampf, Reise- und Heldengeschichten. Mädchen suchen einen Bezug zu ihrem eigenem Leben, Jungen dagegen zu anderen und fremden Welten. "Man muss den Schülern ein breites, gendergerechtes Angebot von Büchern bieten", wirbt Garbe. Vor allem Serienliteratur sei in dieser Phase wichtig. In der Adoleszenz könne man dann wieder zu genderübergreifender Literatur übergehen. Entscheidend bei all dem ist und bleibe die Familie: "Sie ist die wichtigste Instanz."
Eine mal ganz andere Buchvorstellung gab es zuvor von den Schülern Mona Münzel, Victoria Brath und Sebastian Kister. Verkleidet als ältere Damen und Herren auf Kur amüsierten die Elftklässler das Publikum und widmeten sich unter anderem dem Jugendbuch "Was, wenn Mr. Right links abbiegt?". Das kleine Theaterstück unter der Leitung von Studiendirektorin Gerhild Ahnert verleitete aber nicht nur zum Schmunzeln, sondern traf auch ernstere Töne: "Beim Lesen kommt man in eine andere Welt, in fremde Situationen - man vergisst die Zeit."
Die Bläserklasse 7aG von der Mittelschule Hammelburg stimmte bei der Eröffnung musikalisch ein. Sie spielte unter der Leitung von Peter Claßen. Kurdirektor Gunter Sauer und Regierungspräsident Paul Beinhofer eröffneten die Lesewochen. Regierungsschulrätin Doris Grimm und Oberstudienrat Jochen Diel moderierten.