Für Adrian Sieler war schon immer klar, dass er zur Bundeswehr will. Die Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 machte für den 19-Jährigen aus Jena da keinen Unterschied. "Schon mein Papa hat seinen Grundwehrdienst bei der NVA gemacht", sagt Sieler. Die NVA war die Nationale Volksarmee der DDR. Was für den Vater noch Pflicht war, leistet der Sohn aus freien Stücken ab. Seit Januar dient Sieler als Stabsdienstsoldat im Gefechtssimulationszentrum (GefSimZH). "Ich habe mich aus persönlicher Überzeugung als freiwillig Wehrdienstleistender gemeldet", sagt Sieler. Seine Entscheidung hat er nicht bereut.

Adrian Sieler konnte sich nicht vorstellen, nach dem Abi gleich wieder die Schulbank zu drücken. Also meldete er sich für den Freiwilligen Wehrdienst (FWD) bei der Bundeswehr. "Ich wollte im Wald schlafen und mit Waffen umgehen lernen", sagt Sieler, der in Wildflecken in der Medienproduktion eingesetzt ist. Wenn große Übungen angesagt sind, begleitet er die Soldaten mit der Kamera, zum Beispiel im Rollenspiel mit den Taliban. Hinterher wird am Bildschirm ausgewertet, ob sich die Soldaten richtig verhalten haben. "Ich finde es schade, dass wir nicht so viel im Gelände unterwegs sind", gibt Sieler zu. Während der Grundausbildung wohnte er mit sechs Kameraden auf einer Stube. "Das war ganz schön herausfordernd", sagt er rückblickend. Aber hingeschmissen hat er deswegen nicht.

Nicht alle, die sich für den FWD melden, bleiben dabei. Etwa 23 Prozent brechen ihren Dienst vorzeitig ab. "Das liegt vor allem an den Zweitbewerbungen", erklärt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin. Manche seien auch von den Herausforderungen des Berufes überrascht, was Disziplin oder körperliche Fitness angehe.

Die Aussetzung der Wehrpflicht fügt sich als ein Bestandteil von vielen in die Neuausrichtung der Bundeswehr ein. Dieser riesige Reformprozess macht die Armee fit für die heutige global vernetze Sicherheitspolitik. Weil vor allem schlagkräftige Einsätze mit internationaler Zusammenarbeit etwa am Horn von Afrika, im Kosovo oder eben in Afghanistan gefragt sind, braucht es keine stehende Armee im Inland mehr.

Deshalb verkleinert die Bundeswehr derzeit ihre Streitkräfte, schließt einzelne Standorte und definiert ihre Aufgabe ganz neu. Die Pflicht zum Grundwehrdienst erscheint nicht mehr notwendig - auch wenn sie im Grundgesetz nach wie vor verankert ist. Rund 12.000 junge Männer und Frauen haben sich seit Juli 2011 verpflichten lassen. 206 davon sind am Standort Wildflecken eingesetzt.

" Unsere Erfahrung ist durchweg gut", zieht Oberst Müller Bilanz nach einem Jahr. Im Simulationszentrum selbst arbeiten zwar nur acht freiwillig Wehrdienstleistende, aber das liege an der Personalstruktur. Hauptmann Peter Memmert ergänzt: "Die meisten Freiwilligen verlängern ihre Dienstzeit bei uns." Insgesamt kann der FWD bis zu 23 Monate dauern, wobei die ersten sechs Monate als Probezeit gelten.

Adrian Sieler wird nicht so lange bleiben. Er hat andere Pläne: "Im Herbst will ich mit dem Studium anfangen, Mathematik in München." Dafür spart er seinem Wehrsold "als finanzielle Rücklage". Der Sold der freiwillig Wehrdienstleistenden steigt mit der Dauer ihrer Dienstzeit von 777 bis 1146 Euro. Unterkunft und Verpflegung sind frei. "Aber wenn das Studium nicht wäre, würde ich auch auf 15 Monate verlängern."

Hintergründe zum Wehrdienst

Einführung: 1956 wurde die Wehrpflicht in Deutschland eingeführt. Alle Männer ab 18 Jahren konnten zum Wehrdienst verpflichtet werden. Während des Kalten Krieges lag die Truppenstärke bei 495 000 aktiven Soldaten. Zusammen mit den Reservisten hätte die Bundeswehr im Ernstfall eine 1,2 Millionen starke Armee zur Landesverteidigung einsetzen können.

Dauer: Der Grundwehrdienst dauerte zwischen sechs und 18 Monate. Bis Januar 2011 leisteten insgesamt 8,4 Millionen Männern den Wehrdienst ab.

Wende:
Der Fall der Berliner Mauer markierte das Ende des Kalten Krieges. Seither verändert sich das Aufgabenspektrum der Bundeswehr. Friedenssichernde Einsätze im Ausland stehen im Vordergrund. Dafür benötigt die Bundeswehr weit weniger Soldaten als zur Zeit des Kalten Krieges, als immer mit einem Angriff aus den Ostblockstaaten gerechnet werden musste.

Aussetzung: Zur Zeit läuft bei der Bundeswehr ein umfassender Reformprozess. Die Aufgabe der Soldaten wird neu definiert, einige Standorte müssen schließen und die Streitkräfte werden reduziert. Im Rahmen dieser Neuausrichtung wurde die Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 ausgesetzt. Das heißt, dass Soldaten nur noch auf freiwilliger Basis rekrutiert werden.

Abbrecherquote: An die Stelle des Grundwehrdienstes ist der Freiwillige Wehrdienst (FWD) gerückt, der bis zu 23 Monate dauert. Seit Juli 2011 haben 12 016 junge Männer und Frauen den FWD angetreten. Die Abbrecherquote lag bei etwa 23 Prozent.