Flüchtlingsschicksale gibt es viele in diesen Tagen. Viele hat es gegeben, in anderen Tagen. Von einem wollen wir heute erzählen, in diesem "Jahr der Flüchtlinge", über ein deutsches Schicksal, Deutsche waren auch mal Flüchtlinge.
"Noch heute kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich davon erzähle", sagt Anneliese Hoppmann aus Bad Kissingen. Auch das Zuhören berührt.
Die 97 Jahre alte Dame hat viele schlimme Dinge erlebt, macht aber meist einen ruhigen und gefassten Eindruck, wenn sie davon erzählt. Manchmal lacht sie sogar. Zum Beispiel als sie berichtet, wie sie während der Besatzung einen betrunkenen und aggressiven russischen Soldaten beruhigte, indem sie auf der Mundharmonika spielte. So hat sie ihn vom Prügeln abgehalten und zum Tanzen gebracht. Das war im Jahr 1945 in Jüterbog, einer Kleinstadt in Brandenburg.


Flucht vor der Roten Armee

Kurz bevor sie selbst zum Flüchtling wurde, half sie noch den ersten Fliehenden, die 1944 aus Posen in ihren Heimatort Guben kamen. "Tausende", sagt sie, fast nur Frauen. Eine jüngere Dame ließ sie bei sich wohnen. Nach der Arbeit traf sich Hoppmann mit den Frauen aus Guben, um für die Flüchtlinge zu kochen. Der Ort ging damals über die Neiße, nun teilt der Fluss die Stadt in eine polnische und eine deutsche Seite.
Im November 1944 informierte die Polizei auf Plakaten, dass die Rote Armee vor den Toren stünde und alle Frauen und Kinder die Stadt verlassen sollten. Mit tausenden Flüchtenden wartete Hoppmann mehrere Tage am Bahnhof von Cottbus. Ihr vier Jahre alter Sohn war auch dabei. Schließlich kamen sie nach Jüterbog.


Die Familie traf sich

Dort hatte Hoppmann mit ihrem Mann gelebt, bevor er im Jahr 1940 eingezogen wurde. Über Kontakte bekam sie eine Offizierswohnung. Ihr Sohn, ihre Schwester und ihre Mutter zogen mit ein. Ein Lager der Wehrmacht befand sich im Ort, die Soldaten sollten nach Schlesien an die Front. Doch viele wollten nicht mehr kämpfen. "20 Soldaten haben wir im Keller versteckt", erzählt sie.
Eines Tages, im April 1945, sah Hoppmann aus dem Fenster. Ein Jeep und ein berittener Soldat kamen über einen Hügel auf die Offizierssiedlung zu. Die Rote Armee war bis nach Jüterbog vorgestoßen. "Alle sind in den Keller gerannt", erinnert sie sich, "aber ich wollte sehen, was passiert." Nach der Vorhut kam die Armee. "Panzer an Panzer", so Hoppmann. Ein Kommandant pfiff, die Soldaten stürmten die Wohnungen. Schnell habe sie Uniformen deutscher Soldaten in die Ofenrohre gesteckt. Dann rannte sie die Treppen hinab, band Tücher um Arme und Beine der Soldaten, um sie als Invaliden auszugeben. Sie hörte Schüsse, rannte wieder nach oben. Im Nachbarhaus feuerte ein deutscher Soldat aus dem Fenster. Sofort wurde gestürmt. "Alle Männer haben sie umgebracht und alle Frauen vergewaltigt", sagt Hoppmann.
Wenn sie von solchen Momenten erzählt, holt sie kurz inne und spricht dann schnell weiter, bevor die Gefühle sie überwältigen können: "In unserem Haus konnten wir alle retten." Ein russischer Offizier kontrollierte ihre Wohnung und sagte in gebrochenem Deutsch zu Hoppmann: "Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich bringe Ihnen später ein Stück Fleisch."


Hunger und Gewalt

Es kamen die Zeiten des großen Hungers. Die Frauen hatten während der Besatzung Gras und Unkraut gekocht, um zu überleben. Viele Erinnerungen von Hoppmann sind mit Gerichten verknüpft. Im April 1945 wurde Jüterbog von der russischen Armee besetzt. Der Bürgermeister kapitulierte unter der Bedingung, dass keine Frauen vergewaltigt würden. "Da hat sich keiner dran gehalten", sagt Hoppmann: "Die Tochter des Bürgermeisters ist 24 Mal vergewaltigt worden und wenig später gestorben." Jede zweite Frau musste zum Schienenbau, sie alle wurden vergewaltigt, erzählt sie. Ihre Schwester war darunter, sie selbst hätte auch mitfahren sollen. Doch sie ist vom Wagen gesprungen und weggerannt.


Arbeit im Offizierskasino

Auf ihrer Flucht durch die Stadt traf sie den russischen Offizier, der ihr bei der Durchsuchung ihrer Wohnung das Stück Fleisch anbot. Er wollte Deutsch lernen, um die Armee baldmöglichst zu verlassen. Sie wollte Russisch lernen, um zu überleben. Die beiden einigten sich darauf, dass sie bei ihm in der Küche und im Offizierskasino arbeitete. Ihrer Familie reichte Hoppmann von dort heimlich Essen aus dem Fenster. Sie lernte Russisch, er Deutsch. Dann war der "immer höfliche Offizier", wie sie ihn nennt, plötzlich verschwunden. Sie wurde an einen anderen Soldaten verwiesen, für den sie kochen sollte. Der war weniger höflich, hat sie, als er getrunken hatte, aufs Bett gestoßen und dabei auf Russisch "Ich liebe dich, Anneliese" gerufen. Er war erstaunt, als Hoppmann auf Russisch antwortete "Dir werd ich geben!" Sie trat ihm in den Bauch, er ließ sie in Ruhe. Vorerst. Doch die Bedrängungen häuften sich, selbst als die Ehefrau des Soldaten in die Stadt kam. "Einmal hat die Frau ihn mitten auf der Straße verprügelt", erzählt Hoppmann und schmunzelt kurz. Dann wird sie wieder ernst: "Ich hielt es bald nicht mehr aus", sagt sie. Zusammen mit ihrem Sohn begab sie sich erneut auf die Flucht.


Wo fängt der Westen an?

Vom Cottbuser Bahnhof ging es weiter in Richtung Westen. "Doch wir wussten nicht, wo der anfängt", sagt sie. "Plötzlich sprangen alle aus dem Fenster." Der Zug hielt an, die Suchtrupps rannten hinterher. "Da wussten wir: Jetzt sind wir im Westen." Die wenigen verbliebenen Passagiere nutzten ihre Chance: Rasch liefen sie in den Wald, legten sich auf den Boden, warteten Stunden. "Vor zwölf schlafen die Soldaten nicht, da saufen die noch", sagt Hoppmann. Gegen ein Uhr Nachts lief die Gruppe von sechs Flüchtlingen dann von Station zu Station, Anneliese Hoppmann immer voraus, weil sie Russisch konnte. Sie hatten Glück, die Grenzsoldaten schliefen. Schließlich kamen sie über eine Grenze aus übereinander gestapelten Baumstämmen nach Westen, in die Nähe von Bad Hersfeld in Hessen. Dort trafen sie gegen vier Uhr, "es roch nach Trockenfleisch", auf amerikanische Soldaten. Am nächsten Tag erreichten sie den Bahnhof. Von dort fuhren sie weiter nach Oberhausen bei Essen. Dort lebte ihr Schwager mit seiner Frau. Sie gaben den Geflüchteten ein kleines Zimmer unterm Dach. Kein Licht, keine Heizung. Hoppmann suchte sich eine Arbeit als Verkäuferin, bekam dadurch einen Flüchtlingsausweis.


Unverständnis im Westen

Während sie sich mit dem Schwager gut verstand, wurde sie von dessen Frau stark angefeindet. Die Schwägerin redete abfällig über die Ostflüchtlinge, nannte sie "Pollacken" und gab nur die letzten Reste des Essens ab. "Dabei gab es so viel im Westen", sagt Hoppmann. Sie habe viel geweint in dieser Zeit. Nach zwei Jahren, als sie den Flüchtlingsausweis erhalten hatte, machte sie sich wieder auf den Weg zurück nach Jüterbog. "Bei der Schwägerin hielt mich nichts mehr", sagt sie.
Nach ihrer Rückkehr wurde sie von den russischen Soldaten verhört. "Es war ein Freitag, 1948, Mutter war am Kuchen backen", erinnert sich Hoppmann. Sie erinnert sich auch an die Hungertoten mit den aufgeblähten Bäuchen, die massenweise auf Lkw geladen wurden. Die Verhöre fanden kein Ende und eines Abends begab sie sich erneut auf die Flucht. "Vater hat ein Kaninchen geschlachtet". Sie ging mit ihrem Sohn nach Westberlin, nach Spandau.
Im selben Jahr kam ihr Mann aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. "Er hat sich komplett verändert", sagt Hoppmann, "wollte nicht arbeiten, nicht reden, nicht essen. Nur saufen." Sie hat sich um die Wohnung gekümmert und eine Bäckerei eröffnet, ihr Mann war Bäcker. "Doch es hat einfach nicht mehr funktioniert", sagt sie. Nach der Trennung fand sie einen neuen Mann und ist mit ihm nach Bad Wildungen gezogen. Dort eröffneten die beiden eine Pension. Seitdem heißt sie Hoppmann. Der Name klingt hoffnungsvoll.


Das Ziel erreicht

Bad Kissingen lernte sie auf einer Kur kennen und schätzen. Nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, hat sie sich hier niedergelassen. "Weiter möchte ich jetzt nicht mehr", sagt die nun 97 Jahre alte Dame und lächelt. Auf dem Tisch in ihrem Wohnzimmer steht eine Schale mit "Werther's Echten" und Schoko-Bonbons, daneben schwarz-weiß-Fotografien von Guben, ihrem Heimatort. So wie er damals war. "So möchte ich ihn in Erinnerung behalten", sagt sie. Gesehen hat sie ihn nicht mehr, seit sie ihn 1945 verlassen hat.
Anneliese Hoppmann ist ein Flüchtlingsschicksal. In 70 Jahren hat sich vieles geändert, aber Flüchtlinge gibt es nach wie vor.