Sie hat den Großteil ihres Lebens hart in der Fabrik gearbeitet, erst in Berlin, später in Unterfranken. Bis sie nicht mehr konnte. Ihre Knochen waren müde, der Körper schmerzte. Sie wurde arbeitslos, später Rentnerin. Heute ist sie 74 Jahre alt. Ihre Rente ist niedrig.Und daher ärgert sie sich, dass sie für etwas zahlen muss, das sie nicht besitzt und nicht nutzt: das Fernsehen.
"Ich habe in meinem ganzen Leben nie einen Fernseher besessen", sagt die alte Dame, "weil mich das nicht interessiert." Trotzdem hat sich ihre Rundfunkgebühr seit Jahresbeginn verdreifacht. "Was soll man denn noch alles zahlen?" fragt sie in der Gewissheit, mit dieser Situation nicht die Einzige zu sein.

Die Seniorin liest seit Jahren die ausgelesene Zeitung des Nachbarn und sie hört - selten genug - Radio. Dafür wurde sie von der GEZ bis 2012 mit etwas über 17 Euro im Vierteljahr zur Kasse gebeten. Jetzt muss sie monatlich 17,98 Euro berappen. Die Seniorin fühlt sich abgezockt, weil sie eben nicht nur eine Radio-, sondern nun auch noch eine Fernsehgebühr zahlen muss. Das findet sie "einfach nur ungerecht."

Ihrer Freundin geht es ebenso. Sie spitzt es so zu: "Nun habe ich für 53,94 Euro pro Quartal ein Abo auf ein Schlafmittel, das ich gar nicht einnehme. Obwohl ich keinen Fernseher habe, bin ich gezwungen, den vollen Rundfunkbeitrag aufzubringen", ärgert sie sich.

Der Betrag, der früher an die Gebühreneinzugszentrale ging, war gesplittet. Jetzt ist er vereinheitlicht. Jetzt zahlt jeder Haushalt 17,98 Euro im Monat. Ungeachtet seines Nutzungsverhaltens, ungeachtet der Geräte, ungeachtet der Einkünfte. Und Befreiungen gibt es nur wenige. Nur wer so wenig Geld hat und staatliche Sozialleistungen wie zum Beispiel Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Grundsicherung erhält, bekommt auf Antrag eine Befreiung von der Einheitsrundfunkgebühr.


Schwerbehinderung hilft ihr nicht

Die 74-Jährige hat zwar einen Schwerbehindertenausweis, ist zu 60 Prozent schwerbehindert, aber diese Behinderung hat nicht das Merkzeichen "RF" im Schwerbehindertenausweis. Folglich hat sie auch keinen Anspruch darauf, einen ermäßigten Beitrag - ein Drittel - zahlen zu dürfen. Taubblind ist sie auch nicht oder Empfängern von Blindenhilfe, die wie bisher befreit sind. "Ich bin eben nur eine Rentnerin mit kleiner Rente", sagt sie, wenngleich sie weiß: "Es gibt Menschen, denen geht es schlechter als mir."

Trotzdem rechnet die 74-Jährige vor, was sie alles von ihren 700 Euro Rente zu zahlen hat: Miete und Nebenkosten, Rechnungen für den Heilpraktiker, der ihr wohltuende Spritzen für ihre geschundenen Gelenke gibt, denn die Kasse zahlt das nicht, aber: "Das sind manchmal 200 Euro im Monat." Ein Telefon leistet sie sich nicht, nur ein Prepaid-Handy, "damit ich wenigstens erreichbar bin für die wenigen, mit denen ich Kontakt habe." Aufladen kann sie es nur, wenn mal 15 Euro im Monat übrig bleiben. Selten genug.

Geärgert hat sie sich auch darüber, dass die GEZ-Nachfolgerorganisation "Beitragsservice" ihr bereits Mitte Dezember den Beitrag für Januar abgezogen hat, "obwohl das Gesetz doch erst seit Januar gilt." Sie hatte daraufhin kurzerhand die Einzugsermächtigung gekündigt. "Kurz darauf bekam ich den ersten Zahlschein mit der Aufforderung, 53,94 für Februar bis April zu überweisen." Solche Beträge sind in dem Monat, in dem sie anfallen, für sie schwer verkraftbar. Und sie ärgerte sich über die vielen zugesandten Bögen voller Erklärungen, die ihr den Sinn des neuen Gesetzes klarmachen sollten. Nachvollziehbar fand sie das alles nicht. Und auch Bundestagsabgeordnete, die sie anschrieb, konnten ihr nicht weiterhelfen.

Die 74-Jährige ist damit nicht allein. Im Gegenteil. Denn die Mehrzahl aller Deutschen sehen die Umstellung bei der Rundfunkgebühr hin zum geräteunabhängigen Beitrag kritisch. 60 Prozent, so das Ergebnis einer "Spiegel"-Umfrage bereits im Januar dieses Jahres, finden es falsch, dass seit 2013 auch Haushalte ohne Fernseher und Radio den vollen Rundfunkbeitrag entrichten müssen.


Die neue Rundfunkgebühr

Name Aus der früheren Gebühreneinzugszentrale (GEZ) wurde "ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice". Der Name hat sich geändert, aber auch das Bezahlungssystem.

Zahlung Jetzt werden nicht mehr Fernsehgeräte, Radios, Autoradios und andere rundfunktaugliche Geräte einzeln angemeldet. Jetzt gilt der Grundsatz: Wer eine eigene Wohnung bewohnt - auch Studenten - bezahlt einheitlich 17,98 Euro pro Monat, egal, wie viele Geräte er besitzt. Aber auch, wenn er gar keines hat. "Der neue Rundfunkbeitrag bringt klare Regeln", teilt der Beitragsservice auf seiner Homepage mit. Die monatlichen 17,98 Euro haben bisher schon die meisten Nutzer bezahlt. Für sie hat sich nichts geändert. Deshalb wurden sie auch nicht über die Veränderungen informiert.