Linker Fuß, rechter Fuß, Hand in der Seite. Hochkonzentriert schreiten die Kinder am Samstagnachmittag über den Steinacher Marktplatz. Sie alle sind festlich herausgeputzt, manche sogar im Trachtenlook, fesch in Dirndl oder Lederhose. Schließlich ist Kirmes. Der Blick der Kleinen ist fest auf den Boden gerichtet. Bloß nichts falsch machen. Linker Fuß, rechter Fuß, Hand in der Seite. Die Zuschauer sind begeistert und jubeln der außergewöhnlichen Parade zu. Unzählige Handys und Kameras werden gezückt. Dann beginnen die Kleinen zu tanzen, Polonaise und Sternpolka, was nicht immer perfekt gelingt. Egal. Hauptsache es macht Spaß. Und der ist den Kleinen deutlich anzusehen.
Wegen der Sommerferien haben sie nur zwei Wochen gehabt, um Tänze und Parade im Kindergarten einzustudieren. "Aber sie waren mit Begeisterung dabei", loben die Erzieherinnen Sabine Braun und Simone Hartmann ihre Schützlinge, die zwischen drei und sieben Jahre alt sind. Zur Belohnung für den Auftritt der Kleinen auf dem Steinacher Marktplatz gibt es kräftigen Applaus.
"Und für jeden ein Eis", ruft Frank Schmitt den Kleinen zu. Er ist Vorsitzender des Heimatvereins und einer der Mitorganisatoren der Kirmes, die in diesem Jahr wieder vom Vereinsring des 900-Seelen-Dorfes veranstaltet wird. "Es wäre schön, wenn sich eine feste Kindertanzgruppe entwickeln würde", fügt er hinzu.


Plobaum und noble Herren

Zur Eröffnung des Kirmes-treibens am Samstagnachmittag wird zunächst der Plobaum aufgestellt - eine Art Wappenbaum, an dessen Spitze eine Fichte befestigt wurde. Das erledigen in Steinach die Kirmesburschen in fescher Zimmermannskluft. Eine besondere Bedeutung hat die äußere Hülle der Männer aber nicht. "Sie hat uns halt gefallen", erklärt Frank Schmitt, der auch Vorsitzender des Heimatvereins ist. Es dauert nicht lange, und der Baum steht, Dank einer speziellen Vorrichtung auch sehr sicher. Anschließend übernehmen die "noblen Herren" das Sagen auf dem Marktplatz.
Die noblen Herren sind acht junge Männer vom Steinacher Rauch- und Faschingsclub "Blaue Wolke", die mit Frack und Zylinder bekleidet sind. Sie zelebrieren das sogenannte "Güger ausschloan", ein Spiel der Erwachsenen zur Belustigung der Kirmesgesellschaft. Dabei wird der Kopf eines Hahnes unter Topfdeckeln versteckt, die im Kreis auf dem Marktplatz liegen. Einzelne, ausgewählte Zuschauer müssen dann, ähnlich wie beim Topfschlagen, mithilfe eines Stockes und mit verbundenen Augen den Deckel mit dem Hahnenkopf finden.


Güger schloan und Ententanz

Keine schwere Aufgabe, denn die Kirmesgesellschaft darf die Suche durch Zurufe, wie etwa links, rechts, heiß und kalt, unterstützen. Wer den "richtigen" Deckel erklopft, der muss schließlich die acht "noblen Herren" aushalten und ihnen ein Fass Bier sowie eine deftige Brotzeit spendieren.
Doch bevor das "Güger ausschloan" beginnt, heizen die Frackträger dem Publikum ordentlich ein. Sie zeigen ihren Ententanz. "Den haben sie erst vor einer Stunde bei mir auf dem Hof einstudiert", erzählt Rudi Schultheis. Der Rentner hat 1980 die Tradition um die Kirmes wiederaufleben lassen und bis 2013 mitorganisiert. "Jetzt machen das die Jungen", sagt er und mischt sich wieder unter die Kirmesgesellschaft.
Die ist diesmal bunt gemischt. Junge und Alte aus Steinach und der ganzen Gemeinde Bad Bocklet sind gekommen, um das illustre Spektakel um den versteckten Hahnenkopf mitzuerleben. Der Regen hatte rechtzeitig aufgehört zu tropfen, Sonne und Wolken wechseln sich am Himmel ab. Somit ist der Marktplatz gut gefüllt. Die Semmeln für die Bratwürste reichen geradeso aus. Schließlich muss Nachschub organisiert werden. Der Festerlös bleibt beim Vereinsring in Steinach, erklärt Frank Schmitt. "Wir werden damit unseren Kredit bei der Gemeinde für das Toilettenhäuschen abbezahlen. Den Rest erhalten die beteiligten Vereine", sagt er.
Die erste Runde um den Güger darf diesmal die Jubilarin Irene Bocklet schlagen, die am Kirmessamstag ihren 80. Geburtstag feiert. Dann wird eine junge Frau aufgefordert, bis schließlich Ortssprecher und Gemeinderat Uto Paul Schmitt an der Reihe ist. Nicht ganz so zufällig, wie es scheint. Doch der Kommunalpolitiker zeigt sich begeistert. "Wenn alle Vereine zusammenarbeiten, kann es nur funktionieren", lobt er das Engagement der Steinacher, die sich kurze Zeit später wieder zu einer Parade sammeln. Mit Blasmusik und guter Stimmung zieht die Festgesellschaft zum ehemaligen Rathaus. Dort steht das Kirmeszelt, in dem bis Sonntagabend gefeiert wird. Und mit Sicherheit ist das eine oder andere Pärchen von der Kinderparade wieder mit von der Partie.