Tiemo Nöth ist Dachdeckermeister. Eigentlich stammt der 47-Jährige aus Reichenbach. Seinen Betrieb und das Materiallager hat er jedoch in Hohn. Vergangene Woche rettete er dort fünf Turmfalken mit seinem Kran.

Hohn: Sturm riss Nest vom Baum

"Nach dem Deutschlandspiel gegen England war ich noch mal am Lager unterwegs", sagt Tiemo Nöth. Ein Sturm war in den Abendstunden über den Landkreis Bad Kissingen gezogen. Vor Ort stieß er auf die Hinterlassenschaften des Unwetters. "Es hatte Äste heruntergerissen." Doch das war nicht alles: Zwischen dem Geäst entdeckte der 47-Jährige ein graues Wollknäuel auf dem Boden.

"Ich habe mich damit dann auseinandergesetzt und festgestellt, dass es ein junger Turmfalke ist", sagt er. "Der Sturm hatte sein Nest vom Baum heruntergerissen." Für ihn stellte sich in dem Moment nur die eine Frage: "Was mache ich denn jetzt eigentlich mit dem Vogel?"

Wildtierrettung: Die Gefahr bei der vermeintlich guten Tat

Die Antwort ergab sich durch Eigenrecherche und Telefonate mit Experten des Bundes Naturschutz. "Da habe ich dann auch erfahren, dass man die Jungvögel problemlos anfassen darf." Bei manchen Tierarten sollte das unterbleiben, überträgt sich durch Berührungen doch die menschliche Witterung. Das hat bei manchen Tieren tödliche Folgen: Die Eltern nehmen ihre Jungen nicht mehr an.

Fünf Falken in einem Nest

Wenige Minuten später nach dem Telefonat ging der 47-Jährige erneut raus. "Dann waren plötzlich zwei junge Turmfalken da. Bis ich gepeilt habe, dass es insgesamt drei sind, hat es gedauert." Doch damit nicht genug. "Im Endeffekt hat sich herausgestellt, dass wir fünf junge Turmfalken gefunden haben." Seine Erinnerung an den Moment: "Wenn man sie in den Händen hat - das ist faszinierend. Sie sind so tollpatschig."

Hohn: Dachdeckermeister baute mit Angestellten Nistkästen

Nach weiterer Rücksprache mit den Vogelexperten begann dann die ungewöhnliche Rettung der Tiere. "Wir haben dann zwei Nester für sie gebaut." Dafür verwendeten Tiemo Nöth und seine Mitstreiter - fast zehn seiner Mitarbeiter packten mit an - Plastikkörbe, die sie mit Ästen auspolsterten. "Es war echt eine Aktion, plötzlich hat jeder mitangepackt", sagt er.

Jungvögel hatten wenig Platzbedarf

Im Verlauf des Nestbaus stellten sie fest, dass ein Korb von der Größe her für die fünf Jungvögel ausreicht. Mit dem firmeneigenen Kran hoben sie das improvisierte Nest etwa 25 Meter in die Luft. Tiemo Nöth befestigte den Korb schließlich am gleichen Baum, an dem auch das ursprüngliche Nest war. Das Happy End war damit jedoch noch nicht erreicht.

Eltern fanden Jungvögel nicht

"Die Eltern haben ihre Jungen nicht gefunden. Sie sind ständig mit Mäusen gekommen und haben sie gesucht", schildert der 47-Jährige seine Beobachtungen. Für ihn und seine Helfer stand die Befürchtung im Raum, dass die fünf jungen Vögel in ihrem neu gebauten Nest trotz Anwesenheit der Eltern verhungern.

Als Folge griff er erneut zum Telefon. "Ich habe dann noch mal beim Bund Naturschutz angerufen." Dann kam die Wende: "Just im Moment des Anrufs hat die Mutter sie dann gefunden."

Wildtier gefunden - und jetzt?

Helmut Fischer, Tierarzt und Vorsitzender des Bad Kissinger Jägervereins, sagt: "Wichtig ist, dass die Tiere erstmal in Ruhe gelassen werden." Viele Leute würden in Aktionismus verfallen und das Tier mit nach Hause nehmen. "Sinnvoller ist es, einen großen Bogen darum zu machen. In 90 Prozent der Fälle sind die Eltern in der Nähe", weiß er aus Erfahrung. Auch von rechtlicher Seite kann das Mitnehmen eines scheinbar verletzten Jungtieres Folgen haben. Für einige Arten besteht ein Aneignungsverbot. Besser sei es, kompetente Ansprechpartner hinzuzuziehen. Für Greifvögel ist etwa der Klaushof geeignet. Dort gibt es eine Pflegevoliere. Auch die Wildtierstation Rhön-Saale in Kilianshof lässt sich als Ansprechpartner hinzuziehen.josch