Fördergelder in Millionenhöhe, der Einzug einer Fachhochschule in die Kreisstadt des Landkreises Rhön-Grabfeld - viele Erwartungen sind mit der Ausrufung von Bad Neustadt zu einer der bayerischen Modellstädte für Elektromobilität verknüpft. Freilich fahren deshalb kaum mehr Elektroautos durch diese wie durch alle anderen deutschen Städte. Einen Flottenversuch mit Elektroautos wird es auch in Bad Neustadt nicht geben, vielmehr versucht sich die 15.000 Einwohner zählende Kommune an hochkomplexen Forschungsprojekten. Diese befinden sich allerdings immer noch in der Beantragungsphase.

Wer in Bad Neustadt an der Saale nach Elektroautos auf den Straßen sucht, der muss schon ein wenig Geduld aufbringen, bis er mal eines entdeckt. Auch wenn Stadtverwaltung und Stadtwerke wo immer es geht aufs Elektroauto setzen.

Zur Arbeit im City-EL


"Ich fahre mal vors Haus, dann können Sie besser fotografieren!", sagt Rudi Seefried und surrt einen Moment später mit seinem kleinen Elektroeinsitzer über den Hof seines Hauses in Hendungen (Landkreis Rhön-Grabfeld). Seit 20 Jahren ist Seefried begeisterter Elektromobilist und fährt einen City-EL. Bis zu 65 Stundenkilometer ist dieser schnell und die Akkuladungen reichen locker, um täglich 18 Kilometer weit auf die Arbeit in einem Bad Neustädter Verbrauchermarkt und zurück zu fahren.
"Manchmal zeigt die Ladezustandsanzeige noch eine volle Ladung, wenn ich nach Hause gekommen bin". Zugegeben, der City-EL ist nicht das Neueste in Sachen Elektroauto. Längst sind große Marken wie Citroën, Peugeot, Mitsubishi, Nissan mit auf den Zug der Elektroautos gesprungen. Opel hat seinen noblen Ampera auf den Markt gebracht, der Luxussportwagen Tesla aus Amerika fährt auf deutschen Straßen wie die mittlerweile millionenfach bewährten Hybridmodelle von Toyota.

"Der City-EL reicht mir!", sagt Rudi Seefried. Mit dem Einsitzer fährt er auch in Urlaub. In diesem Sommer nach Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber und über Würzburg zurück nach Hendungen. Zwar dauert das Stromtanken länger als das Benzintanken an der Zapfsäule, aber das kann man ja entsprechend planen. Rudi Seefried weiß, wie das geht, er hat lange genug Erfahrung mit dem Elektroflitzer gesammelt.

Sebastian Martin, der Projektmanager der Modellstadt für Elektromobilität, hat in den vergangenen Monaten eine Liste mit zwölf Projekten beim Wirtschaftsministerium eingereicht. Alles Anträge, die mal mit ordentlich Fördergeldern ausgestattet werden könnten, wenn München grünes Licht gibt.

Kontaktlos laden


Eines der avisierten Projekte in Kooperation mit Siemens ist die Verteilung und Nutzung von Strom aus regenerativen Quellen für die Elektromobile landauf landab. Der Strom für Elektroautos soll aus Biogas-, Photovoltaik- und bald schon aus Windkraftanlagen der Region kommen. Denn nur so ist ein Elektroauto auch wirklich umweltfreundlich. Viele Projekte aus dem Antragsschreiben hören sich hierbei geradezu futuristisch an. So sollen E-Autos bald schon kontaktlos und ohne Stecker wie eine elektrische Zahnbürste geladen werden können. Das Elektroauto der Zukunft soll auch als Speicher für Strom dienen und im Falle des Bedarfs Strom für andere Zwecke bei Nichtbenutzung wieder zurück ins Netz speisen.

Neben dem Projektmanager kümmert sich seit August dieses Jahres auch Ansgar Ackva um weitere Projekte, die in Bad Neustadt mit Beteiligung und Einbindung der großen Industrieunternehmen der Region erforscht werden sollen. Der Professor ist Leiter des neuen Technologietransferzentrums, das eng mit der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt vernetzt ist. "Wir verstehen uns als Schnittstelle zwischen Forschung und Industrie", sagt Ackva in seinem neuen Büro im Obergeschoss der Jakob-Preh-Berufsschule. Seine Aufgabe wird es sein, Unternehmen zu Investitionen in Sachen Elektromobilität zu animieren und die Ergebnisse dann mit seinem Team auszuwerten.

Wenn endlich im kommenden Herbst die Entscheidung in München fällt, welche der zwölf Projekte in Bad Neustadt umgesetzt werden sollen, dann kommt auf Martin und Ackva viel Arbeit zu.

Einen großen Flottenversuch mit Elektroautos eines deutschen Herstellers wird es aber nicht geben. So bleibt die Zahl der Elektroautos auch künftig in Bad Neustadt wohl eher gering. Von den einst von der Bundesregierung propagierten eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen bis 2020 spricht ohnehin niemand mehr.

Umdenken erforderlich


Für Rudi Seefried ist Elektromobilität selbstverständlich. Aber Seefried ist auch einer, der in anderen Bahnen denkt. Elektromobilität erfordert nun mal ein Umdenken. Bei Seefried hat dieses Umdenken schon vor 20 Jahren stattgefunden. Seine Erkenntnis ist klar: Elektromobilität funktioniert. "Man muss es halt wollen!"


Bad Neustadt als Modellstadt für Elektromobilität


Ziel: Im Juli 2010 wurde neben Bad Neustadt an der Saale auch Garmisch-Partenkirchen und der Bayerische Wald als Modellstadt, beziehungsweise Modellregion für Elektromobilität von Ministerpräsident Horst Seehofer und Wirtschaftsminister Martin Zeil bei der Kabinettssitzung in Bad Kissingen ausgerufen. Ziel der Regionen soll die Erforschung von Elektromobilität im ländlichen Raum sein. Für die drei Regionen stehen insgesamt 30 Millionen Euro Fördergelder bereit. Die Anträge zu den einzelnen Forschungsprojekten liegen derzeit beim Wirtschaftsministerium. Diese müssen sich inhaltlich deutlich voneinander unterscheiden.

Förderung: Wer wieviel Geld bekommt, das entscheidet sich nach Inhalt der Projekte. Für Bad Neustadt wurden zusätzliche 4,5 Millionen Euro Fördergelder für die Einrichtung des Technologietransferzentrums locker gemacht. Von Stefan Kritzer