Eine Sinn-Suche im doppelten Wortsinn haben Monika Marzouk und ihre Mutter Klara Maria Strauch aus Bochum hinter sich: 67 Jahre lang wussten sie nicht, wo ihr Onkel beziehungsweise Bruder Horst von Groß kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges gestorben war und wo er beerdigt liegt. Am Flüsschen Sinn wurden sie jetzt fündig: Im Staatsbad Brückenau steht unmittelbar am Ufer der Sinn die Villa Maria, die damals als Lazarett diente und in dem Horst von Groß starb. 40 Kilometer sinnabwärts liegen seine sterblichen Überreste auf der Kriegsgräberstätte Gemünden - direkt neben dem Grab des vermutlich bekanntesten Gefallenen dort: Hans Lafontaine, dem Vater des ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (Bild oben).

"Meine Mutter wird im Dezember 84", berichtet Monika Marzouk (59). "Wenn wir das jetzt nicht gemacht hätten, wär's wahrscheinlich überhaupt nichts mehr geworden." Mutter und Tochter sind beide gesundheitlich angeschlagen, trotzdem lag ihnen die Reise von Bochum nach Franken sehr am Herzen.

Die Wurzeln der Familie von Groß liegen in Masuren im heutigen Polen. Ahnherr Johann von Groß zog in den 1920er Jahren nach Wattenscheid. Er hatte sechs Kinder, eines starb jedoch schon im Wochenbett, zwei weitere als kleine Kinder. Eine Tochter kam als junge Frau im Wochenbett ums Leben, somit blieben nur noch zwei Geschwister. Das erklärt auch die enge Verbundenheit von Klara Maria Strauch (geborene von Groß) mit ihrem Bruder Horst.
"Meine Mutter hat mir viel über ihn erzählt", war der Gefallene in den vergangenen Jahrzehnten in der Familie immer gegenwärtig. Über seinen Tod im Alter von 23 Jahren wusste seine Schwester allerdings nur das Sterbedatum, den 3. April 1945.

"Die Stadt war uns sehr behilflich"


Durch Zufall kam dann vor rund einem Jahr Bewegung in die Sache: Der Mann einer Cousine habe zufällig eine alte Benachrichtigung gefunden, die auf Bad Brückenau verwies. "Die Stadt war uns sehr behilflich", machte sich das Bad Brückenauer Standesamt auf die Suche. Alte Unterlagen weisen darauf hin, dass Horst von Groß in der "Villa Maria" starb. Das denkmalgeschützte Gebäude war damals offenbar ein Lazarett. Heute steht die abgelegene Villa leer, der Freistaat hat vor Jahren angekündigt, das Gebäude abzureißen.

Der Tod im Lazarett passt zu den Familienerinnerungen: "Es hieß, dass er an beiden Beinen angeschossen worden war", berichtet Monika Marzouk. Was genau jedoch kurz vor Kriegsende geschah, weiß heute niemand mehr. "Er könnte vom Alter ja heute noch leben", blickt die 59-Jährige nachdenklich zurück auf ihren 1921 geborenen Onkel, den sie nie kennen lernte.

Nach einem Besuch im Staatsbad machten sich Mutter und Tochter auf den Weg nach Gemünden, wohin Horst von Groß laut Stadtverwaltung am 12. August 1954 umgebettet wurde. Dort nahm sich Klara Maria Strauch viel Zeit und strich nach 67 Jahren zum ersten Mal mit den Fingern über die Buchstaben auf dem Grab ihres Bruders. "Das Grab meines Onkels zu finden, war für meine Mutter ein sehr bewegendes Erlebnis", erzählt Monika Marzouk.

Die Kriegsgräberstätte Einmalberg


Die Kriegsgräberstätte ist ein Waldfriedhof. Sie befindet sich auf dem Einmalberg, unmittelbar neben der Staatsstraße 2303 in Richtung Burgsinn. Der Bergrücken liegt zwischen den Mittelgebirgen Spessart und Rhön. Auf dem Friedhof fanden 1193 gefallene Soldaten mehrerer Nationen aus den beiden Weltkriegen ihre letzte Ruhestätte. Ihre schlichten Gräber nennen den Namen der Gefallenen, sowie Geburts- und Sterbetag. In der Gedenkstätte sind alle Namen noch einmal auf Wandtafeln aufgeführt. In der Gedenkstätte steht eine aus Holz gefertigte Skulptur eines gefesselten Mannes in kniender Haltung.

Der Friedhof wurde am 22. September 1957 eingeweiht. Nach seiner Fertigstellung wurden noch einmal 198 Kriegstote aus 74 Gemeinden zugebettet. Heute verläuft unter der Gedenkstätte die ICE-Strecke der Deutschen Bahn AG von Würzburg nach Fulda.
Am Einmalberg fand auch Hans Lafontaine seine letzte Ruhestätte. Er fiel im Alter von 29 Jahren im April 1945. Zu den Todesumständen machte sein Sohn Oskar Lafontaine auf Anfrage keine Angaben.