Für ihre Arbeit im medizinischen Bereich braucht sie ein dickes Fell. "Benzos geben dir einen richtigen Panzer", sagt Cornelia Franke. Stress, Ängste, Anfeindungen von Patienten oder Kollegen, all das prallt an einem Menschen ab, der Benzodiazepine (kurz: Benzos) konsumiert. "Man fühlt sich wahnsinnig ruhig und allem gewachsen", sagt Franke.Zumindest am Anfang.
Am Ende waren die schlimmsten Tage, wenn die nächste 20-er Packung leer wurde: Unruhe, Ängste, Schweißausbrüche. "Aufstehen, den Arzt anrufen, solche Dinge kommen einem plötzlich wie riesige Hürden vor", erklärt sie. "Am Ende hat sich alles darum gedreht, wie ich meine Happy Pills bekomme." Die behandelnden Mediziner wurden nicht skeptisch, "man hat da ja nicht nur einen Arzt", erklärt Franke. Vier Quellen für ihren Konsum hatte sie am Ende.


Nicht aus der Rolle fallen

"Ich hatte mal eine Klientin mit acht verschiedenen Ärzten", sagt Frankes Suchtberaterin Silvia Hermann von der Caritas. "Frauen gehen da sehr geschickt vor", fügt sie hinzu. Sie sieht in der Medikamentenabhängigkeit ein frauenspezifisches Suchtverhalten: Wer Benzodiazepine konsumiert, fällt nicht auf. "Man riecht es nicht, man ist klar im Kopf, man funktioniert", sagt Franke. "Es geht darum, nicht aus der Rolle zu fallen", sagt Hermann.
Die Gesellschaft toleriere den Rauschzustand bei Männern eher, beispielsweise "betrunken auf dem Dorffest gröhlen", meint die Suchtberaterin. Frauen würden für Ausfälle stärker sanktioniert. Wegen der vielen Erwartungen an die moderne Frau, etwa dass sie Arbeit, Haushalt und Erziehung erledigen und dabei noch gut aussehen müsse, häuften sich Versagensängste und Depressionen, so Hermann. Und eben gegen diese Symptome werden Benzodiazepine verschrieben.
Die Statistik unterstützt Hermanns These: Im Suchtbericht der Bundesregierung vom Jahr 2014 sind insgesamt zwei Drittel aller Süchtigen Männer. Bei der Medikamentenabhängigkeit ist es genau umgekehrt.


Schleichend und unauffällig

Vor fast 30 Jahren hat Cornelia Franke mit den Tabletten angefangen. Sie wurden ihr gegen Angst und Depression verschrieben. Schleichend griff sie dann immer häufiger zu den Pillen: "Ein Patient ist unfreundlich? Tablette. Giftige Worte von Kollegen? Tablette", sagt sie.
Über Jahrzehnte hatte sie immer ein bisschen mehr genommen. Aufgefallen ist es kaum. "Mein Sohn hat es geahnt", sagt sie, auf ihrer Arbeitsstelle aber niemand. Dort fallen Benzosüchtige meist erst auf, wenn sie den Schritt zur Entgiftung gehen - was diesen dann so schwer macht. "Man sieht aus wie ein Zombie: Augenringe, graue Haut. Dazu die Unruhe, Ängste und Depressionen. Genau das, gegen was man die Medikamente ursprünglich eingenommen hat, aber zehn Mal so stark", sagt Franke.


Harter Entzug

Nach rund 25 Jahren ging es dann zu weit. Der tägliche Aufwand, um an die Tabletten zu kommen, wurde ihr zu viel. Dazu hatte sich ihr Konsum auf eine lebensgefährliche Dosis erhöht. "Nach neun Tabletten an einem Tag lag ich abends im Bett und habe mich gefragt: Überlebe ich die Nacht?" Das war ihr Schlüsselerlebnis, das sie zu einem klinischen Entzug bewegte.
Sie ging für drei Wochen in eine Klinik zur Entgiftung. Hier wurde sie von Halluzinationen, Schweißausbrüchen und Ängsten geplagt, hat es aber geschafft. "Damit ist es jedoch nicht vorbei", sagt sie.
Seit ihrer ersten Entgiftung vor vier Jahren steht sie mit Hermann in Kontakt, Franke stimmte einem zweiten, monatelangen Klinikaufenthalt zu. "Es tut gut, mit jemandem zu reden, der nicht wertet", sagt sie. Zwar spreche sie mit ihren engsten Verwandten, doch die könne sie nicht anrufen, wenn sie ein Päckchen in der Hand hält und Schweißausbrüche bekommt oder rückfällig wird.
Laut Suchtbericht ist die Zahl der Medikamentenabhängigen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Besonders ältere Frauen neigten zur Tablettensucht. Franke will am Ende des Gesprächs noch jedem Konsumenten raten, den eigenen Konsum zu hinterfragen und sich bei Bedarf helfen zu lassen.
Die Caritas-Suchtberatung ist unter 0971/ 72469200 erreichbar.