Was waren das für aufregende Zeiten Mitte der 90er Jahre, als der WSV Oberweißenbrunn echte Stars der Wintersportszene präsentierte. Bemerkenswert, dass René Sommerfeldt und Andreas Schlütter bis heute Mitglied im Rhöner Wintersportverein sind. Und zwar aus Überzeugung. Im schwedischen Falun geht Andreas Schlütter ans Telefon. Dort ist der 48-Jährige in diesen Tagen in seiner Eigenschaft als sportlicher Leiter für den Skilanglauf im deutschen Skiverband, um die Athleten vorzubereiten auf die anstehenden Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Oberstdorf. "Ich schaue sehr gerne auf die Zeit beim WSV zurück, der mir in einer schweren Zeit sehr geholfen hat", sagt der aus Zella-Mehlis stammende Thüringer, der mittlerweile in Wörthsee bei München lebt.

Der Wechsel nach Oberweißenbrunn im Herbst 1994 war nach einer schweren Verletzung auch so etwas wie ein Neuanfang für Schlütter, der bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City Bronze gewann und im Einzel über die 50 km als Vierter nur knapp eine Einzelmedaille verpasste. Vier Jahre später reichte es in Turin sogar zu Staffel-Silber. Eine Anekdote hat Andreas Schlütter auf Nachfrage schnell parat: "An meinem 30. Geburtstag haben mich die Oberweißenbrunner mit einem Besuch überrascht. Über das mitgebrachte Klosterbier haben sich meine Gäste sehr gefreut, ich durfte ja als Leistungssportler damals nicht davon kosten." Der Thüringer war sich nicht zu schade, ein Sommertraining für den Nachwuchs abzuhalten ("Ich wollte dem Verein auch etwas zurückgeben") und war auch bei der Beerdigung des Ehrenvorsitzenden Kilian Abert, der im September 2019 verstarb. "Das war mir wichtig, so einem Mann die letzte Ehre zu erweisen."

Das ganze Dorf war auf den Beinen

René Sommerfeldt hat den Draht in die Rhön ebenfalls nie abreißen lassen. "Das war eine schöne Zeit. Das ganze Dorf war auf den Beinen, wenn wir in Sachen Langlauf unterwegs waren", sagt der gebürtige Oberlausitzer, der als Jugendlicher in die Sportschule nach Klingenthal kam, später nach Oberwiesenthal wechselte, wo der 46-Jährige aktuell Jugendtrainer am Olympia-Stützpunkt ist. Praktisch zeitgleich mit Schlütter fand der ehemalige Cheftechniker im DSV am Fuße des Kreuzbergs eine sportliche Heimat. "In der Jugendnationalmannschaft standen damals mit Marc Jeschke, Thomas Schrenk oder Volker Neumann auch WSV-Sportler. Da kommt man natürlich ins Gespräch. Mein Kumpel Heiko Zühlke war kurz zuvor aus Clausthal-Zellerfeld nach Oberweißenbrunn gewechselt. Wir waren eine bunte Truppe, aber als Helden haben wir uns nie gefühlt", sagt der ebenfalls hochdekorierte Sommerfeldt, der seinen absoluten Karriere-Höhepunkt im Jahr 2004 feierte mit dem Gewinn des Gesamt-Weltcups, da schon im Trikot des WSC Oberwiesenthal.

"Das war schon klasse, als wir nach den Weltmeisterschaften in Lahti in München gelandet sind und von den Oberweißenbrunnern samt Blaskapelle am Flughafen empfangen wurden", erinnert sich Sommerfeldt, der in Finnland Einzel-Silber und mit Andreas Schlütter Staffel-Bronze für Deutschland - und den WSV gewonnen hatte. "Aus meiner gesamten Karriere habe ich wohl an die 200 000 Trainings-Kilometer in den Beinen. Auf Skiern, auf dem Rad oder mit Laufen", sagt Sommerfeldt.

Insbesondere durch das Engagement von Kilian Abert fanden sich für die Top-Athleten im Verein diverse Sponsoren samt einer verbesserten beruflichen Perspektive. Geblieben sind Freundschaften und regelmäßige Kontakte. Beispielsweise zu Ewald Reulbach. "Ich weiß noch, wie Rene vor seinem Wechsel zu uns mit seiner Freundin ganz überraschend bei mir vorbeischaute. Wir sind dann gleich zum Kilian Abert gefahren, der alles weitere in die Wege geleitet hat", erinnert sich der WSV-Schriftführer.

Legendäre Feiern

Bei den legendären Wintersportabschlüssen feierte die Skisport-Prominenz Seite an Seite mit ihren Fans, die das Duo auch vor der Haustür erlebten beim Nachtskisprint im Januar 1997. Ein Jahr später gewann der WSV Oberweißenbrunn die Deutsche Meisterschaft in der Vereinsstaffel in der Besetzung Andreas Schlütter, René Sommerfeldt und Wolf Wallendorf. 20 Jahre später kam es in Reit im Winkl zu einer überraschenden Neuauflage dieses Wettbewerbs, fast in der alten Besetzung, mit Thomas Schrenk als Wallendorf-Ersatz. "Das zeigt den Geist in diesem Team. Andreas Schlütter hatte sich damals bei uns gemeldet, weil er diese Vereinsstaffel wiederbeleben wollte", weiß Ewald Reulbach. Im Feld der 131 Staffeln reichte es immerhin zu Platz 29. Gefeiert wurde das Rhöner Trio von den mitgereisten Fans aber wie ein Champion.