Wer weiß? Würde Robert Hettich noch Sportleiter bei Türkgücü München sein und Rainer Maurer Trainer - Thomas Haas hätte vielleicht keine Corona-Pause gehabt und wäre jetzt Drittliga-Spieler. Vielleicht. Sicher indes: Der 23-Jährige steht seit Februar beim Fußball-Regionalligisten FC 05 Schweinfurt unter Vertrag. Und hat Zeit, sein Studium voranzutreiben. Haas hat ohnehin kein Problem damit, Dinge zu nehmen wie sie kommen: "Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch und lache eigentlich immer."

Auch wenn ihm das in München im vergangenen Jahr gründlich vergangen ist. Stammspieler war er bei den Türken in der im März 2020 unterbrochenen Regionalliga-Runde, aufgestiegen ist er mit ihnen am Grünen Tisch. "Wir waren heiß auf die Dritte Liga, waren voller Euphorie. Doch dann wurde alles umstrukturiert, obwohl man uns Spielern ganz anderes erzählt hatte. Es kam ein neuer Trainer, ich spielte keine Rolle mehr und habe von einem Tag auf den anderen erfahren, wie hart das Fußballgeschäft laufen kann" - Haas wirkt in seinem Rückblick verärgert, aber nicht verbittert. Denn inzwischen ist Hettich in Schweinfurt, hat an seiner Verpflichtung mitgewirkt und "ein großartiger, so noch nie erlebter Empfang durch die Mannschaft" habe sein übriges getan, dass sich der gebürtige Viechtacher in Unterfranken wohl fühlt.

Optimistisches Naturell

"Ich bin einfach nur happy, wieder auf dem Platz zu stehen", sagt er dazu, dass der FC 05 in der Regionalliga Bayern wegen seines Profi-Status neben Bayreuth als einziger Klub trainieren darf. "Das ist Luxus, ein echtes Privileg." Dass die Freude über die Arbeit mit dem Ball, die Motivation, die nächsten Woche, abflachen könne angesichts weiterhin nicht möglicher Testspiele und eines drohenden Liga-Abbruchs, glaubt Haas mit Blick auf die immerhin noch zu absolvierenden Play-offs mit Bayreuth und Aschaffenburg nicht. Das passt auch nicht zu seinem optimistischen Naturell.

Das er als erstes nennt, wenn er nach den Qualitäten gefragt wird, die er mit nach Schweinfurt gebracht hat. "Von mir wird man nie Negatives auf dem Platz hören. Ich versuche immer mich selbst und alle Anderen zu pushen. Ich bin ein absoluter Teamplayer, der sich für die Mannschaft aufopfert." Dass der Rechtsverteidiger technisch nicht der filigranste ist, weiß er selbst: "Aber ich bearbeite meine Seite, laufe rauf und runter, kämpfe bis zum Umfallen, gehe entschlossen in Eins-zu-Eins-Situationen, offensiv wie defensiv." Ein Zu-Null-Spiel sei für ihn das Höchste.

Mit 18 Jahren ins Ausland

Das Höchste hätte fraglos auch sein Auslands-Engagement werden können. Mit 18 Jahren nach Finnland in die Erste Liga - das hat nicht jedes Fußball-Talent in seiner Vita stehen. 2017 war für den TSV 1860 München das Katastrophen-Jahr: Beide Männer-Mannschaften, die U 19 und die U 17 waren abgestiegen, Haas, damals bei den Löwen unter Vertrag, wollte nur noch weg. "Ich hatte gerade das Abi gemacht, wollte noch nicht studieren und mein Berater hatte Kontakte nach Finnland." In der Tat: Es folgte ein überraschender Anruf aus dem hohen Norden. Eine Woche später stand Haas auf dem Trainingsplatz und nach einigen Probe-Einheiten unter Vertrag beim damaligen Tabellenzweiten VPS Vaasan Pallosenra.

"Das war schon geil, wir haben in der Euro-League-Quali gegen Bröndby Kopenhagen und Olimpija Ljubljana gespielt. Auch wenn ich noch nicht die Lizenz für eigene internationale Einsätze hatte, ich war mit im Flieger und durfte alles hautnah erleben." Es lief gut an für Haas, doch dann zog er sich eine Schambein-Entzündung zu und musste länger pausieren. Schlimmer noch: "Ich bekam fürchterlich Heimweh nach meiner Familie und meiner Freundin, mit der ich auch heute noch zusammen bin. Ich muss zugeben: Ich hatte das unterschätzt. Ich hätte später ins Ausland gehen sollen, als ich im Kopf reifer war."

Angehender Wirtschaftsingenieur

Doch dann hatte das Leben wieder etwas anderes mit Thomas Haas vor: Im Februar 2018 ging es zum Regionalligisten VfB Eichstätt und als Amateurkicker war Zeit, in Ingolstadt ein Studium zum Wirtschaftsingenieur zu beginnen. "Das war mein Plan B und ich wollte es auch in jedem Fall beenden." Derzeit befindet sich Haas im siebten Semester, hat die Prüfungen hinter sich, muss noch zwei Seminare online sowie ein Praktikum absolvieren und die Bachelor-Arbeit schreiben. Dass er anschließend, wie Teamkollege Adam Jabiri als Architekt, tatsächlich neben dem Fußball gleich in seinem Beruf arbeiten wird, glaubt Haas aber nicht: "Ich will in die Dritte Liga, in den Profifußball, mit dem FC 05 Schweinfurt, am besten schon im Sommer."Michael Bauer