Seit einigen Wochen ist Robert Hettich Sportlicher Leiter beim Fußball-Regionalligisten FC 05 Schweinfurt. Als Kaderplaner war er zuvor bis Februar 2020 mitverantwortlich für den Drittliga-Aufstieg des damaligen Liga-Konkurrenten Türkgücü München. Davor war der 45-Jährige beim TSV 1860 München von 2000 bis 2011 Leiter der Medienabteilung und Teammanager, anschließend vier Jahre Experte bei verschiedenen Bundesliga-Sendern sowie von 2016 bis 2018 bei Wacker Burghausen für Kaderplanung und Marketing verantwortlich. Der studierte Sportmanager ist noch bis Saisonende Spielanalyst bei Sky für die Champions League, Bundesliga und Zweite Liga. Im Gespräch mit dieser Redaktion spricht Hettich über sein Aufgabenfeld und die Perspektiven des FC 05.

Frage: Seit Jahresbeginn sind Sie offiziell im Amt als neuer Sportleiter des FC 05 Schweinfurt. Beinahe postwendend gab's den ersten Winter-Neuzugang. Sie sind ja schneller als die Feuerwehr.

Robert Hettich: Es dauert keine Stunde, dass man im neuen Amt ist, und schon kommen die Berater (schmunzelt). Und alle haben sie die besten Spieler, die aber arbeitslos sind, nicht zum Zug kommen, verletzt waren und ohne Spielpraxis sind. Im Winter ist die Situation extrem schwierig: Es bringt ja nichts, Jemanden dazu zu holen, nur, damit man Jemanden geholt hat. Das muss ja auch zum vorhandenen Personal passen.

Bei Daniel Adlung hat es demnach gepasst.

Ja. Da liefen die Gespräche mit Geschäftsführer Markus Wolf und dem Trainerteam schon, bevor ich da war. Und ich habe mich über alle Leute, die man über die vielen Jahre kennengelernt hat, informiert. Zum Beispiel über Marco Kurz, den er zuletzt als Trainer in Adelaide hatte und den ich noch aus der Zeit beim TSV 1860 München kenne. Und auf den ich vor ein paar Jahren ganz witzig wieder gestoßen bin.

Witzig?

Das war in New York. Ich war mit Freunden dort, die aber lieber im Central Park Radfahren waren. Am letzten Spieltag spielte New York City FC in diesem gewaltigen Baseballstadion der Yankees in der Bronx, das ich eh mal sehen wollte. Ich laufe da so ums Stadion, denke plötzlich: Den da kennst du doch. Ich gehe hinterher, spreche ihn an - und dann war das Marco Kurz, den ich seit der Sechziger-Zeit vier, fünf Jahre nicht mehr gesehen habe, obwohl wir beide in München wohnen. Er war auch im Urlaub. Wir haben das Spiel zusammen geschaut, über die gemeinsame Zeit bei Sechzig geplaudert und sind dann nach dem Spiel mit der Bahn zurück nach Manhattan gefahren. Ich habe ihn zwar seitdem wieder nicht mehr gesehen, aber ihn angerufen und mich über Adlung schlau gemacht. So ein Meinungsaustausch ist schon wichtig, um ein Gefühl für den Spieler zu bekommen.

Was ist das für ein Typ?

Offenbar ein guter. Ja, klar. Aber entscheidend war unser persönliches Gespräch, um zu sehen: Wie viel Feuer hat der noch? Hat der wirklich Bock auf den FC 05? Und den Eindruck hat er mehr als deutlich vermittelt. Man hätte ja auch denken können: Er ist aus Australien zurück, macht in der zweiten Fürther Mannschaft Führungsspieler und Co-Trainer, bereitet sich auf den Trainerjob vor und übernimmt dann beispielsweise die Greuther U15. Aber so ist es nicht: Er will noch einmal Erfolg haben. Und er ist einer, der die Jüngeren und auch noch 28-Jährige führen kann.

Genau der Typ Spieler, der wichtig ist, wenn sich die Aufstiegsfrage in den Regionalliga-Play-offs und möglicherweise anschließend der Relegation zur Dritten Liga entscheidet. Davon gibt's in Schweinfurt eigentlich nur Adam Jabiri.

Genau. Ich vergleiche das gerne mit Eishockey. Wenn die Hauptrunde da vorbei ist, werden in der NHL ja auch noch einmal Drafts extra für die Play-offs getätigt. Spieler, die den Unterschied machen können. Und wir haben im Kader eben nicht so viele Spieler mit Profierfahrung.

Beim FC 05 sind die Erwartungen im Umfeld traditionell hoch. Da heißt es: Jetzt kommt der Hettich und bringt hoffentlich einen Stall voll Spieler mit.

Nein. Gott sei Dank bin ich nicht auf Facebook, da bekomme ich die Diskussionen nicht mit. Aber die Leute sollten ohnehin die eigene Mannschaft nicht unterschätzen, die war ja mit Türkgücü lange auf Augenhöhe und wurde im Sommer noch einmal verstärkt. Diese Mannschaft hat die Qualität, aufzusteigen. Das hat sie auch zum Beispiel im Pokalspiel auf Schalke gezeigt. Nicht nur, wie sie einen Bundesligisten permanent unter Druck gesetzt hat, auch wie sie das 1:0 von Martin Thomann herausgespielt hat. Dieser Thomann hat so ein Potenzial, keine Ahnung, warum der mal in seiner Karriere falsch abgebogen ist. Jetzt ist er auf dem richtigen Weg. Die Jungs wollen in den Profifußball. Das geht mit Schweinfurt, nicht mit Garching oder Eichstätt.

Es gibt aber Positionen mit Ergänzungsbedarf. Ein Innenverteidiger wäre nach dem Weggang von Pius Kretschmer nicht verkehrt. Und ein zweiter überragender Stürmer, da Adam Jabiri mit seinen 36 Jahren verletzungsanfällig ist.

Natürlich sichten wir den Markt. Aber wir machen nichts, was in die Breite des Kaders geht, dafür ist viel zu ungewiss, wie viele Spiele wir noch haben werden. Es müsste hundertprozentig passen und der Spieler müsste uns sofort weiterhelfen können. Und überhaupt zu uns wollen. Es bringt uns ja nichts, einen Spieler zu verpflichten, der dann sagt: "Kruzifix, jetzt muss ich täglich nach Schweinfurt fahren. Eigentlich will ich lieber in die Allianz Arena." Das funktioniert dann nicht. Die Prämisse dabei muss sein: Derjenige muss deutlich besser sein als das vorhandene Personal.

Wenn man den FC 05 Schweinfurt und Türkgücü München vergleicht: Große Unterschiede in der Vereinsstruktur, aber bis zum Drittliga-Aufstieg der Türken eine ähnliche Personalplanung. Bis auf einzelne Spieler wie Marco Holz, den hat Türkgücü bekommen damals, Schweinfurt jetzt nicht - er ging lieber nach Innsbruck.

Holz kannte ich noch von Sechzig. Nach Burghausen habe ich ihn auch nicht bekommen. Aber als ich für Türkgücü plante, waren das andere Voraussetzungen: Sein Vertrag in Saarbrücken lief aus, er wollte zurück nach München und wir konnten eine Perspektive Richtung Dritte Liga bieten. Mit ihm sind andere dazugekommen, weil die Spieler gesehen haben, dass sich etwas Positives entwickelt. Es kamen Profis wie Benedikt Kirsch oder Mario Erb. Ansonsten haben wir jedoch überwiegend junge, hungrige Spieler aus der Regionalliga geholt.

Wäre das auch Ihr Konzept für den FC 05? Ein Zugpferd verpflichten, um im Schlepptau ambitionierte Talente zu bekommen?

Das kann auch ein Spieler wie Adlung sein. Aber das kann man nicht detailliert planen. Bei Holz hat sich Vieles ergeben. Er war in der Kabine ein großartiger Typ, ein wesentlicher Spieler. Zum Führungsspieler wird man auf dem Platz. Durch Leistung. Den Anspruch muss man aber vielseitig beweisen. Auch neben dem Platz, mit der Art zu leben oder der Trainingsvorbereitung - daran können sich junge Spieler orientieren. In Schweinfurt kann man schon auf junge Spieler von Zweitligisten achten, die dort für die Anforderungen noch nicht so weit sind, aber mit dem FC 05 in die Dritte Liga können. Das müssen eigenverantwortliche Typen sein, die sich jeden Tag verbessern wollen, die ihren Körper als Kapital sehen und entsprechend pflegen. Weil: Talent haben die ja alle, jedes Jahr kommen über 500 sehr gut ausgebildete Jungs aus den Nachwuchsleistungszentren. Mein Aufgabe ist es, Spieler mit diesen Charakterzügen zu finden.

Im Vergleich zum schicken Standort München dürfte es im rustikalen Schweinfurt ein härteres Brot werden, Talente mit Bundesliga-Potenzial in die Stadt zu locken.

Es gibt auch einen Markt für Schweinfurt. Entscheidende Faktoren sind Trainingsgelände und Infrastruktur - und natürlich die sportliche Perspektive. Bei Türkgücü hatten wir ja nicht einmal eine eigene Mannschaftskabine. Wenn einem Schweinfurt nicht genügt, muss er halt in München spielen. Doch wenn er da nicht zum Einsatz kommt, dann helfen ihm die schönen Cafés auch nicht weiter. Spieler sind bei einem Verein, um ihrem Beruf nachzugehen. Für mich war's ja auch nicht ausschlaggebend, ob man in Schweinfurt schick weggehen kann. Aber ich habe gesehen, es gibt hier einen Eishockey-Verein (lacht). Ich bin großer Fans der Edmonton Oilers, bin mal extra rüber geflogen, um vier Spiele in einer Woche sehen zu können. Und den ERV Schweinfurt werde ich mir sicher auch mal anschauen.

Der ERV dürfte jedoch kaum der Grund gewesen sein, sich für Schweinfurt zu entscheiden.

In München war neben der sportlichen Perspektive ausschlaggebend, dass es vor der Haustüre war und ich den Fußball mit meinem Analyse-Job bei Sky verbinden konnte. Und ich konnte dort eine Mannschaft praktisch von Null aufbauen. Der Reiz an Schweinfurt ist der Verein selbst, wie er strukturell aufgestellt ist. Geführt von Markus Wolf, der als Geschäftsführer und Hauptsponsor Verantwortung übernimmt. Und natürlich will ich mithelfen, diesen Verein endlich wieder in den Profifußball zu bringen.

Das Gespräch führte Michael Bauer