Jana steht auf Walther. Und ist schon mal eifersüchtig. "Da darf niemand anders ran." Für die 19-Jährige gibt es jedenfalls nichts Besseres - in Sachen Sportwaffen. Das High-Tech-Luftgewehr macht Eindruck. Die Waffe ihres Vertrauens heißt exakt Walther LG 300 xt Anatomic. Hört sich wissenschaftlich an, und ist es auch irgendwo. Schließlich schießt die Premicherin für den SV Lauertal Burglauer in der 2. Bundesliga Süd. An Nummer eins. Was heißt, dass die Schülerin stets gegen die aktuell besten Schützen der anderen Teams antritt.
Diesmal bekommt es Jana mit Pavla Kalna zu tun aus der Bundesliga-Reserve der SG Coburg. Noch eine Frau. Kein Zufall. Weil es keine Geschlechter-Trennung gibt. "Frauen sind oft sogar die besseren Schützen", erzählt Wolfgang Back. Der 49-Jährige muss seine These nicht groß belegen. Schließlich haben im Lauertal-Team die Frauen eine 3:2-Mehrheit. Der Schützenmeister des SV Lauertal steht beim ersten und einzigen Heimkampf in dieser Saison hinter dem Tresen, während nebenan in der Rudi-Erhard-Halle längst die Vorbereitungen auf den Wettkampf begonnen haben.

Der Laie staunt. Weil in Burglauer in Sachen Schützen-Sport ein Aufwand betrieben wird, der verblüfft. Voll elektronisch ist die Anlage. Was heißt, dass die Zuschauer über eine Video-Einblendung umfassend informiert sind, wenn die jeweils fünf Schützen pro Team gemeinsam am Schießstand antreten. Überhaupt ist die Atmosphäre professionell und locker zugleich. Protagonisten und Zuschauer sind nur von einer kleinen Bande getrennt, Musik läuft und während des Wettkampfs gibt SV-Trainer Andreas Binder über Mikro kurze Analysen. Die Konzentration der Sportler stört das nicht. "Wenn mal eine Anfeuerung aus dem Publikum kommt, hilft das sogar", findet Jana Schlesinger.

Bereits zwei Stunden vor dem Duell mit dem Tabellenführer beginnt das Einschießen. "Ich überprüfe, ob alles passt, damit ich im Wettkampf die nötige Sicherheit habe", klärt Jana auf. Aufgrund des Heimvorteils sind Lichtverhältnisse und Standhöhe kein Problem. Teil der Vorbereitung ist die Waffenkontrolle, die Jürgen Schlesinger und Timo Schmitt vornehmen. Maximal darf das Sportgerät 5,5 Kilogramm wiegen. "Mein Gewehr ist an der oberen Grenze, weil ich mit einer schwereren Waffe ruhiger schieße", klärt Jana auf, um anschließend zu verschwinden. Mental zumindest. "Etwa eine Stunde vor dem Wettkampf ziehe ich mich zurück, um in Ruhe meinen Ablauf durchgehen zu können." Das alles mit Musik über Kopfhörer. "Meistens höre ich Linkin Park, Volbeat oder Billy Talent. Damit pushe ich mich richtig."

Nach dem zehnminütigen Probeschießen beginnen die fünf Duelle. Und es sind richtige Duelle, weil die Gegner stets Seite an Seite stehen. Psycho-Spielchen mit dem Rivalen? Gehören dazu. "Da gibt es viele. Aber meine behalte ich für mich, das ist mein Geheimnis." Binnen 50 Minuten muss jeder Sportschütze seine 40 Schuss abgegeben haben. 400 Ringe sind also maximal zu erreichen. Die Bestleistung von Jana steht bei phänomenalen 398 Ringen. Was heißt, dass bei 40 Schuss lediglich zwei eine "9" waren. Wobei die Präzision der Schüsse sogar in Zehntel angegeben wird. Der bestmögliche Schuss ist eine "10,9". Was ebenso als "10" gewertet wird wie eine "10,0". Mit ihren 95 Ringen nach zehn Schuss ist Jana nicht zufrieden und sucht den Kontakt zu ihrem Vater Jürgen, der den Bewegungs-Ablauf seiner begabten Tochter mit Argus-Augen verfolgt. Vor wenigen Tagen noch hat Jana krankheitsbedingt das Bett hüten müssen. So ganz auskuriert ist die Erkältung nicht. Und Schießen auf diesem Niveau ist anstrengend. "Ich habe ihr geraten, den Zielvorgang etwas zu beschleunigen", verrät der 49-Jährige.

Kein banaler Tipp, weil die Phase vor der Schuss-Abgabe eine diffizile ist. Vor jedem Schuss wird der Anschlag kontrolliert und der Ruhepuls gesucht, um die Muskulatur zu entspannen. Es werden mehrere Atemzüge gemacht, ehe die Atmung flacher wird, um schließlich die Zehn ins Visier zu nehmen. "Beim Abzug selbst gibt es keine Bewegung mehr, nur der Fingerdruck wird erhöht", weiß Jürgen Schlesinger. "Man soll nur abdrücken, wenn man ruhig auf dem Ziel steht. Sobald man denkt, das wird eine Neun, soll man den Schuss sofort abbrechen. Denn dann wird es meistens auch nur eine Neun", ergänzt Jana.

Prompt trifft die Premicherin wieder besser, die in den folgenden 30 Schuss nur fünf "9er" schießt und damit auf eine Gesamtzahl von 390 Ringen kommt. "Solange die "9" in der Mitte steht, ist das schon in Ordung", grämt sich die Jung-Schützin nicht allzusehr über die Tatsache, dass ihre Kontrahentin 393 Ringe sammelt, womit der Punkt nach Coburg geht. Und gegen die tschechische Nationalschützin Pavla Kalna kann man jederzeit verlieren. Mit ihren 390 Ringen war Jana Schlesinger wieder einmal die Beste in ihrem Team, das gegen die übermächtige Konkurrenz aus Coburg und später gegen die FSG München II jeweils mit 0:5 scheitert. Gegen die Münchnerin Michaela Walo (388) stand zur Janas Enttäuschung die "9" nicht in der Mitte angesichts der 385 Ringe - für die ehrgeizige Rhönerin ein schwaches Ergebnis. Gar nur 382 Ringe gelangen gegen die Oberbayern ihrem tschechischen Teamkollegen Ondrej Roszypal, und der will sich im Januar für die Olympischen Spiele qualifizieren.
Jana Schlesinger werden diese beiden Niederlagen nicht aus der Spur bringen. Seit neun Jahren schießt die 19-Jährige aktiv, erst für den SV Eichelkranz Premich, mittlerweile für den SV Burglauer. Die Treffsicherheit kommt nicht von ungefähr. "Ich bin vier Jahre lang jedes zweite Wochenende nach München gefahren zum Bayernkader-Lehrgang oder zu Wettkämpfen. Drei- bis viermal in der Woche trainiere ich mit dem ehemaligen Nationalkaderschützen Steffen Herdel von der BSG Bergrheinfeld, für die ich Kleinkaliber schieße, oder mit dem Bezirkskader-Trainer Bernd Back. Auch gerne mal am sogenannten Home-Trainer am PC, wo man Ziel-Bewegungen macht und auch den ein oder anderen Fehler entdeckt, den man dann abstellen kann."

Und wer sich regelmäßig mit Weltklasse-Sportlern im Wettkampf misst, darf seine Träume auch offensiv leben. "Mein Ziel von klein auf ist es, einmal im Nationalkader zu schießen und Deutschland vertreten zu dürfen", plaudert Jana. Natürlich nur mit Walther an ihrer Seite.