"Mann, ist das kalt", sagt Martin Thomann, als er an einem Dezember-Mittwoch ein paar Hütchen auf eine Wiese in den Schweinfurter Wehranlagen wirft. Kurz wird der Ball hochgehalten, dann durch den Parcours gesprintet, ehe - als kleine Steigerung - noch ein Kinetic Band angelegt wird, das beim Muskelaufbau helfen soll. "Es ist wichtig, dass man sein Ballgefühl nicht verliert", wirft der Mittelfeld-Allrounder des FC 05 Schweinfurt ein, während er wieder mit dem Spielgerät jongliert.

Ihn und seine Teamkollegen, die unter Profi-Bedingungen arbeiten, trifft der Lockdown samt des Mannschaftssport-Verbots hart. Vor gut einem Monat hatten die Nullfünfer in Gelsenkirchen noch Profi-Luft geschnuppert. Thomann und Co. brachten Bundesligist Schalke 04 beim 1:4 im DFB-Pokal an den Rande einer Niederlage, der 26-Jährige machte nach einer starken Einzelleistung gar das zwischenzeitliche 1:0. "Ein Tor, von dem ich noch meinen Kindern erzählen werde, wenn ich denn mal welche habe." Thomann, der noch in der Versicherungsbranche selbstständig ist, steht spätestens seitdem im Rampenlicht - auch, wenn gar keins da ist. "Darf ich dir auf Instagram folgen?" ruft eine Passantin dem Mittelfeldmann zu, während er einsam und allein ein paar Übungen absolviert. Er grinst. "Na klar!"

Und dann geht's weiter im Programm, das derzeit doch recht abgespeckt ist. "Viel kann man auch nicht tun. Koordinationstraining, Schnellkrafttraining, Techniktraining." Auf das Zocken mit Freunden oder den Teamkameraden muss der frühere Aubstädter derweil verzichten, "leider ist man das ja mittlerweile gewöhnt. Wir haben ja seit März nur noch sehr unregelmäßig gespielt. Ich hoffe, dass die Lage bald wieder besser wird, denn das Training und Spiel mit dem Ball fehlt schon extrem."

Der Video-Check

So hat sich der Dittelbrunner daheim in Ebenhausen ein "Trainingszentrum" aufgebaut. Sein schelmisches Grinsen verrät: Das war nicht immer so. "Das war früher auch mal das Wohnzimmer. Da trainiere ich meist zwei Mal am Tag mit einem Handtuch, einer Matte und eventuell noch einer Klimmzugstange - früh und abends." Freundin Selina mache da mit, versichert er, "auch wenn jetzt die ganze Weihnachtsdeko kommt. Im Ernst: Wenn sie nicht ein bisschen mittrainiert, dreht sie unter anderem Videos, damit man anschauen kann, ob ich die Übungen richtig gemacht habe."

Thomann, der als Trainingsbesessener gilt, quält sich auch mal gern. "Wenn man nichts tut, kann man auch nicht weiterkommen im Leben." Kaum sind diese Worte über seine Lippen gekommen, packt er die Utensilien wieder in den Kofferraum. "Mir ist's zu kalt! Ich mach daheim weiter!" Dort liest er auch mal ein Buch, "ab und zu zumindest". Und wenn der Nullfünfer Laufen geht, kommt öfter auch sein Bruder Markus mit, der im Kader des Landesligisten SV Euerbach/Kützberg steht. "Wir schauen uns dann gegenseitig was ab. Er ist einfach brutal fit."

In Gefahr, die Weihnachtsdeko umzuwerfen, kommt Michael Dellinger, Thomanns früherer Mitstreiter beim TSV Aubstadt, nicht. "Ich wohne allein, bin solo und geh dann doch lieber raus", scherzt der Schweinfurter, der fünf Jahre für den Würzburger FV gespielt hat, als er sich am Schweinfurter Baggersee lockert. Auch wenn er in seinem Arbeitskollegen Murat Akgün, dem früheren Spielertrainer von Türkiyemspor Schweinfurt, einen persönlichen Coach gefunden hat, ist er mit der derzeitigen Situation alles andere als glücklich.

Wie ein Kreuzbandriss...

"Die ständigen Pausen sind für ältere Spieler wie ein Kreuzbandriss. Unterbrechung, Belastung, Unterbrechung. Damit habe ich zwar kein großes Problem, weil ich noch nicht so alt bin, vielen anderen macht das aber zu schaffen." Den 27-jährigen Mittelfeldspieler, der bei einem Automobilzulieferer in Vollzeit als Facharbeiter im Musterbau arbeitet, stört es vielmehr, dass man im Lockdown auf viele Übungen mit dem Ball verzichten muss. "Der Ball ist für den Fußballer wie die Freundin. Wenn die die ganze Zeit nicht da ist, ist das auch nicht schön."

Um sich ein bisschen abzulenken, hielt sich Dellinger - als es noch erlaubt war - zusammen mit befreundeten Fußballern aus der Gegend fit. "Wir sitzen ja alle im gleichen Boot und müssen die ungewohnte Situation meistern. Natürlich tauschen wir uns da aus." Nun geht es meist nur noch mit Akgün an den Badesee. "Unserem Aubstädter Trainer Victor Kleinhenz schicke ich immer wieder Screenshots, damit er sieht, dass ich unsere Laufpläne erfülle", so der frühere Würzburger Publikumsliebling, der vor allem das Miteinander vermisst. "Jetzt wird einem echt bewusst: Es war so schön. Man liefert ein tolles Spiel ab, macht vielleicht ein Tor, feiert mit den Fans und dann mit den Jungs in der Kabine. Früher war das selbstverständlich und heute fehlt's - und zwar richtig."

Dass er mit dem 42 Jahre alten Akgün nahezu täglich über Fußball quatschen und Pläne schmieden kann, lindert die Wehmut ein bisschen. "Murat ist einfach auch absolut fußballverrückt. Er hält mich fit und ich halte ihn fit. Wir machen viel für die Athletik und die Kraft." Und wenn der frühere FT-Schweinfurt-Akteur mal nicht da ist, passt Dellingers Sohn Lean Carlo auf, dass der Papa nicht zu sehr zur Ruhe kommt. "Er wird jetzt bald drei. Mit ihm mache ich natürlich auch schon Ballspiele." Was den geliebten Fußball nicht ersetzen kann. "Ohne Zuschauer ist das nicht das Gleiche." Doch wie Thomann kennt auch er das Wort "aufgeben" nur vom Hörensagen. Beide sind heiß, wollen wieder auf den Platz. Und fit sein, wenn es wieder losgeht.Dominik Großpietsch