Der letzte Ball ist längst gerollt. Sein letztes Punktspiel bestritt der SCK Oberwildflecken am 17. Mai 2015. Bei der 1:2-Niederlage gegen die DJK Schondra II hatte Uli Weikard das letzte offizielle Tor für die Kreuzberg-Kicker in der B-Klasse Rhön 1 geschossen, die der SCK als Zehnter abschließen sollte. Und damit einen Platz hinter dem SV Wildflecken, mit dem man eine Spielzeit später eine Spielgemeinschaft einging, die im Jahr 2018 wieder gelöst wurde. Was irgendwie typisch ist für den 400-Seelen-Ort, der immer wieder nach einer eigenen Identität suchen musste.

Der "Sportclub am Kreuzberg" ist nicht nur Unterfrankens höchstgelegener Sportverein, er hat auch eine gesellschaftliche Bedeutung, die weit über den Sport hinausgeht. Um die öffentlich recht ungewöhnliche Rolle des SCK zu verstehen, muss man wissen, dass Oberwildflecken überhaupt kein Rhöner Dorf im eigentlichen Sinne ist.

Bewegte Flüchtlingsgeschichte

Die zunächst namenlose Siedlung entstand erst im Jahr 1940 als eine Munitionsanstalt mit Wohngebäuden, Baracken, Hallen und Anschluss an die Sinntalbahn im Heeresgutsbezirk Wildflecken. Bis heute nennen die Rhöner das Dorf Oberwildflecken aus diesem Grund "Die Muna". Und die Bewohner bezeichnen sich selbst augenzwinkernd als "Munanesen". Im Jahr 1951 kam der Ort zur Gemeinde Neuwildflecken und 1970 durch Zusammenschluss der Gemeinden zu Wildflecken.

Viele Bewohner Oberwildfleckens verbindet eine bewegte Flüchtlingsgeschichte in der Familienhistorie. Über Jahrzehnte war Oberwildflecken und damit auch der SCK von einem kontinuierlichen Kommen und Gehen geprägt. Das soziale Miteinander über Kulturen, Nationalitäten und Generationen hinweg wurde letztlich zum unverkennbaren Markenzeichen des SCK Oberwildflecken.

Dass der Sportverein mit seiner über Jahrzehnte leidenschaftlich um die eigene Existenz kämpfenden Fußballmannschaft nicht von allen Rhönern innig geliebt wurde, schweißte die "Munanesen" noch enger zusammen.

"Die Euphorie in Sachen gemeinsamer sportlicher Aktivität ist geblieben", sagt Adrian Koczot, Vorsitzender beim SCK. Zu einer neuen Lebensader des Vereins wurde das Bogenschießen auf dem Sportplatz als Freizeitbeschäftigung unabhängig von Alter, Können oder Geschlecht. Mittlerweile wurden sechs Scheiben und auch ausreichend Bögen besorgt. Die Dorfmeisterschaften in dieser Disziplin wurden von der Bevölkerung hervorragend angenommen. Neben dem Bogenschießen gibt es auch eine "Mumba"-Gruppe, die Aerobic und Tanz und Spaß an der Bewegung kombiniert, sowie eine "Fit und Fun Gruppe", die Fahrradtouren und gemeinsame Läufe unternimmt. "Sobald wir wieder Sport machen können, wird die Euphorie zurückkehren", sagt Koczot.

Gejammert wird nicht

Der Vorsitzende, den man in Oberwildflecken nur "Adi" nennt und der für seinen feinen Humor bekannt ist, will nicht jammern angesichts der für alle Vereine extrem schwierigen Situation. "Nur durch Mitgliedsbeiträge kann man die laufenden Kosten eines Sportvereins nicht decken. So hohe Beiträge können wir auch gar nicht verlangen." Insofern müsse irgendwann mal wieder eine Zeit kommen, in der ein Verein Feste organisieren kann, um Einnahmen zu generieren.

Der SCK ist in Oberwildflecken bis zur Corona-Pandemie der entscheidende Träger des Gemeinschaftsgefühls gewesen, eine Art Lebenselixier des kleinen Ortsteils. Ohne ihn würde es zum Beispiel kein Waldfest, keinen Kinderfasching, keinen Faschingsumzug, keine Maibaumaufstellung, kein Oktoberfest, keine Halloween-Feier, keine Sportveranstaltungen und keine geselligen Abende im Sportheim geben. Jede noch so kleine kulturelle Veranstaltung im Ort richtet der SCK selbst aus, oftmals in enger Kooperation mit der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. "In guten Jahren haben wir teilweise über zwanzig Veranstaltungen und Feste organisiert", so Koczot. Doch die Hoffnung ist sehr groß, dass es eines Tages wieder so werden wird. Dass irgendwann wieder alles gut wird.

Die Arme sind immer offen

Alt-Bürgermeister Walter Gutmann aus Wildflecken macht deutlich, dass die Gründung des SCK ein Ausdruck der ausgeprägten Eigenständigkeit der "Muna" war. "Da hat man nicht nach Namen gefragt, auch wenn sie fremdländisch klangen. Der Verein ging immer mit offenen Armen auf die Fremden zu", so Ehrenbürger Gutmann weiter. "Der Verein hat außerdem die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen."

Rhöner Sport-Pioniere

Die Geburtsstunde des "Sportclub am Kreuzberg" in Oberwildflecken schlug am 28. Mai 1958 im Kreuzberghof, den 1954 der aus dem Sudetenland vertriebene Herbert Nowak übernommen hatte und der längst abgerissen ist. Die Abgelegenheit des neuen Ortsteils hatte die Gründung eines eigenen Sportvereins vorangetrieben. Noch im gleichen Jahr bildete sich eine eigene neue Fußballmannschaft, die den SC Oberbach auf Anhieb überraschend mit 2:0 bezwingen konnte.

Zwei Jahre später kamen die Abteilungen Kegeln und Schießsport hinzu. Das erste Königsschießen in Oberwildflecken geht daher bis auf das Jahr 1960 zurück.

Zum ersten Mal wurde 1971 das legendäre Waldfest in Oberwildflecken auf die Beine gestellt. Eine Veranstaltung, die seitdem ohne einzige Pause (außer Corona) alljährlich organisiert werden konnte. In Sachen Frauenfußball war der SCK ein echter Pionier. Ab 1973 wurde der damals noch recht außergewöhnliche "Damenfußball" ins Rollen gebracht. Sportliche Erfolge der Fußballerinnen blieben nicht aus. Im Jahr 1986 kam das Aus für den Frauenfußball, weil viele aktive Sportlerinnen eigene Familien gründeten. Bis zum Bau eines eigenen Sportheimes sollten viele Jahre vergehen. 1982 wurde zunächst eine Holzhütte am Sportplatz errichtet, geduscht wurde damals noch in der Schule. Der Bau des Sportheimes begann 1987, ein Jahr später konnte die Einweihung gefeiert werden. Die Einrichtung eines Übergangswohnheimes ab dem Jahr 1989 veränderte das Gesicht Oberwildfleckens quasi über Nacht. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich urplötzlich.

Glenn Jobs, der Vereins-Historiker

Als das Ende der Ära Kreuzberghof eingeläutet wurde, mussten die Abteilungen Kegeln und Schützensport stillgelegt werden. "Es gab Höhen und Tiefen in der sportlichen Geschichte des SCK", sagt Glenn Jobs, der sich intensiv mit der Historie des Vereins befasst und auch das endgültige Aus für die Herren-Fußballmannschaft vor zwei Jahren selbst miterlebt hat. Der kleine Ort ist ein fortwährendes Auf und Ab gewohnt. Früher wohnten in Oberwildflecken auch amerikanische Familien bis zum Abzug der US-Truppen. Anschließend wurden Häuser teilweise als Übergangswohnheim der Regierung von Unterfranken genutzt. Zuerst waren es Familien aus Polen, danach aus Kasachstan, für die Oberwildflecken erste Anlaufstation war.