Auch beim Sport heißt es bei einem unerwarteten Triumph manchmal: "Dazu sind wir gekommen, wie die Jungfrau zum Kind." So hieß es nach der Saison 1995/96 bei Verantwortlichen, Spielern und Fans des TSV Bad Bocklet. Denn diese hatten in der B-Klasse 4 hinter dem Meister und Direktaufsteiger SV Ramsthal überraschend Platz Zwei belegt. Der Lohn: die Relegation gegen den TSV Stangenroth.

Überraschend war dieser 2. Platz, der zur Relegation berechtigte, deswegen, "weil wir nach dem Aufstieg zwölf Monate zuvor überhaupt nicht mit dem Durchmarsch in die A-Klasse gerechnet hatten", meinte der alte TSV-Recke Thomas Kraus. 1995/96 war er selbst noch umtriebig einer der Leistungsträger, nun seit Jahren im Funktionärsamt bei den "Biedermeierbädern". Seit kurzem bekleidet er das Amt des Vorsitzenden.

Beim ersten Relegationsgegner, Stangenroth, war der Überraschungseffekt geringer. "Wir hatten damals eine gestandene Mannschaft, die sich aus erfahrenen älteren Spielern und jungen Akteuren, die allesamt in Stangenroth wohnhaft waren, zusammensetzte", erinnert sich Siegfried Eyrich, einer der Leistungsträger des Teams.

Relegationserfahrener Gegner

Die Kontrahenten liefen am 8. Juni auf dem Sportgelände des TSV Wollbach auf. Die Stangenröther, die in der B-Klasse 6 Platz Zwei belegt hatten, gingen als leichter Favorit in die Partie. Sprach man ihnen doch das größere spielerische Potenzial zu. "Außerdem waren wir sehr relegationserfahren", erinnerte sich der gefürchtete Freistoßexperte Eyrich. "Wir waren in den Jahren zuvor immer wieder, manchmal erfolgreich, manchmal auch nicht, an der Aufstiegs- beziehungsweise Abstiegsrelegation beteiligt".

Stangenroths Spielertrainer Harald Pfülb hatte seiner Elf für dieses Match eine offensive Taktik mitgegeben; sein Kollege Christoph Oczko setzte dagegen mit einer massierten Defensive um die Haudegen Heinz Henz und Berthold Mucha auf Konter.

Entsprechend der Trainerplanungen erarbeiteten sich die Stangenröther auch gleich eine optische Überlegenheit, konnten sich aber keine zwingenden Möglichkeiten erspielen. In Sachen Effektivität überzeugten dagegen die Mannen von Spielertrainer Oczko. Ihr Torjäger Andy Erhard, der in späteren Jahren höherklassig bei der DJK Waldberg sein Glück versuchte, nutzte die erste nennenswerte Gelegenheit zur Führung.

Die perplexen Stangenröther um ihr technisch versiertes Trio Jochen, Oliver und Steffen Hartung legten sofort eine Schippe drauf. Aber bis zum Seitenwechsel blieben sie erfolglos.

Im zweiten Durchgang staunten sie dann, als ihr Keeper Alexander Statt die Kugel wieder aus dem Netz holen musste, Andy Erhard hatte mit einem sehenswerten Alleingang zum 0:2 eingenetzt.

Doch die Begegnung blieb spannend, denn gleich nach Wiederanpfiff überlistete Torjäger Stangenroths Edi Kessler nach Freistoßflanke von Eyrich mit einem platzierten Kopfball den gegnerischen Keeper.

Dieser hieß leicht überraschend Themis Papadopoulos. Er musste an jenem Samstag kurzfristig Stammkeeper Jürgen Holzheimer vertreten. Wobei der "Wirt vom Ort" (O-Ton Thomas Kraus) seine Sache gut machte.

Wenige Minuten nach dem Anschlusstreffer bekamen die Stangenröther nochmals Oberwasser bei ihren Ausgleichsbemühungen, weil sie nach einer Tätlichkeit von Martin Dietz, die mit der Roten Karte geahndet wurde, in Überzahl gerieten. Die Pfülb-Elf zog nun das Spiel breiter auf, rannte mit Vehemenz an und erzielte in der 75. Minute den völlig verdienten Ausgleich: Ein direkt getretener Freistoß von Eyrich schlug ein.

Da in der regulären Spielzeit keine Treffer mehr fielen, ging es in die Verlängerung und da wurde es sofort tumultig. Denn in der 92. Minute entschied der Unparteiische auf Strafstoß, nachdem Jochen Hartung im Bockleter Sechzehner zu Boden ging.

Die Entscheidung löste heftige Proteste bei Urgestein Egon Limpert und seinen Mitstreitern aus. Sie beruhigten sich schnell, weil ihr Goalie den von Edi Kessler getretenen Elfmeter parierte.

Doch die Freude über die Glanztat des Keepers währte nur Sekunden, weil der Referee den Strafstoß wiederholen ließ. Diesmal trat der junge Andreas Lindenau, später Coach in Wollbach und beim BSC Lauter, an und brachte sein Team mit einem unhaltbaren Schuss in Führung.

Hörbar aufgeheizte Atmosphäre

Die Atmosphäre war danach hörbar aufgeheizt. "Ich kann mich noch erinnern, dass die Hektik von den Zuschauern auf den Rasen überschwappte", so Kraus. Dieser war einer der Leidtragenden der nun ausufernden Aktionen. Er und sein Gegenspieler Edi Kessler sahen ebenfalls Rot. "Beide hatten sich zuvor des Öfteren in der Wolle", so Eyrich.

"Die personelle Schwächung wirkte sich bei uns nicht negativ aus", meinte Stangenroths Recke Willi Metz. Er gehörte damals zum älteren Jahrgang, darf als Urgestein des Vereins bezeichnet werden, fungierte bei seinem Heimatverein 15 Jahre als Trainer und beendete seine Karriere im stolzen Alter von 46 Jahren.

Um sie später mit 57 Jahren noch einmal für vier Spiele zu starten. "Da waren einige Jungs auf Mallorca. In der Personalnot habe ich mich breitschlagen lassen und hab' halt ausgeholfen."

Schön, wenn man solche Spieler hat, die sich für ihren Klub zerreißen. Ein Treffer zur endgültigen Entscheidung fiel auch noch: In der 110. Minute netzte Jochen Metz zum 4:2 ein und sorgte für vorzeitigen Aufstiegsjubel im großen Stangenröther Lager am Spielfeldrand.

"Wir waren die bessere Mannschaft", erklärten im Nachhinein Siegfried Eyrich und Willi Metz. Dem wollte Thomas Kraus nicht widersprechen.

Während der Stangenröther Aufstieg in die A-Klasse fix war, hielt sich der Ärger beim Verlierer in Grenzen, eröffnete sich doch acht Tage später eine weitere Aufstiegschance. Es stand das finale Relegationsspiel gegen den A-Klassen-Abstiegsreleganten TSV Nüdlingen an.

Auch im zweiten Versuch Außenseiter

Auch beim zweiten Aufstiegsversuch, diesmal wurde in Haard gekickt, gingen die Schützlinge von "Schleifer" Christoph Oczko als Außenseiter in die Begegnung. Denn der Gegner, bei dem teilweise Akteure aus der früheren Glanz- und Gloria-Bezirksligazeit aufliefen, war im Angriff mit Udo Langohr, Thomas Wäcke und Frank Kleinhenz überragend besetzt. Da durfte sich Bocklets Jürgen Holzheimer, der nun zwischen den Pfosten stand, schon vor Spielbeginn warm anziehen.

Die ausgegebene Taktik der Oczko-Elf basierte wieder auf Konter; das Quartett Andy Erhard, Frank Wieschal, Michael Tkocz und der pfeilschnelle Jürgen Strietzel sollte die Nüdlinger Deckung löchern.

"Die Partie begann aus unserer Sicht eigentlich schlecht", so der gesperrte Thomas Kraus. Denn nach Foul von Mario Samko an Uwe Wende deutete der Referee auf den Punkt. Doch Holzheimer parierte den Schuss von Dirk Romankiewicz.

Seine Vorderleute kamen nach 20 Minuten immer besser ins Spiel. Doch die Begegnung blieb lange torlos, wobei beim Favoriten Interimscoach Detlef Kiesel, ein früherer weit über die Landkreisgrenze bekannter Torjäger, nach einer Stunde den Rasen betrat.

In der 73. Minute gab es nach Foul von Wolfgang Wilm an Bad Bocklets Heinz Henz einen weiteren Strafstoß; dabei behielt Michael "Magic" Degand die Nerven für den Außenseiter.

Die Nüdlinger rannten aufgrund des Rückstandes in der Schlussphase verzweifelt an, wurden aber in der Schlussminute endgültig in die B-Klasse verbannt, als Martin Dietz mit einem abgefälschten Freistoß das 2:0 besorgte. "An den Spielverlauf kann ich mich eigentlich nicht mehr so genau erinnern", meinte Thomas Kraus. "Ich kann mich allerdings noch gut erinnern, dass wir dann später in der Aufstiegseuphorie die Kneipe von Themis zerlegt haben".