Ganz selbstverständlich stand Alfred Mennel mit seinen 84 Jahren noch einmal auf dem Platz und leitete das B-Klassenspiel des SC Trossenfurt II gegen den VfR Hermannsberg II (1:4). Dabei wirkte der älteste Referee der Schiedsrichtergruppe Haßberge souverän wie eh und je und zeigte, dass eine sportliche Leistung auch in diesem Alter noch möglich ist.

"Wer mit 84 Jahren noch auf dem Platz steht und seit 58 Jahren mit Freude seine Spiele leitet, der verdient höchste Anerkennung", sagte der Kreisobmann der Gruppe, Christian Wetz, als er mit Mennel einen der ältesten Schiris Bayerns bei seinem letzten Einsatz verabschiedete.

Einer der ältesten Schiedsrichter in Bayern 

Nie hätte Mennel gedacht, so lange als Schiedsrichter tätig zu sein. In all den Jahren brachte er es auf mehr als 1700 Spiele. Aus seiner Anfangszeit sind nicht alle Spielleitungen festgehalten. Und eigentlich kam für ihn der "Abpfiff" noch zu früh, wie Mennel eingestand.

Er wollte die 60 Jahre als Schiedsrichter vollmachen, aber da er zur Risikogruppe gehört, habe die Corona-Pandemie in ihm den Entschluss reifen lassen, mit dem Pfeifen aufzuhören. "Ich habe nicht einmal versucht, ihn zum Weitermachen zu überreden. Wenn einer so lange aktiv dabei ist, darf er gerne aufhören", sagte Wetz. "Deswegen haben wir dieses Abschiedsspiel geplant." Im Anschluss an die B-Klassen-Partie spielte sein Heimatverein SC Stettfeld in Trossenfurt.

"Er hat nie ein Spiel zurückgegeben oder einfach abgesagt. Vielmehr war er einer vom alten Schlag, auf den man sich jederzeit verlassen konnte. Als ich ihn die letzten beiden Sommer bei Temperaturen von über 35 Grad mit Rücksicht auf seine Gesundheit nicht einteilte, rief er mich an, warum er kein Spiel bekommen hat", sagte Wetz.

Im Interview spricht der "Schiedsrichter im Ruhestand" über seine aktive Zeit - und wie sich der Sport verändert hat.

Herr Mennel, warum wurden Sie Schiedsrichter?

Alfred Mennel: Ich war aktiver Fußballer, bei unserer zweiten Mannschaft sind öfters keine Schiedsrichter gekommen. Da bin ich eingesprungen. Außerdem musste der Verein eine Gebühr bezahlen, wenn er keine Schiedsrichter stellte. So haben wir uns aus dem Verein zu dritt zum Lehrgang gemeldet und erhielten 1962 unseren Ausweis.

Viele junge Sportler können sich heute kaum noch vorstellen, wie es damals war. Welche Plätze oder Umkleidemöglichkeiten haben Sie da angetroffen?

Mennel: Die Plätze bestanden oft aus unebenen Wiesen oder abhängigen Plätzen, bei denen man kaum von einem zum anderen Tor sehen konnte. Manchmal stand nur eine Hütte am Sportplatz zum Umziehen, oder man musste eine ganz schöne Strecke bis zum Dorfwirtshaus zurücklegen. Öfters stand dort auch nur eine Blechwanne oder ein Kübel mit Wasser zum Waschen. Da musste man bald dran sein, sonst war das Wasser eine braune Brühe. Besonders schlimm war es in in den Wintermonaten.

Wie muss man sich den zeitlichen Aufwand für Ihren sonst "freien Sonntag" vorstellen?

Mennel: Eigenartigerweise war ich oft in der Rhön oder im westlichen Oberfranken eingesetzt. Die Mannschaften fuhren oft noch mit Bussen und ihren Fans zu den Spielen. Ich hatte zum Glück einen alten Opel Kadett und später einen Ford Capri. Für mich ging viel Zeit am Sonntag drauf von der Abfahrt um die Mittagszeit bis zur Rückkehr am Abend, wenn ich in Heustreu oder Bad Neustadt meinen Einsatz hatte. Dabei teilte der Obmann mich öfter mit meinen beiden Stettfelder Schiedsrichtern in einer Gegend ein, so dass ich sie mitnehmen und sie zuerst an ihren Spielorten abliefern und auch wieder abholen musste.

Wie hoch war die Aufwandsentschädigung in den unteren Klassen zu Ihrer Anfangszeit?

Mennel: Wir erhielten noch in den 70er Jahren zehn Mark pro Spiel und 15 Pfennig pro gefahrenen Kilometer, womit ich bei einem Spiel in der Umgebung 13 Mark bekam. Heute ist es etwas mehr, man kommt auf rund 25 Euro plus Kilometergeld.

Damals riefen die Leute noch so Sachen wie "Brotzeitschiedsrichter". Haben Sie das mal erlebt?

Mennel: Bei mir hat tatsächlich im nördlichen Landkreis Haßberge einmal ein Zuschauer auf den Platz gerufen: "Wenn du nicht besser pfeifst, hole ich die Wurst wieder aus deinem Auto!" Dabei konnte gar keine Wurst in meinem abgeschlossenen Auto sein, der Mann war ausgerechnet noch ein Metzger und Gastronom.

Gab es für Sie auch mal brenzlige Situationen?

Mennel: Da fallen mir nur wenige ein. Eine führte in Kirchaich zu einem Abbruch. Nach einem schweren Foul pfiff ich einen Elfmeter, was der Opa eines Spielers nicht einsehen wollte. Er rannte deswegen hinter meinem Rücken mit einem Stock auf mich zu und wollte mir ihn über den Kopf schlagen. Zum Glück bekam ich das durch das Schreien noch mit. In meinen Bericht fügte ich aber schon wieder versöhnend hinzu, dass einem Opa so ein Ausraster für seinen Enkel schon einmal passieren kann.

Das Regelwerk hat sich ständig verändert, die Technik machte vieles einfacher. Wie fanden Sie das?

Mennel: Eigentlich wollte ich schon einmal aufhören, als der elektronische Spielerbogen eingeführt wurde. Einige ältere Kollegen haben dies auch getan. Aber mein damaliger Obmann Josef Raab wollte das nicht gelten lassen, weil ich noch ein rüstiger Rentner sei und er mich brauche. So nahm er mit meiner Schwiegertochter Kontakt auf, dass sie für mich den Computer bedienen könnte. Und so kam es auch. Entweder ging ich auf Fachleute der Heimmannschaft zu oder nach meiner Rückkehr nach Stettfeld erledigte es meine Schwiegertochter. Meine Bögen wurden immer rechtzeitig fertig.

Sportlich fit mit 84 Jahren. Wie machen Sie das?

Mennel: Ich war schon immer sportlich tätig und außer Fußball spielte ich noch aktiv Tischtennis. Bis zum 64. Lebensjahr kickte ich noch regelmäßig in der Seniorenmannschaft in Stettfeld. In den letzten Jahren hielt ich mich ein- bis zweimal in der Woche durch Lauf- und Intervalltraining fit, das ich gleich hinter meinem Haus auf Feldwegen beginnen konnte.

Das Gespräch führte Günther Geiling