Jeder Handball-Fan kennt sie, die Wischer, die sich am Spielfeldrand bereithalten, um im Fall der Fälle auf Geheiß des Schiedsrichters aufs Parkett zu laufen und den Boden von Schweiß und - gegebenenfalls - Blut zu befreien. Dass jemand diesen Job mit so viel Hingabe und Akribie ausführt wie Nicolas Noé bei der DJK Waldbüttelbrunn, dürfte in der Sportwelt allerdings eher selten vorkommen. "Ich bin bei jedem Heimspiel dabei und manchmal auch bei den Auswärtsspielen. Ich und die DJK passen gut zusammen. Ich bin gerne unter guten Freunden und mir macht es Spaß mit den Jungs", sagt Nicolas, der unlängst seinen 24. Geburtstag gefeiert hat.
In der Waldbüttelbrunner Ballsporthalle kennt jeder den Jungen mit dem Down-Syndrom. Immer wieder schüttelt er an diesem Abend Hände, klopft Schultern und winkt Besuchern und Spielern zu - sein breites Grinsen und seine herzliche Art zaubern auch seinen Gegenübern ein Lächeln aufs Gesicht. Seit zehn Jahren schon schwingt Nicolas den Wischmopp - und inzwischen ist das so selbstverständlich, dass weder er noch DJK-Sportvorstand Winfried Körner sich genau erinnern können, wie es eigentlich dazu gekommen ist.


Ein vollwertiges Mitglied

Seit er den Job übernahm, hat der junge Mann nur selten ein Spiel verpasst. Wenn er mal ausfällt, so Körner, sei es wirklich schwierig, Ersatz für ihn zu finden. Für die Waldbüttelbrunner und ihre Handballmannschaft ist Nicolas aber mehr als nur der Wischer am Seitenrand. Er ist Kamerad, Glücksbringer, Sonnenschein - ein vollwertiges Mitglied in der Gemeinschaft und aus der Halle am Sumpfler nicht mehr wegzudenken.
Dort ist er nicht nur neben, sondern auch auf dem Feld zu finden: "Ich laufe mit ein, weil ich unsere Mannschaft unterstütze", sagt er. In weißer Hose und einem grün-weiß gestreiften Trikot, auf das sein Name gedruckt ist, rennt er an diesem Samstag hinter dem Team aufs Spielfeld. Er begrüßt das Publikum und lässt es sich nicht nehmen, die Reihe der Handballer entlang zu laufen und mit jedem einzelnen abzuklatschen, bevor er sich mit seinem Wischmopp in der Hand auf einen Holzstuhl am Seitenrand setzt. Mit so viel Engagement ist er während des Spiels dabei, dass er zur Halbzeitpause sein verschwitztes Trikot gegen ein frisches schwarzes T-Shirt tauschen muss. Beim Einlaufen hat Nicolas beinahe mehr Applaus bekommen als die Spieler und genießt es sichtlich: "Das hört sich cool an, wenn ich da einlaufe." Der 24-Jährige ist bei der Stadt Würzburg angestellt, beteiligt sich unter anderem an der Essensausgabe an Schulen und engagiert sich für die Belange des Behindertenbeirates: "Es geht zum Beispiel darum, Sachen wie die Straßenbahn barrierefrei zu machen für Menschen mit Handicap."


Engagement im Seniorenheim

Nebenbei erfasst er Tabellen und Termine für die DJK Waldbüttelbrunn, hat demnach immer im Blick, wann gegen wen die nächste Partie ansteht, und kann sein Wissen regelmäßig beim Fantalk nach den Spielen unter die Leute bringen. So auch diesmal. "Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Sohn", erklärt Irmgard Noé, die von Anfang an Wert darauf gelegt hat, dass Nicolas ganz normal aufwächst. Die 65-Jährige freut sich über sein Engagement, seine Geschäftigkeit und sein großes Herz. Jeden zweiten Sonntag etwa besucht er im Seniorenheim alte Menschen. In diesem Zusammenhang erzählt er von einer erschreckenden Szene, die ihm aus einer Fernseh-Dokumentation im Kopf geblieben ist: "Da haben sie alten Leuten die Nase zugehalten und ihnen Essen in den Mund gestopft, bis es denen wieder hochgekommen ist." Das Entsetzen über solche Praktiken ist ihm anzusehen. Wenn er aber darüber spricht, wie er mit den Heimbewohnern "Mensch ärgere dich nicht" oder Ratespiele spielt, strahlt er wieder.

Sein Einfühlungsvermögen ist dann auch an diesem Samstag, bei dem es für ihn als Wischer nur einen Einsatz gibt, noch gefragt. Denn Nicolas' Jubeln, Hadern und Anfeuern an der Seitenlinie ist vergeblich, Waldbüttelbrunn verliert mit 25:31. Auf der Bank sitzen die Spieler mit hängenden Köpfen, enttäuschten Gesichtern und in schlechter Stimmung - mitten drin steht Nicolas, verteilt Umarmungen, Streicheleinheiten und aufmunternde Worte. Carolin Münzel