Wenn Tado Karlovic mit seinen Hammelburger Jungs die Erfolge in der 2. Bundesliga feiert, ist die gute Laune ansteckend - die ganze Saaletalhalle feiert mit ihren Volleyballern. Doch der Weg dorthin war weit. Angesichts neuer Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten kommen, vergisst man leicht, dass vor mehr als 20 Jahren Krieg im damaligen Jugoslawien herrschte und der Vielvölkerstaat ein blutiges Ende fand.
Betroffen war damals auch Tado Karlovic, geboren 1973 in einem Dorf namens Pecnik. "Ehrlich gesagt habe ich mir keine großen Gedanken über meine Nationalität gemacht, für mich war nur Sport wichtig. Offiziell hieß es Staatsangehörigeit Jugoslawisch, Nationalität Kroatisch, das habe ich ohne viel darüber nachzudenken auch so praktiziert", erzählt er. Die zunehmenden Unruhen, der Krieg und die Spaltung des Landes haben dazu geführt, dass sich Tado Karlovic mehr als Kroate fühlte.
Doch er war bosnischer Kroate und wurde wie ein Kroate zweiter Klasse behandelt. Obwohl die Mutter mit seinen älteren Geschwistern vor dem Krieg floh, weil die Familie ihr Hab und Gut verloren hatte, blieb Tado Karlovic. "Ich habe mich zuerst ohne die notwendigen Papiere durch die kroatische erste Liga gespielt. Dass ich als bosnischer Kroate nicht den dort einheimischen Kroaten gleichgestellt war, bekam ich deutlich zu spüren." Dann kam die Sehnsucht und im Rahmen der Familienzusammenführung kam Tado Karlovic am 13. März 1993 mit einem Besuchervisum in Deutschland an. "Es war purer Zufall, dass es Deutschland war, und genau so großer Zufall, dass meine Familie zuerst in Volkers, später in Wiesenfeld bei Karlstadt untergebracht wurde", erinnert er sich - besonders an seine Ankunft.


Blick in die Zukunft

"Als ich im Morgengrauen an der Raststätte Nord auf der A3 oberhalb von Würzburg ankam und die Stadt von oben leuchten sah, war ich schon voller Vorfreude und Tatendrang. Genau, habe ich gedacht, hier möchte ich ein Volleyballfeuer entfachen", lacht er heute noch, wenn er zurückblickt. "Aber es war wirklich so. Als noch amtierender Jugoslawischer U 20-Meister mit der Berufung zur Jugendnationalmannschaft darf man so was denken, oder????"
Der Alltag sah zunächst ganz anders aus, der damals 20-Jährige arbeitete auf dem Feld, auf dem Bau und in der Metallverarbeitung. "Als Sohn einer Landwirtsfamilie ist man es gewöhnt, verschiedene, auch schwere, Arbeiten zu machen. Ich wollte mein Geld selbst verdienen." Der Sport stand zunächst nicht an erster Stelle, er wollte nach der Trennung bei der Familie in Karlstadt bleiben und dort nur zum Vergnügen Volleyball in der Bezirksliga spielen. "Nach der Zeit im Krieg waren meine Erinnerungen an Angst und Tod sehr frisch. Nach dem langen Versteckspiel in Kroatien war meine Lust auf ein neues Abenteuer wirklich nicht groß", erzählt er lachend.
In Karlstadt fand Tado Karlovic nicht nur neue Freunde, sondern eine neue Heimat. "Ich fühlte mich pudelwohl, schlug Angebote höherklassigerer Teams aus, weil mir die soziale Komponente im Leben sehr wichtig geworden war und geblieben ist." Doch das Glück war nicht von Dauer. 1996 war der Krieg in Bosnien zu Ende und Tado Karlovic bekam die Ausweisungsunterlagen. "Das neu aufgebaute Leben drohte zu platzen, außerdem hatte ich im Jahr zuvor ein sehr nettes Mädel kennengelernt, mit dem ich immer noch zusammen bin."


Profi in Eltmann

Rettung kam in der Person von Rolf Werner vom VC Eltmann, der ihm einen Profivertrag anbot. Dadurch durfte er bleiben. "Zuerst war ich Spieler, dann Spielertrainer. Mit damals 26 war ich mit der Rolle des Spielertrainers überfordert, holte mit Milan Maric einen noch besseren Trainer aus meinem Heimatort. Mit Rolf und Milan schafften wir es, in die erste Bundesliga aufzusteigen, mit 28 Jahren musste ich wegen einer chronischen Entzündung im Kniegelenk aufhören, wurde Co-Trainer von Milan, von dem ich sehr viel lernte." Weitere Erfolge wie beispielsweise der dritte Platz mit Eltmanns U 20 bei den Deutschen Meisterschaften folgten. "2009 gingen im Folge der Wirtschaftskrise in Eltmann die Lichter aus, 13 Jahre Arbeit haben sich fast in Luft aufgelöst. Das war sehr enttäuschend und schmerzhaft für viele, die sich im Verein engagiert haben", musste Tado Karlovic den nächsten Rückschlag wegstecken.
"Ein paar Wochen danach rief mich der befreundete Klaus Baden aus Hammelburg an, und den Rest kennt man ja", fand er schnell seine Fröhlichkeit wieder. Neben den Hammelburger Jungs trainiert er mittlerweile in seiner neuen Heimatgemeinde Waldbüttelbrunn eine Mädchen-Mannschaft. "Das sind zehn junge, sehr energische Mädels, die voller Enthusiasmus ins Training kommen. Nach jetzt fast 20 Jahren als Trainernomade ist es an der Zeit, auch etwas im Wohnort zu machen", nimmt der Coach sich selber auf die Schippe, der für Waldbüttelbrunn Fußball gespielt hat, jetzt aktuell Tennis mit den Herren 40. "Ein Heimatgefühl ist deutlich stärker, wenn man im eigenen Wohnort in einem Verein aktiv mitwirkt, egal ob Sport, Feuerwehr oder Schützen", fügt er nachdenklich an.
In Deutschland lernte Tado Karlovic schnell, dass man einen festen Beruf braucht. Nach einer Umschulung machte er 2003 sein Examen als Physiotherpeut. "Als Jugendlicher war mein Traum eigentlich Sportlehrer und Trainer zu werden, um all das an die Kinder zurück zu geben, was ich selbst beigebracht bekommen habe. Wenigstens ist ein Wunsch in Erfüllung gegangen", freut er sich.


Mehr Deutscher

"Mit jedem Jahr in Deutschland werde ich mehr Deutscher und weniger Kroate", muss der Coach schon wieder lachen. Beide Länder haben aus seiner Sicht viel Gutes und einiges Schlechtes. "Ich kann mich aber mit vielen guten Sachen in Deutschland mehr identifizieren." Viele seiner Freunde von früher und seine Geschwister leben in Kroatien, mit ihnen hat er regelmäßig Kontakt, besucht sie ein oder zwei Mal im Jahr.
Ein besonderes Ziel vergisst Tado Karlovic nicht. "Ich fahre hin und wieder (manchmal auch mit meinen Kindern) auf der A3 an der Rastätte Würzburg Nord raus, steige aus dem Auto, gehe zu der Mauer, werfe einen Blick auf die Stadt und versuche mich an die Momente aus dem Jahr 93 genau zu erinnern."