Mit dem Kapitel "Kissinger Wölfe" hat Mikhail Nemirovsky noch nicht abgeschlossen. Je länger das Gespräch dauert, um so mehr brodelt es im 46-Jährigen, brechen sich Emotionen Bahn. Dabei könnte der letzte Trainer der Kissinger Wölfe ja gelassen auf seine Zeit an der Fränkischen Saale zurückblicken, denn der Anschluss-Job ist beileibe nicht der schlechteste als Chef-Coach bei den Höchstadt Alligators, immerhin ein Oberligist, dritthöchste deutsche Spielklasse.

In der Kurstadt war es zuletzt "nur" die Bayernliga. Aber die fünf Spielzeiten in Bad Kissingen, beginnend mit der Saison 2014/2015, waren für den weitgereisten Profi ganz sicher mehr als eine Episode. Energie und Herzblut hat Nemirovsky in diesen Verein gesteckt. Und "Nemo" versteht immer noch nicht, warum es so weit kommen konnte, dass die Stadt ihren Eishockey-Verein verlor. Mitte November 2019 hatten sich die Kissinger Wölfe erst vom Spielbetrieb zurückziehen, dann kurz nach dem Jahreswechsel Insolvenz anmelden müssen aufgrund einer finanziellen Forderung der Betreibergesellschaft der Kissinger Eissporthalle im hohen fünfstelligen Bereich.

Bedauernswerter Anblick

Seit dem Zwist zwischen Eishallen-Besitzer Alexander Kondrashov und dem Eishockey-Verein, der im Sommer 2019 den Mietvertrag einseitig gekündigt und anschließend dennoch Umbauarbeiten in der Halle vorgenommen hatte, liegt die Immobilie brach, die in diesen neblig-trüben Novembertagen noch ein wenig beklagenswerter wirkt. Bemühungen, die Eishalle durch einen Bad Kissinger Geschäftsmann zurückzukaufen, waren im Sand verlaufen. "Die Eishalle befindet sich nach wie vor nicht im Besitz der Stadt Bad Kissingen. Zwischenzeitlich hat es zwischen dem jetzigen Eigentümer und der Stadt einen Schriftwechsel gegeben", heißt es auf Anfrage dieser Redaktion von Seiten der Stadt. "Wir hatten ein gutes Umfeld und eine gute Struktur, das ging alles in die richtige Richtung. Seit der Schließung der Halle scheint sich niemand mehr um die Eishalle zu kümmern. Warum ist das so?", fragt sich Nemirovsky.

Eine unbeglichene Rechnung

Der bemitleidenswerte Zustand des Gebäudes hatte zur Folge, dass über eine Fremdfirma das Ammoniak der Kühlanlage entsorgt wurde, aus Sicherheitsgründen. Bis Mitte April hätte Kondrashov Zeit gehabt, die entsprechenden Schutz-Maßnahmen zu ergreifen und diese auch nachzuweisen. Doch dies geschah nicht, die gesetzte Frist hatte der ukrainische Geschäftsmann verstreichen lassen. Auf eine Erstattung der Kosten wartet das Landratsamt immer noch. "Nachdem die Forderung bisher nicht beglichen und inzwischen vollstreckt werden kann, wurden hierzu bereits erste Schritte eingeleitet, um diese in der Folge in voller Höhe beizutreiben. Derzeit besteht lediglich über die anwaltschaftliche Vertretung Kontakt zur Anlagenbetreiberin, der IEG GmbH", informiert die hiesige Pressestelle.

Nicht zu verifizieren ist, ob und inwieweit an oder in der Eishalle aktuell Arbeiten durchgeführt werden. "Die IEG GmbH hat sich bei der Stadt Bad Kissingen gemeldet und sie über laufende Renovierungsarbeiten informiert, die sie nach eigenen Angaben durchführt. Damit zielt sie mutmaßlich auf eine vertragliche Klausel aus dem Vertrag ab, die besagt, dass damit das Rückkaufsrecht seitens der Stadt Bad Kissingen nicht ausgeübt werden kann. Das wäre aber die zentrale Voraussetzung dafür, dass eine Nachfolgekonstruktion geschaffen werden kann, welche eine Nutzung als Eishalle wieder ermöglicht", sagt Rathaus-Pressesprecher Thomas Hack. Und: "Der oben genannte Sachverhalt wird auch vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemielage einer juristischen Prüfung unterzogen, um die rechtliche Interventionsmöglichkeiten zu prüfen."

Ein möglicher Rückkauf wäre auch im Interesse des FC 06 Bad Kissingen, der längst ebenfalls seinen Pachtvertrag mit dem ukrainischen Geschäftsmann gekündigt hat und damit die an die Eishalle angrenzende Sportgaststätte nicht mehr benutzen darf. Laut Pachtvertrag hätte der Fußballverein Einnahmen generieren können durch den Verkauf von Speisen und Getränken bei Eishockeyspielen - was sich mit dem Einstellen des Spielbetriebs erledigt hatte. Mit dem Aufstellen von Container-Modulen will sich der FC 06 eine neue Bleibe schaffen. Seitdem steht auch die Gaststätte leer.

Fehlen die Visionen?

"Wenn mit der Eishalle Geld zu verdienen wäre, wäre das Interesse sicher größer. Mir fehlen die Visionen. Das ist irgendwie typisch deutsch. Hauptsache die Bratwurst und das Bier sind nicht zu teuer", echauffiert sich Mikhail Nemirovsky. Und findet, dass die Bad Kissinger Eishalle baulich so auf Vordermann gebracht werden könne, um in den nächsten 20 Jahren darin Eissport betreiben zu können. "Eishockey ist hier nach Fußball die Sportart Nummer 2. Und Deutschland ist doch das Land der Ingenieure, aber es fehlt das Interesse. Darunter leiden die Menschen und vor allem die Kinder", sagt Nemirovsky.

Ihr letztes Heimspiel bestritten die Kissinger Wölfe am 8. März 2019, als der TEV Miesbach mit 5:2 bezwungen wurde vor offiziell 474 Zuschauern. Nach der abschließenden 3:5-Niederlage in Königsbrunn schlossen die Kurstädter die Aufstiegsrunde zur Oberliga als Sechster von zehn Teams ab. So richtig Fahrt nahm das Drama auf zum Start der Saison 2019/2020, als die Wölfe aufgrund der gesperrten Halle die Mehrzahl ihrer Spiele auswärts absolvieren musste, die wenigen "Heimspiele" fanden in Haßfurt oder Lauterbach statt. Das vorerst letzte Kapitel der Kissinger Wölfe endete am 17. November 2019 mit der 2:3-Niederlage in Miesbach. Es folgte der "Winterschlussverkauf" der Kissinger Spieler und die Abwicklung eines Traditionsvereins.

Eine Email-Anfrage an die IEG GmbH blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Kaufvertrag Über 20 Seiten umfasst der der Redaktion vorliegende Eishallen-Kaufvertrag, mit dem im Juli 2017 die Stadt Bad Kissingen die Immobilie samt Zubehör auf einer Fläche von 5500 Quadratmetern an zwei ausländische Investoren veräußerte. Mittlerweile ist der ukrainische Geschäftsmann Alexander Kondrashov der alleinige Besitzer. Geführt werden die Geschäfte über eine GmbH.

Wiederkaufsrecht Hierzu steht im Kaufvertrag unter anderem geschrieben: "Das Wiederkaufsrecht kann von der Stadt Bad Kissingen ausgeübt werden, wenn der Erwerber die Eissporthalle länger als ein Jahr nicht betreibt. Klargestellt wird, dass sofern der Betrieb der Eissporthalle aufgrund von Umbau- und Instandhaltungsarbeiten beziehungsweise aufgrund von höherer Gewalt ausgesetzt ist, das Wiederkaufsrecht nicht ausgeübt werden kann."

Sportpark Der Dr. Hans-Weiß Sportpark besteht aus der Eishalle (inklusive Sportheim) sowie den Sportanlagen mit den Fußballplätzen und den Leichtathletikanlagen. Das Gelände der Eishalle und der Sportgaststätte steht durch den Grundstücks-Verkauf nicht der Allgemeinheit zur Verfügung. Jedes Jahr gibt die Stadt Bad Kissingen, eigenen Angaben zufolge, für die Sportanlagen am Sportpark weit mehr als 100 000 Euro aus - eine Investition in den Vereins- und Breitensport. Der Sportplatz mit allen Nebenanlagen steht nach wie vor uneingeschränkt den Vereinen und der Öffentlichkeit zur Verfügung (sofern es die Pandemie zulässt).