Laden...
Bamberg
Fußball

Julian Gressel und das MLS-Turnier: Ich bin neidisch auf Deutschland

Im Walt Disney Ressort in Florida trägt die US-Profiliga ein Turnier aus. Das erste Spiel des gebürtigen Franken mit dem Hauptstadtklub D.C. wurde verlegt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Mundschutz ist Pflicht: Julian Gressel bei der Ankunft in Florida. Im Walt Disney Ressort in Orlando trägt die Major League Soccer ein fünfwöchiges Turnier aus. Foto: D.C. United
Mundschutz ist Pflicht: Julian Gressel bei der Ankunft in Florida. Im Walt Disney Ressort in Orlando trägt die Major League Soccer ein fünfwöchiges Turnier aus. Foto: D.C. United

Die Nächsten sind an der Reihe: Nach vielen europäischen Fußball-Ligen startet auch die nordamerikanische Major League Soccer (MLS) wieder durch: 24 Teams bestreiten innerhalb von fünf Wochen im Walt Disney Ressort in Orlando das Turnier "MLS is back". Mit dabei ist Julian Gressel. Der 26-Jährige spielte einst für den FC Eintracht Bamberg in der Regionalliga Bayern und setzte in Übersee zur großen Karriere an. Nach dem Titelgewinn als Leistungsträger mit Atlanta United kickt der Mittelfranke aus Neustadt/Aisch seit dieser Saison für den Hauptstadtklub D.C. United. Weil ein Spielertest positiv ausfiel, wurde die für den Sonntag geplante Begegnung gegen Toronto kurzfristig verlegt.

Bevor das Turnier begonnen hat, wurden mit FC Dallas und Nashville SC bereits zwei Teams ausgeschlossen. Jeweils zehn Spieler wurden positiv auf Corona getestet. Der Anfang vom Ende?

Julian Gressel: Ich glaube und hoffe es nicht. Vor unserer Anreise war ich sehr skeptisch, ob das Konzept funktioniert. Florida ist ein Corona-Hotspot, fast täglich gibt es neue Rekordzahlen. Ich bin neidisch auf Deutschland, wie es die Situation gemeistert hat. Davon ist die USA weit entfernt. Mittlerweile bin ich aber sehr positiv gestimmt. Das liegt vor allem an den Bedingungen hier vor Ort. Wir sind abgeschottet, können uns von anderen Mannschaften isolieren, auch untereinander Abstand halten und leben wie in einer Blase. Die MLS hat uns versichert, dass Dallas den Virus mitgebracht hat, es aber nicht von Team zu Team hier weitergegeben wurde.

Wie kann man sich die Blase vorstellen, in der Sie nun leben?

Die 24 Teams sind in zwei Mega-Hotels auf dem riesigen Walt-Disney-Gelände untergebracht. Eine Mannschaft hat ihre eigene Etage, wir sind zum Beispiel im sechsten Stock. Jeder Spieler hat ein Einzelzimmer, Besuche bei anderen Teams sind verboten. Hier ist alles leer: Es gibt keine Besucher in den Parks, keine Mitarbeiter, an den Eingängen stehen aber Securitys und kontrollieren alles. Auch bestelltes Essen wird dort erst desinfiziert. Es sieht aus wie in einer Geisterstadt und fühlt sich auch so an. Zwar gibt es etwas Abwechslung wie ein Tischtennis-Platte, man ist aber sehr oft alleine auf dem Zimmer.

Familienbesuche sind verboten?

Die Liga hatte das Thema diskutiert, sich aber dagegen entschieden, Familien ins Hotel zu lassen. Es ist wohl zu schwer zu kontrollieren und würde die Ansteckungsgefahr erhöhen. Zwar freue ich mich unglaublich, endlich Fußball spielen zu können. Es ist aber nicht leicht, meine Frau für einige Wochen alleine zu lassen - zumal wir unser erstes Kind erwarten. Das Timing ist sicher etwas ungünstig. Dazu kommt, dass wir aktuell in D.C. umziehen. Das muss sie jetzt alleine regeln, aber das schafft sie, da bin ich zuversichtlich. Sie ist in der 22. Woche, noch haben wir zum Glück etwas Zeit, bis es mit der Geburt ernst wird. Das Wichtigste ist, dass wir und vor allem sie gesund bleibt.

Sie selbst wurden ja bereits mehrfach auf Corona getestet. Wie läuft das ab?

Wir sind Anfang der Woche angereist, wurden direkt getestet und isoliert, bis der Befund zwölf Stunden später da war. Jetzt werden wir alle zwei Tage bzw. am Abend vor einem Spiel getestet. Dass wir trotzdem ein Risiko eingehen, steht natürlich außer Frage. Angenehm sind die Tests auch nicht, wenn sich ein langes Wattestäbchen sekundenlang tief in die Nase bohrt. Wenn es uns aber ermöglicht, Fußball spielen zu können, ist es die Sache wert.

Die MLS-Saison wurde unterbrochen, soll nach dem Turnier aber fortgesetzt werden. Was bringt dieses Turnier dann überhaupt?

Die Punkte aus den Gruppenspielen zählen für die reguläre Saison, der Sieger bekommt einen Startplatz für die Concacaf-Champions-Legaue. Der Anreiz ist also da. Die Rechte an dem Turnier hält der TV-Sender ESPN, der ja zum Disney-Konzern gehört. Deswegen finden die Spiele auch hier statt. Der ESPN Wide World of Sports Complex umfasst 20 Trainingsplätze, dazu zwei kleine Stadien.

D.C. United hat zuletzt sportlich wenig gerissen. Ist so ein Turnier eine gute Gelegenheit für einen Husarenstreich?

Wir sind gierig, spielen zu können. Das Format garantiert ja spannende Spiele, ein bisschen ist es wie eine Weltmeisterschaft: mit Gruppenphase, Viertelfinale und so weiter - das hat schon was. Und bei einer WM gewinnt selten jene Mannschaft, die im Vorfeld als größter Favorit gehandelt wurde. Ein klarer Favorit wäre eh nicht auszumachen, vielleicht der Toronto FC, auf den wir direkt als Erstes treffen. Wir wollen ins Viertelfinale, mit den anderen drei Teams in unserer Gruppe sehe ich uns auf Augenhöhe.

Sie haben Atlanta nach drei Jahren verlassen: als Leistungsträger, Publikumsliebling und mit der Meisterschaft in der Tasche - haben in all den Jahren aber unter dem vergleichsweise schlecht dotierten Rookie-Vertrag gespielt. In D.C. verdienen Sie nun etwa das Sechsfache...

Ich habe mich in Atlanta sehr wohl gefühlt und werde die Zeit in bester Erinnerung behalten. Ich wollte aber einen neuen Vertrag, in dem meine Leistungen in den drei Jahren honoriert werden. Es war eine schwierige Zeit. Atlanta wollte warten, bis der neue Grundlagenvertrag zwischen MLS und Spielervertretern herauskam; dort ist geregelt, wie hoch der Salary Cap, die Gehaltsobergrenze ist. Je länger ich gewartet hätte, desto mehr wäre das Interesse anderer Vereine gesunken, zumal Atlanta für mich recht viel verlangt hat. Letztlich haben wir uns auf einen Wechsel verständigt, D.C. bekam den Zuschlag. Ich bin nicht böse auf Atlanta und froh, jetzt hier zu sein, es ist ein neuer Schritt in meiner Karriere. Und dann kam die tolle Nachricht mit dem Baby. Das Leben verändert sich eben.

Und wie hat sich Ihre sportliche Rolle auf dem Platz verändert?

Schon die Gespräche mit Trainer Ben Olsen vor dem Wechsel waren hervorragend. Sie loben meinen sehr guten letzten Ball und sehen mich in einer noch offensiveren Rolle als in Atlanta: im zentralen Mittelfeld, auf der Acht, der Zehn, oder ich orientiere mich nach Rechtsaußen, weniger aber in die Defensive. Wir sind als Mannschaft sehr flexibel und können schnell reagieren, auch während eines Spiels.

Mit Wayne Rooney hat der Topstar das Team aber verlassen...

Nun verteilt sich die Verantwortung eben auf mehreren Schultern, dadurch sind wir nicht so leicht ausrechenbar. Und wir funktionieren als eingeschworenes Team. Das war in Atlanta manchmal etwas anders.

Und eine Rückkehr nach Deutschland? Mancher Erst- und Zweitligist soll Interesse gezeigt haben...

Es gab lose Anfragen, konkret wurde es aber nicht. Im Winter zu wechseln, ist immer schwierig. Als Spieler muss man sofort einschlagen, da ist die Unsicherheit bei jemandem, der drei Jahre in der MLS gespielt hat, recht groß. Und mein Alter spielt da auch mit rein, mit fast 27 Jahren bin ich vielleicht schon zwei drei Jahre zu alt. Im Sommer hätte sich vielleicht eine Möglichkeit aufgetan, aber so lange wollte ich nicht warten.

Im April 2022 könnten Sie die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen und womöglich als US-Nationalspieler zur WM fahren. Eine verlockende Aussicht?

Die Staatsbürgerschaft würde ich definitiv annehmen. Wir wollen in den USA bleiben, das habe ich meinen Eltern leider oft sagen müssen. Man weiß aber nie, was im Leben passiert. Ob es in zwei Jahren für mich überhaupt noch zur Nationalmannschaft reicht, ist ja auch nicht selbstverständlich.

Sie leben in der Hauptstadt, im politischen Epizentrum: Trump, Anti-Rassismus-Demos, Corona. Vieles verdichtet sich hier. Schwingt auch Unbehagen mit?

Es ist grundsätzlich eine schreckliche Situation, die sich in den gesamten USA abspielt und zuspitzt. Direkt vor Ort bekommt man aber nur wenig mit, es begrenzt sich auf gewisse Teile der Stadt. Die Demos ereignen sich ja nicht nur in der Hauptstadt, sondern in fast jeder größeren Stadt. Aber es fühlt sich realer an, wenn man selbst hier lebt.

Vor dem Eröffnungsspiel haben sich dunkelhäutige Spieler aller Teams auf dem Feld versammelt und die rechte Faust gereckt, im Mittelkreis knieten die Spieler von Miami und Orlando. Eine richtige Geste?

Es ist wichtig, dass sich der US-Fußball solidarisiert und gemeinsam ein Zeichen gegen Rassismus setzt. Bei unserer Anreise haben wir bereits alle "Say their names"-Shirts getragen, die Namen sollen an die durch Polizeigewalt getöteten Menschen erinnern. Vor Monaten war so etwas noch überhaupt nicht denkbar, mittlerweile zum Glück schon. Diese Entwicklung ist überfällig und richtig.