Eine schöne Tradition beim FC 06 Bad Kissingen war es in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, sich im Jubiläumsjahr deutsche Spitzenteams einzuladen. Zum 70. Geburtstag lief Bayern München im Sportpark auf. Der deutsche Rekordmeister siegte mit 17:0, wobei Gerd Müller zehn Treffer erzielte. Zehn Jahre später, 1986, traf man auf den VfB Stuttgart.

Zum Match Kreisligist gegen Bundesligist war der Sportpark bei herrlichem Fußballwetter rappelvoll. Die 3000 Zuschauer erlebten ein Spiel auf ein Tor. "Wir waren dem Gegner haushoch unterlegen", erinnerte sich Jürgen Werner, der zur 1. Mannschaft gehörte, aber von FC-06-Coach Hans Waldner nicht berücksichtigt wurde, "weil ich erst kurz vorm Anpfiff nach einem Motorradausflug aus Dänemark zurückgekehrt war".

Von der Tribüne aus sah Werner spielstarke Schwaben, deren Mannschaft mit Klasse- und späteren Weltklassespielern bestückt war. Im Tor stand mit Eike Immel, der von Borussia Dortmund kurz zuvor an den Neckar gewechselt war, ein deutscher Nationalspieler, "der in dieser Begegnung aber einen ruhigen Montagabend erlebte", so Werner.

Steuerwald wurde "heiß geschossen"

Davon konnte bei Immels Gegenüber Peter Steuerwald keine Rede sein. Er wurde vom Anpfiff weg in einer fairen Partie "heiß geschossen". Das Geschehen spielte sich fast ausschließlich in der FC-06-Hälfte ab. Die Gastgeber - mit massierter Deckung, in der Horst und Rudi Muth die Innenverteidiger abgaben - setzten auf Konter. Ihr Spielmacher hieß Wolfgang Werner, der noch viele Jahre später in der 1. Mannschaft auflief und heute als Vorstandssprecher fungiert.

Gerd Kessler spielte in der Offensive den Alleinunterhalter. Sein Sturmpartner Jan Quast war eher im defensiven Mittelfeld zu finden, war zu Soloeinlagen gezwungen - was dem VfB-Coach Egon Coordes überhaupt nicht gefiel. "Ich weiß noch, wie er hörbar seinen Verteidigern zurief: Tretet doch dem Fummler mal in die Beine", so Jürgen Werner. Das taten diese zwar nicht, doch letztlich wurden dem FC-06-Sturmtank, der nur zu einer einzigen gefährlichen Chance kam, die Grenzen aufgezeigt.

Dies war wenig verwunderlich, denn sein Gegenspieler hieß Guido Buchwald. Der 76-fache spätere Nationalspieler, mit dem VfB 1984 und 1992 Deutscher Meister, war unerbittlich - so wie bei der Weltmeisterschaft 1990, als er sich im Finale den Spitznamen "Diego" verdiente. Er hatte den noch berühmteren Diego Maradona aus dem Spiel genommen.

Im Kissinger Sportpark gelang den Platzherren ein solches Kunststück trotz größter Bemühungen nicht. VfB-Spielmacher und Kapitän Asgeir Sigurvinson, der nach der Saison 1982/83 für die damals horrende Ablöse von einer Million Mark vom FC Bayern zum VfB gewechselt war, zog im Mittelfeld mit dem jugoslawischen Nationalspieler Predrag Pasic die Fäden. Der isländische Nationalspieler erhielt an der Saale mehrfach Sonderbeifall für seine Spielzüge.

Davon profitierte das Angriffstrio, das schon aus damals klangvollen Namen bestand. Große Meriten hatte sich Karl Allgöwer verdient, der gefürchtete Freistoßexperte, von den eigenen Fans deswegen als "Knallgöwer" tituliert. Er setzte immer wieder zu Schüssen - auch aus größerer Entfernung - an. Dabei gab er Steuerwald zweimal das Nachsehen.

Dieser und auch der ab der 60. Minute für ihn eingewechselte Oliver Markard bekamen von den anderen beiden Gäste-Angreifern das Leder noch öfter um die Ohren gehauen. Der nach der Saison 1985/86 vom Bundesliga-Aufsteiger Blau-Weiß 90 Berlin zu den Schwaben gestoßene Zweitligatorjäger Leo Bunk, der mit 26 Treffern für die überraschende Zweitliga-Meisterschaft der Berliner mitverantwortlich war, tanzte genauso durch die FC-Deckung wie sein Pendant. "Jürgen Klinsmann war schon damals eine große Karriere vorhergesagt worden", so Jürgen Werner.

Dass da ein späterer Weltmeister und deutscher Nationaltrainer im weißen Trikot mit dem roten Brustring im Sportpark auflief, ahnte der 06-er aber nicht. Der strohblonde Goalgetter Klinsmann hatte damals neun Spiele in der Junioren-Nationalmannschaft absolviert und galt als möglicher Nachfolger eines Gerd Müller. Diese Hoffnung bestätigte "Klinsi", erzielte in 108 Länderspielen 47 Tore, war maßgeblich am Erfolg bei der Weltmeisterschaft 1990 beteiligt und war deutscher Mannschaftskapitän beim Gewinn der Europameisterschaft 1996.

Klinsmann netzte fünf Mal ein

Der zweimalige "Fußballer des Jahres" (1988 und 1994, 1995 holte er sich den Titel auch bei den Tottenham Hotspurs), bestach durch Schnelligkeit und technisch perfekte Ballbehandlung. "Der war ein Augenweide", meint Jürgen Werner. Klinsmann netzte fünf Mal ein und war neben Bunk (vier Treffer) erfolgreichster Schütze. Der Gastgeber kassierte eine 0:17-Plete, weil neben Klinsmann, Bunk und Allgöwer sich auch Sigurvinsson (2) sowie Andreas Merkle (2), Günther Schäfer und Michael Schröder in die Torschützenliste eintrugen.

Wie überlegen der Bundesligist agierte, beweist die Tatsache, dass der "Schwabenpfeil" in den 90 Minuten noch sieben Mal Latte oder Pfosten erzittern ließ. Dennoch: Druck war dort da, wie eine Anekdote von Wolfgang Werner beweist: "Beim Stand von 12:0 hat mich mein Gegenspieler Bertram Beierlorzer sauber von den Beinen geholt. Als ich ihm fragte, ob er noch alle habe, entschuldigte er sich: 'wir dürfen laut Anweisung unseres Trainers auf keinen Fall ein Gegentor kassieren; uns ist ein 18:0-Sieg vorgegeben worden.'

Der wurde es nicht ganz. Nicht nur deswegen wurden hinterher auch die Hausherren mit Beifall bedacht, "weil sie sich fair gegen einen Gegner, gegen den es von Anfang an nur Paroli geben konnte, im Rahmen ihrer Mittel gewehrt hatten", so Jürgen Werner.