"Hallo, du deutscher Meister. Du machst uns alle Ehre, einfach super. An sowas hätte ich im Traum nie gedacht" begrüßt Ulla Müller, Ortssprecherin des Münnerstädter Stadtteils Wermerichshausen, überschwänglich Gerhard Bötsch im Vereinsheim des Schützenvereins Wannigtal.

Der 50-jährige Bogenschütze hat es tatsächlich geschafft, die Konkurrenz mit einem exzellenten Ergebnis bei den Deutschen Meisterschaften des Feldbogen-Sportverbandes in seiner Klasse komplett hinter sich zu lassen.

Hinter dieser Leistung stecken natürlich viel Arbeit und jahrelanger Trainingsfleiß. Immerhin war der Weg zu diesem Meistertitel nicht weit, denn die Wettkämpfe wurden vom Verband Bogenschützen der Rhön organisiert und fanden im September in Eichenfeld beim Schloss Fasanerie in der Nähe von Fulda statt. 250 Bogenschützinnen und -schützen kämpften in 62 Sparten und Klassen um Meisterehren.

Bescheidener Champion

Gerhard Bötsch macht nicht gerne viel Aufsehen von sich. Er wohnt in Wermerichshausen und arbeitet, wenn er nicht trainiert oder an Wettkämpfen teilnimmt, als selbstständiger Zimmermann in Großbardorf. Über 15 Jahre trainiert er schon beim Schützenverein Wannigtal und ist nun das erste Mitglied des Vereins, das einen Deutschen Meistertitel errungen hat. Andere Mitglieder nahmen auch schon an Deutschen Meisterschaften teil und errangen vordere Plätze, aber nie den ersten.

Schaut man "normalen" Bogenschützen zu, dann verharren sie fast wie angewurzelt auf einem Fleck und verschießen Pfeil um Pfeil auf eine Scheibe mit festem Abstand. Nicht so Gerhard Bötsch und seine Kollegen beziehungsweise Mitbewerber.

Um zu ihren Zielscheiben zu kommen, mussten sie durchs Gelände, durch Wald und Wiesen streifen. Mal waren die Scheiben sechs und mal 70 Yards (ein Yards sind 0,914 Mater) entfernt und entsprechend variierte ihr Durchmesser zwischen 20 und 65 Zentimeter.

Damit nicht genug: Manche Scheiben waren höher oder tiefer als der Schütze angebracht. Das alles machte es den Bogenschützen nicht einfach, denn sie mussten ihre Visiere immer wieder nachstellen, um genau in die Mitte der Scheibe zu treffen.

Geschossen wurde auf dreimal 14 Scheiben (wegen Corona wurde diese Zahl dieses Jahr allerdings halbiert) in den Sparten Jagd, Feld und Tierbilder mit Bären, Luxen, Wildschweinen oder Enten aus Papier.

Am ersten Tag erzielte Bötsch 470 Ringe, am zweiten 225. Mit insgesamt 695 Ringen erzielte er entscheidend bessere Ergebnisse als der zweite mit 661 und der dritte Schütze mit 644 Ringen.

Bötsch trat in der Klasse Freestyle Limited Recurve junge Senioren an. Sein Sportgerät, ein Recurve-Bogen mit einem Visier und Stabilisatoren, wirkt auf Laien wie ein High-Tech-Gerät.

Er ist nicht nur Deutscher Meister geworden, er kann auch einen weiteren schönen Erfolg vorweisen: Bötsch gehört jetzt zu einer Mannschaft, die den Aufstieg in die Recurve-Bayernliga - eine sehr hohe Klasse - geschafft hat. Damit muss er zum Beispiel in Bayreuth, Hof oder im Fichtelgebirge schießen. Wegen der Corona-Pandemie fanden allerdings noch keine Wettkämpfe statt.

Bogenschießen spielt große Rolle

Beim Schützenverein Wannigtal, dem Heimatverein des deutschen Meisters Gerhard Bötsch, spielt das Bogenschießen eine große Rolle. Begonnen wurde 2006; an Rundenwettkämpfen nehmen die Schützen seit 2007 teil, erzählt Ehrenschützenmeister Karl Bauer.

Nach dem Amoklauf in Winnenden im Jahr 2009, der 16 Schulkindern das Leben kostete, hätten viele Eltern ihren Kindern verboten, Pistolen und Gewehre als Sportgeräte in die Hand zu nehmen. "Seit dem Amoklauf haben wir einen Boom", hat Bauer festgestellt.

Die Zahlen, die Sportleiter Alexander Saal und Bogenreferent Stephan Kirchschlager nennen, belegen das: 22 Erwachsene und zwölf Jugendliche schießen mit Bogen, etwa 30 sind in den Kugel- Disziplinen (Gewehr und Pistole) aktiv. "Alle sind harmonisch zusammen im Verein" sagt Karl Bauer.