Die Vorfreude in Herzogenaurach war riesig: Anfang Juli des vergangenen Jahres verkündete der Deutsche Fußball-Bund (DFB), dass die deutsche Nationalmannschaft während der Europameisterschaft 2020 ihr Quartier in Mittelfranken aufschlagen wird. Genauer gesagt auf dem Gelände des Sportartikelherstellers und jahrzehntelangen Sponsors Adidas. Der "Home Ground", eine Erweiterung des Firmengeländes "World of Sports" mit Wohneinheiten und Tagungsräumen ging in den Bau. Dort wird im Sommer aber kein Nationalspieler zu finden sein: Der europäische Fußballverband Uefa hat die EM aufgrund des Coronavirus um ein Jahr verschoben.

Bei Adidas kann man die Verlegung nachvollziehen: "Wir unterstützen die Entscheidung und haben dafür volles Verständnis. Die Gesundheit und Sicherheit aller Beteiligten haben in einer solchen Ausnahmesituation absoluten Vorrang", sagt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen.

Räume werden genutzt

Die Nationalmannschaft sollte ursprünglich der erste Nutzer des neuen Tagungszentrums auf dem Adidas-Gelände sein. Daraus wird jetzt nichts. "Der Gebäudekomplex ,Home Ground' wird trotzdem wie geplant fertiggestellt", sagt Brüggen. Im Mai sollten die Arbeiten abgeschlossen werden. "Er kann von Mitarbeitern, aber auch von externen Partnern, Sportlern, Vereinen oder Verbänden genutzt werden." Dafür war der Neubau im Westen des Firmenareals nach der Abreise des DFB-Teams ohnehin vorgesehen. Neben 15 Holzhäusern mit je vier Zimmern als Übernachtungsmöglichkeit hätten - verteilt auf drei Gebäude - Räumlichkeiten für Physiotherapie und Training, ein Restaurant, Aufenthaltszimmer sowie Büros und Besprechungsräume auf die Spieler, Trainer und Betreuer des Nationalteams gewartet.

Für das Training waren die schon bestehenden Einrichtungen auf dem Adidas-Campus vorgesehen, die bisher von den 5600 Mitarbeitern am Standort Herzogenaurach genutzt werden: Das Adi-Dassler-Stadion für maximal 4000 Zuschauer zum Beispiel, das zum Confederations-Cup 2005 gebaut und von der Nationalmannschaft für ein öffentliches Training verwendet wurde. Auch Anlagen für andere Sportarten, wie Tennis, Basketball oder Beachvolleyball, gibt es. Und - laut Adidas - "eines der besten Fitnessstudios der Welt".

All diese Anlagen werden aufgrund des Coronavirus nun vorerst nicht von der Nationalmannschaft genutzt. Aufgeschoben ist allerdings nicht aufgehoben: "Mit dem DFB bleiben wir weiterhin in enger Abstimmung", sagt Brüggen, "und unsere Vorfreude, im Sommer 2021 Gastgeber der deutschen Mannschaft zu sein, bleibt ungebrochen."

Gedankenspiele im Verband

Die Verschiebung der Europameisterschaft eröffnet auch dem bayerischen Amateur-Fußball neue Möglichkeiten. Denn bislang war geplant, dass die Amateur-Ligen während der EM ruhen. Geisterspiele auch im Amateurfußball? "Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt", sagt Jürgen Pfau. Überhaupt möchte sich der Bezirksvorsitzende für Unterfranken mit offiziellen Aussagen bedeckt halten, "weil wir uns am Donnerstagabend auf BFV-Ebene in Form einer Videokonferenz über alle möglichen Szenarien austauschen wollen." Die Entscheidung der Uefa, die Fußball-Europameisterschaft zu verschieben, findet der Frankenwinheimer richtig, um auf allen nachgeordneten Ebenen Zeit zu gewinnen und mehr Planungssicherheit zu bekommen. "Mir persönlich wäre es am liebsten, die Saison fortzusetzen und am 30. Juni abzuschließen", sagt Jürgen Pfau. Gedankenspiele zu einer Änderung der Wechselfristen oder einer Modifizierung der Relegation lässt Pfau zu: "Auch hier müssen wir prüfen, was sich anbietet. Wir werden am Donnerstag sehr viele Überlegungen anstellen."

Standpunkt: von Jürgen Schmitt

Naiv bin ich ja nicht, und hatte natürlich damit gerechnet, dass die Uefa die Fußball-Europameisterschaft auf das nächste Jahr verlegt. Macht ja alles Sinn. Traurig bin ich dennoch, denn ich wäre ja live dabei gewesen. Mit fünf Kumpels. Bei drei Spielen auf der Insel. Es war alles generalstabsmäßig geplant für unseren Achttage-Trip: Die Flüge waren ebenso bereits gebucht wie die Hotels in Dublin, London und Edinburgh. Auch die 18 benötigten Tickets hatten wir quasi schon in der Tasche: Für das Spiel der Schweden gegen Polen in Dublin und das Achtelfinale in London fehlten uns jeweils zwei Karten, dafür hatten wir sechs Karten zuviel für das Achtelfinale in Glasgow. Tausch-Masse. Die Hotels können wir problemlos stornieren. Die Ticket-Kosten sind noch nicht abgebucht. Bei den Flügen, vier insgesamt, wird es komplizierter: Stornieren wir vorab, zahlen wir saftige Storno-Gebühren. Haben wir Glück, werden die Flüge gestrichen und damit die Kosten erstattet. Oder wir fliegen trotzdem, dann gäbe es halt einen fußballfreien Urlaub. So oder so: Unsere Karten werden neu gemischt. Was bleibt? Im besten Fall eine sehr lange Vorfreude auf die EM 2021.