FC 05 Schweinfurt - TSV 1860 Rosenheim 4:3 (0:1). Tore: 0:1 Achitpol Keereerom (39.), 0:2 Luftetar Mushkolaj (63.), 0:3 Achitpol Keereerom (65.), 1:3, 2:3, 3:3, 4:3 Florian Pieper (71., 85., 90., 90.+4).

Es war am 26. November 2001. Da erzielte der Schweinfurter Stürmer Ermin Melunovic am Montagabend im Zweitliga-Live-Spiel vier Treffer zum 4:2-Sieg gegen Ahlen. "Ermin Melunovic?" Die Fragezeichen über Tobias Strobl sind beinahe sichtbar, fast auf den Tag genau 18 Jahre später. Dafür kennt der aktuelle Trainer des FC 05 Florian Pieper. Dem gelang am Samstagnachmittag schließlich das gleiche Kunststück. Er setzte sogar noch einen drauf: Binnen 23 Minuten machte er mit seinem Viererpack aus einem 0:3-Rückstand einen 4:3-Sieg über den TSV 1860 Rosenheim. Wofür es von Offensiv-Kollege Adam Jabiri hinterher eine innige Umarmung gab - und Lob: "Er hat's einfach verdient. Ganz einfach."

Kleine Titel-Chance ist gewahrt

Nun, einfach was dieser Erfolg nicht, der vor den knapp 900 Zuschauern erst in der vierten Minute der Nachspielzeit perfekt war und der den Schweinfurtern ihre kleine Chance im Titelrennen gegen die weiter acht Punkte besseren Münchner Türken wahrte. Schwache 45 Minuten vor der Pause sowie durchwachsene 20 danach hätten den davor drei Mal in Folge siegreichen FC 05 in seiner Aufholjagd ums Haar gestoppt. "Verlieren wir das Spiel 0:3, hätte man die Mannschaft und auch diese tollen drei Wochen beerdigen können", so Strobl. Aber dann kam Pieper - und er durfte mit Fug und Recht hinterher behaupten: "Das war heute ein Mentalitätsspiel. Und die Mannschaft hat gezeigt, dass sie die bessere Mentalität hatte."

Zweimal per Kopf und einmal im Nachschuss war der 26-Jährige zur Stelle, dann setzte er noch ein besonders pfiffiges i-Tüpfelchen obendrauf: Beim Siegtreffer sahen die meisten Zuschauer wohl eine Flanke, doch die senkte sich offenbar nicht ganz zufällig ins lange Eck - "ich wollte den Ball schon absichtlich irgendwie aufs Tor bringen." Wenn_s läuft, dann läuft's eben. Eine Erfahrung, die auch die Rosenheimer in dieser Partie hatten machen dürfen. Vor der Pause waren sie einmal vor dem Tor, nutzten das prompt, als Achitpol Keereerom eine Hereingabe verwertete. Nach Wiederbeginn waren sie zweimal vorn, Luftetar Mushkolaj war nach einer Zwick-Unsicherheit per Abstauber zur Stelle, nochmals Keereerom aus stark abseitsverdächtiger Position auf und davon und per Lupfer erfolgreich.

"Diese zwei Tore kreide ich mir an", gestand Strobl, der kurz zuvor mit Pieper für Verteidiger Nicolas Pfarr einen Angreifer gebracht und damit sein Gebot an die Mannschaft, geduldig zu sein, selbst ad absurdum geführt hatte. Blitzschnell hatten die lange hervorragend verteidigenden, in der Schluss-Viertelstunde brutal einbrechenden Rosenheimer die Verunsicherung nach dem Umbau in der 05-Abwehr ausgenutzt. Bis dahin waren die Schweinfurter, die durch Tim Danhof (23.), Nicolas Pfarr (41.) und Pieper (73.) jeweils nur den Pfosten getroffen hatten, selbst zu fahrig, produzierten reichlich nicht erzwungene Fehlpässe und schlossen zu selten, wenn, dann meist zu hoch ab. So stand's plötzlich 0:3 und Strobl "hatte ganz sicher nicht mehr das Gefühl, dass da noch etwas möglich ist".

Dass 1860-Coach Thomas Kaparetti, dessen Plan, nach der Führung zwei Stürmer auszuwechseln, mächtig in die Hose ging, in der Pressekonferenz humorvoll blieb, dürfte Galgenhumor gewesen sein: "Was die Leute heute im Stadion gesehen haben, ist das, weswegen man den Fußball so liebt." Für Kollege Strobl, der in Rosenheim Kasparettis Vorgänger war, hat dieses irre Last-Minute-4:3 noch viel mehr Wert als es diese drei Zähler allein sind. "So gehen wir mit einem positiven Erlebnis in die Winterpause. Wir halten den Druck auf München hoch. Das ist positive Energie. 16 Siege in 16 Spielen sind nicht unmöglich", ist er sich dessen bewusst, dass Türkgücü kaum entscheidend einbrechen wird und man selbst wohl diese Wahnsinnsserie spielen wird müssen, um vielleicht doch noch Meister werden zu können.

Geistig wach bleiben

Dass die Mannschaft in den 95 Minuten zuvor quasi den kompletten Herbst mit Talfahrt und Höhenflug nachgespielt hat, ist ihm freilich nicht entgangen. "Wir müssen jetzt aufarbeiten, warum wir 70 Minuten lang mit dem Kopf nicht hundertprozentig da waren. Nur wenn wir künftig über die gesamte Spielzeit geistig wach sind, ist das vermeintlich Unmögliche doch noch möglich." Einer, dem die Pause nicht ganz so gelegen kommt, ist natürlich Pieper, der 20 Spieltage lang nur einmal getroffen hatte, dann noch einmal vergangene Woche beim 6:0 gegen Rain und nun eben viermal. "Flo hat in den dreieinhalb Wochen, in denen ich hier bin, einen riesigen Sprung gemacht. Ich habe ihm vor dem Rosenheim-Spiel wieder sagen müssen, dass er nicht anfangen wird", erzählte Strobl von seinem Gewissenskonflikt. "Ich habe es ihm ausführlich erklärt und er zeigte sich froh, dass ich überhaupt mit ihm spreche."

Am Ende stand diese Sternstunde. Und ein Besuch auf der Fan-Weihnachtsfeier, auf der sich neben Spielern wie Jabiri, Lukas Billick und Andreas Binner auch Strobl blicken ließ. Vielleicht hat er da seine Liebeserklärung an den FC 05 noch einmal wiederholt: "Ich bin stolz und glücklich, Teil der Schnüdel sein zu dürfen." Frohe Weihnachten. Michael Bauer

Schweinfurt: Zwick - Pfarr (57. Pieper), Kleineheismann, Krätschmer - Fritscher (80. Awata), Fery, Korb, Danhof, Laverty - Suljic, Jabiri.