Volle Stadien - das liegt gefühlt eine Ewigkeit zurück. Geisterspiele sind inzwischen fast zur Normalität geworden. Für Fußballfans ist 2020 ein schweres Jahr. Einer, der sein Ohr ganz nah an den Sorgen und Problemen der Fans hat, ist Fanforscher Harald Lange. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg.  

Zu Beginn der Pandemie gab es Geisterspiele, zuletzt waren wenige Fans zugelassen, nun müssen sie wieder draußen bleiben. Wie wirkt sich die Corona-Zeit auf die Bindung der Fans zu ihrem Verein aus?

Harald Lange: Die fehlende Präsenz im Stadion kratzt an der Bindung zum Sport, zum Verein und zur Mannschaft. Je länger diese Distanz besteht, desto größer ist der Bindungsverlust. Das kann negative Auswirkungen auf den Profifußball haben. Mit den 14- bis 18-Jährigen könnte plötzlich eine ganze Generation von Fans wegbrechen. Es könnte zu einem Stimmungseinbruch in den Spielzeiten nach der Pandemie kommen, wenn alles wieder in gewohnten Bahnen läuft. Das würde eine Zäsur bedeuten im Vergleich zur enormen Bindungskraft, die wir bisher im Fußball hatten.

Manche Vereine wie Hertha BSC und der VfB Stuttgart hatten während der Corona-Krise Probleme, ihre Tickets an den Mann zu bringen. Ist das der Situation geschuldet?

Das ist ein Phänomen, das im Vorfeld nicht zu erwarten war. Die ganze Aufmerksamkeit wurde auf die Frage gelenkt, wie gerechte Verteilungsmodelle für die wenigen verfügbaren Karten aussehen können. Viele haben sich Sorgen um eine Ungleichbehandlung gemacht. Keiner dachte daran, dass Karten übrig bleiben. Das war in dieser Deutlichkeit nicht vorauszusehen.

Welche Gründe machen Sie dafür aus?

Zum einen ist es die Angst der Bevölkerung, sich bei so einem Event mit dem Coronavirus zu infizieren. Deshalb haben viele lieber auf einen Stadionbesuch verzichtet. Der zweite Punkt ist, dass die Bindung zum Profifußball Schaden genommen hat. Es gab die leidige Debatte im Frühjahr, dass sich der Fußball über alles hinwegsetzt und eine Sonderrolle einnimmt. Das hat zu massivem Gegenwind geführt, der von den Verantwortlichen so nicht erwartet worden war. Aus den Fanlagern wird die Kritik am DFB und der DFL immer massiver.

Die Kritik war zu Beginn des Jahres mit der "Causa Hopp" noch anders gelagert. Hier wurde eindeutig mit zweierlei Maß gemessen. Ein Millionär wird bei Anfeindungen geschützt, aber bei rassistischen Beleidigungen gegen Akteure, die nicht so reich und bekannt sind, wird nichts unternommen. Mit der Pandemie kam ein Einschnitt. Zusammengenommen war aber der Vertrauensverlust seitens des Fußballs enorm. Die Bindung hat tatsächlich nachgelassen. Das ist in allen Statements der Fanszenen nachzulesen. Doch nicht nur die Fanszenen sind kritisch, die Haltung ist ein Stück weit Mainstream geworden. Nun muss man behutsam daran arbeiten, die Bindungskraft wiederherzustellen. Dafür bedarf es einer Menge Debatten.

In manchen Stadien waren verhältnismäßig viele Zuschauer erlaubt, andere Vereine mussten fast immer ohne Fans auskommen. Ist das nicht Wettbewerbsverzerrung?

Gefühlt bringt der zwölfte Mann einen Vorteil. Zum Ende der abgelaufenen Saison hat man die Geisterspiele der großen europäischen Ligen analysiert und festgestellt, dass der Heimvorteil weggebrochen ist. Das ist statistisch belegt. Die Auswirkung ging sogar so weit, dass die Auswärtsmannschaft eines Geisterspiels einen Vorteil hatte gegenüber Spielen, in denen Fans noch erlaubt waren.

Wenn Sport gerecht sein soll, müssen die Bedingungen für alle Teilnehmer gleich sein. Nur so ergibt der Wettkampf einen Sinn. Und nur dann sind die Fans mit Faszination dabei. Im Zuge der Pandemie muss man sich fragen: Wurden die Corona-Regeln für alle gleich angewandt? Das wurden sie nicht. Dresden erlebte durch die zweiwöchige Quarantäneverordnung in der 2. Liga einen massiven Nachteil. Das haben die Fans als ungerecht empfunden. Da sägt der Fußball an der Basis und macht seine Werte kaputt, die ihn eigentlich tragen.

Das Gegenbeispiel ist der falsch-positive Test von Serge Gnabry von Bayern München. Dank der Schnelltests konnte das Champions-League-Spiel gegen Atletico Madrid stattfinden, niemand weiter musste in Quarantäne. Da misst der Fußball eindeutig mit zweierlei Maß. Die Verantwortlichen nennen dann 1000 Gründe, warum das so ist. Der Fan auf der Straße versteht das aber nicht.

Machen Sie sich um Sportarten wie Basketball, Handball und Eishockey besondere Sorgen, dass dort reihenweise die Fans wegbrechen?

Die Fans fehlen gerade pandemiebedingt, große Sorgen würde ich mir aber nicht machen. Die Zahl und das Ausmaß sind dort überschaubar. Die Strukturen sind zudem andere als im Fußball. Die Fans, die zum Handball oder Basketball gehen, sind auf ganz andere Weise gebunden. Die Fans wurden dort in den vergangenen drei bis fünf Jahren nicht so strapaziert. Natürlich wird dort auch Geld verdient, aber der Konflikt zwischen Fans und Verband ist nicht so ausgeprägt wie im Fußball beziehungsweise gar nicht erst vorhanden. Die Fans leiden auch in der Krise mit ihren Vereinen. Ich bin mir sicher, dass die Anhänger nach der Pandemie genauso dabei sind wie zuvor.

Wie sollte es aus Ihrer Sicht nach dem Lockdown mit der Zuschauerproblematik weitergehen?

Bindung lässt sich nicht per Knopfdruck herstellen. Das gilt auch für den Fußball und die Fankultur. So gesehen sollte man versuchen, aus der Pandemie-Krise und der damit einhergehenden Zäsur zu lernen. Die führenden Vertreter des Fußballs wären gut beraten, wenn sie alles dafür tun, dass die klassischen Werte des Sports wie Chancengleichheit, Wettbewerb und Fair Play wieder im Zentrum aller Entscheidungen stehen. Nur dann gewinnt das Spiel wieder an Attraktivität, so dass es jenseits des Kommerzes wieder interessant wird und Zuschauer und Fans bindet.

Das Kulturgut "Fußball" ist zu retten, es braucht aber eine klare Strategie

Als die Fußball-Bundesliga im Mai mit Geisterspielen wieder loslegte, standen die wirtschaftlichen Interessen der Liga und der Vereine im Vordergrund. Das kratzte gewaltig am Image. Mehrheitlich lehnten Fans den Sonderstatus des Fußballs ab. Fanforscher Jonas Gabler malte wenige Tage nach dem Re-Start ein düsteres Bild im Interview mit t-online: "Die Illusion des Fußballs als Kulturgut ist zerplatzt."

Sein Kollege Harald Lange sieht es nicht ganz so dramatisch. "Zerplatzen würde ja bedeuten, dass der Fußball kaputt ist", sagt der Wissenschaftler. "Die Probleme im Spitzenfußball sind gravierend, aber so weit würde ich nicht gehen." Lange verweist auf den Amateur- und Jugendfußball sowie eine breit aufgestellte Fankultur, die das "Kulturgut Fußball" ebenfalls ausmachen.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat zuvor schon erkannt, dass sie gegensteuern muss, und im April eine Taskforce "Zukunft Profifußball" angekündigt. Mitte Oktober kamen erstmals 35 Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um in verschiedenen Themenfeldern - wie Faninteressen und gesellschaftliche Verankerung des Fußballs - Verbesserungsvorschläge zu erarbeiten. Für Lange ist die Taskforce ein "ausgezeichnetes Signal". Eine sofortige Kehrtwende zum Guten erwartet der Fanforscher jedoch nicht. "Die Taskforce kann gute Ideen liefern, aber unter dem Strich bleibt sie ein Beratergremium." Im Hinblick auf Veränderung müsse die Frage lauten, "welchen Fußball wir wollen". Es sei Kernaufgabe all derer, die sich dem Fußball verbunden fühlen. "Daher stelle ich mir einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz vor, um das Thema anzugehen", sagt Lange.

Mehr Initiative wünscht sich der Experte vom Deutschen Fußballbund (DFB): "Für mich wäre es wichtig, dass der DFB in dieser Sache mehr Gesicht zeigt. "Es ist die Aufgabe des Verbands, für die Einheit des Fußballs einzustehen. Der DFB trägt die Verantwortung für sieben Millionen Mitglieder und lässt sich von der DFL die Butter vom Brot nehmen. Das ist kein gutes Zeichen." Lange nimmt die DFB-Spitze um Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius in die Pflicht, für alle Mitglieder einzustehen und sich im Zweifel "auch mal eine blutige Nase zu holen".

Doch die Fronten zwischen Keller und Curtius sind verhärtet. Gründe sind die neuerliche Steueraffäre, in der Curtius zu den Beschuldigten zählt, und der Umgang mit der schmutzigen Vergangenheit rund um die WM 2006. Der Ausgang des Zweikampfs ist ungewiss. "Gemessen am Durcheinander der vergangenen Jahre und der Kritik von den Fans ist es nachvollziehbar, dass es Machtkämpfe gibt", sagt Lange. Das Ganze sollte aber nicht personalisiert werden. "Es dürfen keine eitlen Männer kämpfen, die Diskussion muss sich vielmehr um Argumente drehen. Die führenden Köpfe müssen sagen, wofür sie stehen und wofür sie eintreten wollen. Nur so lassen sich die Leute hinter jemanden bringen." Dazu sei basisdemokratische Arbeit gefordert. "Dann kristallisiert sich heraus, wer welche Ziele verfolgt. Es könnte auf die Frage hinauslaufen: Wer ist der Steigbügelhalter für den Profifußball und wer möchte mehr Gewicht für die Basis? Sollte die Thematik im Hinterzimmer abgekanzelt werden, hat das mit Demokratie nichts mehr zu tun."reu