Walter Lauter aus Hausen ist ein echter Mountainbike-Abenteurer und das "Italy Divide" genau sein Ding - ohne Verpflegung oder Gepäcktransport ging es von Rom zum Gardasee. Einziges Hilfsmittel: ein GPS-Track. Das Ziel war Torbole am nördlichen Gardasee. Dazwischen sollten 840 Kilometer und 16 000 Höhenmeter liegen. Hier berichtet der 59-Jährige von dem Erlebnis.


Letztes Jahr war ich auf dem Tuscany-Trail unterwegs, einem etwas kürzeren, aber ähnlichen Event. Damals war die Strecke leicht zu bewältigen, da recht viele Straßenpassagen integriert waren. Diesmal sollte es anders kommen. Zusammen mit Markus Boscher wollte ich die Tour möglichst gemeinsam fahren. Wie immer spielt vor dem Start eine gewisse Nervosität mit. Bezüglich Psyche und Renntaktik machte ich mir keinen Kopf. Schließlich hatte ich schon einige Events ähnlichen Kalibers absolviert.

Endlich ging es los.
Der Start in Rom am Kolosseum war etwas hektisch. 91 Teilnehmer aus sieben Nationen starteten im geschlossenen Verband, um zumindest die ersten Kilometer im chaotischen Straßenverkehr gemeinsam zu absolvieren. Nach endlosen Ampelstopps gab der Veranstalter endlich das Rennen frei. Die Strecke verlief abwechslungsreich. Zuerst auf asphaltierten Radwegen. Dann wurde es hügeliger. Der Belag wechselte in Schotter- und Wiesenwege über.

Bis hierhin spielte das Wetter mit. Sobald es aber zu dämmern begann, war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Mittlerweile war es dunkel, 130 Kilometer und 2000 Höhenmeter lagen hinter uns. Wir beschlossen also, uns ein Nachtlager zu suchen. Dann sahen wir weitere Teilnehmer, sie forderten uns auf, zu folgen. Wir waren erstaunt, als wir zwei Häuserecken weiter in einem unbewohnten Haus ohne Strom unser Nachtlager aufschlagen durften. Klar, wir hatten außer unseren Schlafsäcken und Isomatten auch kleine Einmannzelte dabei. Aber bei dieser Witterung an einem trockenen Platz zu übernachten, war zu verlockend. Solche unvorhersehbaren Möglichkeiten während eines Selfsupport-Events nennt man "Trail Magic".

Der zweite Tag begann gleich mit Regen. Matsch ohne Ende. Der Dreck klebte so stark am Bike, dass sich die Laufräder teilweise nicht mehr drehten. Schieben in der Ebene ist schon sehr frustrierend. Fast der ganze Tag war verregnet. Mit dreckigen und nassen Klamotten draußen zu schlafen, ist auch nicht die beste Lösung. Also fragten wir die Restaurantbesitzer, bei denen wir abends einkehrten, ob wir in deren Keller schlafen könnten. Es klappte.

Am nächsten Tag waren wir bestens ausgeruht und fühlten uns fit. Das war auch bitter nötig, da 3000 Höhenmeter warteten. Das Wetter hatte sich gebessert. Wir waren inzwischen in der Toskana und folgten weißen Schotterstraßen. Da wir durch das schlechte Wetter der Vortage im Zeitverzug waren, beschlossen wir, auch nachts zu fahren. Der Schlamm sollte meinem dünnwandigen Plus-Reifen stärker zusetzen als gedacht. Der Hinterreifen scheuerte durch. Bedingt durch den ganzen Schlamm der letzten Tage war mein Mantel seitlich auf dem ganzen Umfang aufgescheuert und die Karkasse durchweg zu sehen - und an einer Stelle klaffte ein vier Millimeter großes Loch. Mantel flicken, von innen verklebt, Schlauch rein und weiter ging es mit dem Gefühl, dass der Reifen die restlichen 400 bis 450 Kilometer nicht durchhält.

Ein paar Stunden später durchquerten wir Florenz. Das Wichtigste jetzt: Einen Radhändler finden. Wir montierten schnell um und fuhren wieder zurück dorthin, wo wir den GPS-Track verlassen hatten. Bei Selfsupport-Rennen darf nämlich die Strecke verlassen werden, man muss aber zum Ausgangspunkt zurückkehren. Das hat uns sicherlich drei Stunden Zeit gekostet.

Der folgende Tag sollte der schlimmste der gesamten Tour werden. Wir wussten, dass der Gebirgszug Apennin durchquert wird. Sorgen machten mir allerdings meine Hydraulikscheibenbremsen. Oft hatte ich Druckverlust an den Bremshebeln. In der Abfahrt wurde es dramatisch. Vorn null Bremskraft, hinten vielleicht noch 30 Prozent. Die Bremsleistung war so schwach, dass ich bergab teils schieben musste. Reparaturversuche scheiterten. Also wieder eine Werkstatt suchen. Ein kundiger Mechaniker entlüftete beide Bremssysteme. Alles gut. Allerdings hat uns die Aktion wieder drei Stunden Zeit gekostet.

Der Stress dieses Tages sollte aber noch nicht vorüber sein. Schließlich wartete noch der höchste Punkt (1250 Meter) auf uns. Der Anstieg von ca. 800 Höhenmetern war dermaßen steil, verschlammt und verblockt, dass wir den größten Teil schieben mussten. Aber irgendwann ist jeder Hügel überquert. Um 23 Uhr fanden wir schließlich eine Herberge und ließen es uns wieder mal gut gehen.

Da wir wussten, dass ab jetzt die weitere Strecke sehr flach werden würde, war am nächsten Tag die Stimmung perfekt. Auch das Wetter meinte es immer besser mit uns. Markus und ich hatten jetzt nur noch ein paar Hügel vom Apennin zu meistern. Ab dann ging es in die flache Po-Ebene. Wir waren vorwiegend auf Dämmen unterwegs, der Untergrund meist geschottert oder wiesenbedeckt. So kamen wir perfekt voran und durften noch das wunderschöne Bologna mit seinem mittelalterlichen Kern durchqueren - die letzte größere Stadt der Tour. Mit der Tagesleistung von 185 Kilometern und 1140 Höhenmetern waren wir zufrieden.

Am nächsten Morgen brachen wir zur letzten Etappe auf. Normalerweise stünde noch der Monte Altissimo auf dem Programm. Aber der Veranstalter hatte uns schon vor Tagen darauf hingewiesen, dass wir ab Bardolino der Straße entlang des Gardasees folgen müssen, da auf dem Altissimo sehr viel Schnee liege und sogar Lawinengefahr herrsche. Nur drei Teilnehmer, allen voran der spätere Sieger Jay Petervary, "durften" sich auf dem Berg im Schnee austoben. Der Verkehr von Bardolino nach Torbole war weniger chaotisch als befürchtet. Um 16 Uhr sind wir im Ziel angekommen.

Wir haben die Tour in sechs Tagen und sechs Stunden gemeistert. Die Rad-Defekte haben Zeit gekostet. Eigentlich nicht weiter schlimm. Viel wichtiger war, dass wir wohlbehalten angekommen sind und unseren Spaß hatten. Welche Gedanken bleiben nach solch einem Event zurück? Es war mal wieder ein tolles Abenteuer mit Freunden. Mit diversen Höhen und Tiefen. Das Wetter hätte besser sein können, die Defekte hätten ausbleiben können und die Laufpassagen im Apennin hat eigentlich auch niemand gebraucht. Aber mal ehrlich: Wäre alles optimal gewesen, würde es auch nicht so im Gedächtnis bleiben.