Zwei Niederlagen - in Altbessingen und Stammheim - in den ersten drei Spielen sind nun wahrlich nicht meisterlich. "Trotzdem war es in dieser Saison anders", sagt Nico Schell und erinnert sich an die vergangene Spielzeit, als noch in der Kreisliga Rhön nach fünf Spielen gerade einmal ein Punkt auf die Haben-Seite gebracht war. "Da hatten wir schon Druck." Dass die Ramsthaler keinen zweiten Abstiegskampf in Folge erlebten, ist für den Trainer absolut nachvollziehbar. "Wir haben uns weiterentwickelt, sind cleverer geworden. Außerdem hatten wir eine richtig gute Vorbereitung mit dem Trainingslager im Sommer auf unserem Platz und mit den Kraft-Dauer-Einheiten im Winter im Fitness-Studio in Oberwerrn. Schon da war eine gewisse Vorfreude auf die Runde zu spüren."

Die Umgruppierung in die Schweinfurter Kreisliga 1 brachte ebenfalls einen gewissen Schwung. "Wir waren alle gespannt auf andere Vereine, auf neue Sportplätze. Und wir wollten den Kreis Rhön würdig vertreten", sagt Abteilungsleiter Matthias Hallhuber. Und das gelang auf beeindruckende Art und Weise, weil Ramsthaler Mentalität und spielerische Qualität wunderbar harmonierten. Vor allem die Heimstärke ist imposant. Die ersten elf Spiele vor eigenem Publikum wurden alle gewonnen bei einem Torverhältnis von 36:6, ehe der SV Stammheim mit 2:1 in Ramsthal siegte. Die einzigen Punktverluste bislang auf eigenem Terrain, weil danach auch gegen Schleerieth und Abtswind II gewonnen wurde. "So stark hatte ich uns daheim noch nie gesehen", sagt Matthias Hallhuber. Nach 27 von 30 Spielen stand der SV Ramsthal als Meister fest, nicht mehr einzuholen von der DJK Altbessingen als hartnäckigsten Verfolger.



"Wir sind taktisch noch flexibler geworden, sind in der Lage mehrere Systeme zu spielen und konnten uns so auf jeden Gegner einstellen", betont Nico Schell, der ein 4-4-2-System präferierte. Ein System, das wie ein Maßanzug passte. Die Viererkette war in Ramsthal bereits unter Thorsten Büttner eingeführt worden. "Das war ein Lernprozess über mehrere Jahre. Wir wollten in Ramsthal einen modernen Fußball spielen. Und das war auch der Plan mit Nico, da bestand früh Konsens. Dass man mitunter Lehrgeld zahlen muss, haben wir gerne einkalkuliert. Für unsere Beharrlichkeit sind wir jetzt belohnt worden", sagt Matthias Hallhuber. Bereits in der U-19, die ebenfalls Meister wurde, wird mit Viererkette gespielt. "Das macht den Übergang für die Jugendspieler natürlich viel einfacher", weiß Ramsthals Kapitän Björn Morper, dessen Vater Rainer vor einigen Jahren das Spiel mit Libero als reif für die Geschichte erklärte.

"Die Umstellung habe ich als sehr spannend empfunden. Jetzt müssen die Verteidiger einfach mehr können, müssen zum Beispiel das Spiel über die Seite eröffnen und nicht nur den Gegner am Toreschießen hindern", sagt Abwehrchef Johannes Brand. "Das System funktioniert. Jeder weiß, was er zu tun hat. Und das, obwohl wir in der Rückrunde regelmäßig fünf bis neun Ausfälle hatten. Aber wir haben einen breiten Kader, was ein weiterer Baustein für den Erfolg war", ergänzt Nico Schell.

Bezüglich potenzieller Neuzugänge hält sich der 35-Jährige bedeckt. "Es laufen Gespräche. Ziel ist, uns auf einigen Positionen gezielt zu verstärken. Aber die Aufstiegs-Mannschaft hat es verdient, auch in der Bezirksliga aufzulaufen." Geplant werden kann auch mit Torhüter Frank Popp, der quasi den Rücktritt vom Rücktritt erklärte. "Der Frank hat mir seine Zusage gegeben und schon nach dem Vorbereitungsplan gefragt", so Schell über den 39-Jährigen, der mit seiner Routine und Klasse nur sehr schwer zu ersetzen gewesen wäre. "Unser Keeper tut sehr viel für den Erfolg. Das ist einer, zu dem man aufschauen kann", findet Björn Morper.

Auch der Abteilungsleiter stimmt das hohe Lied auf den Mann mit den Handschuhen an. "Selbst mit 39 ist Frank ein moderner Keeper, der das Spiel von Manuel Neuer mag. Der bereitet sich mit einer Wahnsinns-Akribie vor, auch nach Verletzungen, was in dieser Saison ja leider der Fall war", sagt Hallhuber. Die letzte Bezirksliga-Mannschaft hatte es in Ramsthal im Jahr 1974 gegeben, mit SV-Methusalems wie Joschi Späth. "Ganz ehrlich, für mich war schon Kreisliga eine Ehre. Kann sein, dass wir künftig die ein oder andere Watsch'n kassieren. Aber für unsere vielen jungen Spieler freue ich mich total", sagt Johannes Brand, der mit seinen 33 Jahren gewiss nicht zu alt ist für das neue Abenteuer. Auch das beginnt, ganz der Tradition verbunden, mit Poppi's Pool-Party, jener legendären Sommer-Fete im Garten des Torhüters. "Das wird natürlich im Vorbereitungsplan berücksichtigt", grinst Nico Schell. Was beim SV Ramsthal Kult ist, ist unantastbar. Selbst für einen Erfolgstrainer.


Teamspirt und Fan-Szene


Matthias Hallhuber muss nicht lange überlegen. "Unser großes Plus? Klar, der Teamspirit. Die Gemeinschaft hat bei uns einen hohen Stellenwert." Ein Beispiel dafür hat Abteilungsleiter Matthias Hallhuber schnell aus den Ärmel geschüttelt. "Ich denk da an den Willi Voss. Der hat mit der Reserve erst in Riedenberg gespielt und ist dann nach Nordheim am Main nachgefahren, saß 90 Minuten nur auf der Bank und hat sich trotzdem tierisch gefreut, einfach dabei zu sein. Das ist es, was uns ausmacht." Oder die Fahrten mit dem Bus. Wie nach Abtswind, als Mannschaft und Fans gemeínsam einen unerwarteten 6:2-Kantersieg feierten bei der Landesliga-Reserve.

Dass der SV Ramsthal in Heimspielen den besten Zuschauer-Schnitt der Liga und auch auswärts den größten Support hatte, kommt nicht von ungefähr. Am Fuß der Weinberge hat sich eine illustre Fan-Szene gebildet, die bunter nicht sein könnte. Da gibt es die sogenannten Edel-Fans mittleren Alters, die ihren Stammplatz bei Heimspielen stets auf der Gegengeraden haben auf Höhe der Mittellinie. Einige Dekaden jünger und mitunter einige Dezibel lauter sind die Mitglieder der "Sektion 21". Und da gibt es die "Chiggies", also das in der Freizeitliga beheimatete Frauenteam, das für Stimmung - aber auch für Umsatz sorgt. "Die Mädels halten uns bei Heimspielen den Rücken frei, kümmern sich um den Sportheimdienst und damit um das leibliche Wohl", erzählt Björn Morper, dessen Freundin Caro Kaiser quasi den Masterplan entwirft, sich auch um die Bestellung von Speisen und Getränken kümmert. "Fünf Personen werden immer gebraucht. Und die Suche ist nicht immer einfach, weil man in der Küche halt nichts vom Spiel mitbekommt", sagt die 22-Jährige. "Auf Caro und ihre Truppe können wir uns zu hundert Prozent verlassen. Da geht es ja auch um die Bewirtung bei Versammlungen und nach dem Training", ergänzt Matthias Hallhuber. Und möchte in diesem Zusammenhang die gute Zusammenarbeit mit dem SV Wirmsthal betonen. Etwa ein halbes Dutzend aus dem Nachbarort gehört zum Meister-Kader.
Um den Gedanken der Einheit zu leben, wird nach jedem Spiel ein Kreis gebildet. "Da gibt es immer aufbauende Worte, meistens von unserem Abteilungsleiter. Wenn wir gewinnen, ist auch mal ein Lied dabei", plaudert Björn Morper. Überhaupt liegt öfters mal Musik in der Luft bei den Ramsthalern, die eine intensive Freundschaft pflegen zur Party-Band "Die Cavallinis", die sogar Trikots sponserte und erst vor wenigen Wochen im SV-Sportheim aufspielte.

Derart gut aufgestellt, war auch der erste Umtrunk schnell organisiert, nachdem mit dem 3:1-Sieg beim TSV Eßleben im viertletzten Spiel der Saison das große Ziel erreicht war. Als der Gegner das Getränke-Aus meldete, wurde das Mai-Fest in Wirmsthal angesteuert, anschließend ging es zum Ramsthaler "Turnplatz", wo ebenfalls in den Mai gefeiert wurde. Aktuell laufen die Planungen für eine große Aufstiegs-Fete, zu der die ganze Bevölkerung eingeladen wird.

"In dieser Saison haben wir den Auswärts-Fluch besiegt. Früher haben wir eigentlich immer verloren, wenn wir mit dem Bus angereist sind. Diesmal haben wir alle drei Spiele gewonnen", sagt Björn Morper, der als Kapitän vor jedem Spiel den Schlachtruf brüllt, der in gedruckter Form jetzt auf den Meister-T-Shirts verewigt wurde. Ein anderes Textil hatte die Mannschaft durch die Saison begleitet, als Mahnung und Ansporn zugleich. "Wenn du dieses Trikot anziehst, ist unter 100 Prozent nicht erlaubt", steht auf dem grünen Stück Stoff, auf dem jeder Spieler seine Unterschrift setzte. "Das war eine Idee unseres Trainers. Das Trikot ist auch auswärts immer dabei", spricht Björn Morper von diesem ungewöhnlichen "Vertrag", der natürlich um eine weitere Saison verlängert wird. Jürgen Schmitt