Mit offenen Augen müsse man das Thema demografischer Wandel angehen, empfiehlt Matthias Müller den Sportvereinen der Region. Dann könne man die Entwicklung noch aktiv beeinflussen, sagt der Beisitzer im Vorstand der Bayerischen Sportjugend (bsj) in Unterfranken. Der 52-Jährige aus Salz rät den Klubs zu mehr Zusammenarbeit. Nicht nur im Fußball, sondern vor allem bei breitensportlichen Angeboten.

Ein Satz in einem Artikel in unserer Zeitung über die zukünftige Fußball-Spielgemeinschaft zwischen dem SV Wildflecken und dem SCK Oberwildflecken ist Ihnen sauer aufgestoßen. Welcher war das?
Matthias Müller: Sauer aufgestoßen nicht, aber negativ aufgefallen. Was da genau stand, weiß ich nicht mehr. Aber in Bezug auf den SV Wildflecken wurde von hoffnungsvollem Nachwuchs geschrieben. Für mich hat sich das so gelesen, als ob man nur mal einige Zeit überbrücken müsse, dann werde sich die personelle Situation schon wieder bessern.

Das kann doch so kommen, oder nicht?
Man muss sich mal die Vorhersage des Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung für die demografische Entwicklung in Unterfranken ansehen. In den Städten Würzburg und Aschaffenburg sowie den Landkreisen Würzburg und Kitzingen werden die Bevölkerungszahlen in den nächsten 20 Jahren relativ stabil bleiben. Die anderen Gebiete werden Menschen verlieren, für Rhön-Grabfeld und Bad Kissingen wird ein Rückgang um über zehn Prozent vorhergesagt. Manche Orte werden 20 Prozent und mehr ihrer Einwohner verlieren. Parallel dazu muss man das Thema Alterspyramide betrachten.

Wie wird sie sich verändern?
Der Anteil an Kindern und Jugendlichen wird um circa 20 Prozent stark zurückgehen und der Anteil der über 65-Jährigen um circa 40 Prozent stark ansteigen. Das wird auch für Sportvereine zutreffen. Ihre Altersstruktur wird sich massiv in Richtung älterer Mitglieder verschieben. Man hat in der Vergangenheit bei kleineren Vereinen gesehen, dass sie sich schwertun, eine Daseinsberechtigung für sich selbst zu finden, nachdem das Hauptbetätigungsfeld Fußball weggebrochen ist. Man darf nicht vergessen, dass viele Klubs eigentlich Fußballvereine mit angehängten Abteilungen sind. Ich glaube, dass es in vielen anderen Vereinen auch so kommen wird.

Wie können Sportvereine auf diese Entwicklung reagieren?
Ich glaube, wenn man dieses Thema mit offenen Augen rechtzeitig angeht, hat man noch Gestaltungsmöglichkeiten. Beziehungsweise wird man vielleicht nicht so knallhart erwischt nach dem Motto: Jetzt stehen wir da, wie geht es denn weiter? Meine Botschaft, mit der ich immer wieder unterwegs bin, lautet: Bitte nicht nur den Blick auf den Fußball lenken.

Wie meinen Sie das?
Viele von den kleinen Vereinen sind Fußballvereine. Der Blick auf den Breitensport sollte nicht verloren gehen. Im Fußball sind die Klubs findig, bilden Spielgemeinschaften oder Junioren-Fördergemeinschaften. Aber in anderen Bereichen, sei es Kinderturnen, Frauengymnastik oder Walking, da schlafen Gruppen einfach ein, wenn sie eine gewisse Mindestzahl an Teilnehmern unterschreiten, und keiner kümmert sich mehr um sie. Nach dem Motto: Es sind halt keine Kinder oder Frauen mehr da, deshalb können wir das Angebot nicht mehr wahrnehmen. Dann hängt es an den Betroffen selbst, irgendwo hin zu fahren, wo es so ein Angebot gibt. Das könnte man doch ähnlich wie bei einer Spielgemeinschaft im Fußball zielführender lösen, wenn man die Zusammenarbeit der Vereine im breitensportlichen Bereich bündeln würde.

Warum funktioniert das momentan noch nicht?
Das Hauptproblem ist, dass breitensportliche Angebote außerhalb des Fußballs von den Klubs nicht ernsthaft wahrgenommen werden. Überspitzt gesagt, für den Fußball wird alles getan. Beim Rest lautet die Devise: Wenn es nicht mehr da ist, ist es auch kein Drama. Die Wertschätzung für den Breitensport fehlt.

Gibt es weitere Gründe?
Ja, das Kirchturmdenken der Vereine und in den Ortschaften kommt dazu. Viele denken: Erstmal muss ich bei mir im Verein gucken, dass es läuft, und der Rest interessiert mich nicht. Mir fehlt bei vielen Verantwortlichen der Fokus auf dieses Thema.

Ist das Kirchturmdenken bei den jüngeren Menschen, bei der neuen Generation von Vereinsverantwortlichen, wirklich noch so stark verankert?
Insgesamt ist es deutlich zurückgegangen. Wenn ich 20 Jahre zurückdenke, gab es zum Beispiel eine Art "Erbfeindschaft" zwischen Salz, Strahlungen und Niederlauer. Das ist heute nicht mehr so, bei den jüngeren Leuten findet man das überhaupt nicht mehr. Aber oft sind noch ältere Personen in den Verantwortung und bei ihnen herrscht es teilweise noch vor.

Wäre es sinnvoll, dass kleine Vereine zu großen fusionieren?
Nein. Jeder Verein hat eine Tradition, teilweise eine sehr lange, ist eingebunden in das gemeindliche Leben und das soziale Miteinander in einem Ort. In unserer ländlichen Struktur aus drei Vereinen einen zu machen, halte ich für die schlechteste Lösung. Den "sozialen Kitt" in einer Ortschaft kann ein überörtlicher Verein nicht bieten. Die Vereine sollten bestehen bleiben, wie sie sind, aber über Wege der Zusammenarbeit nachdenken. Ein Kooperationsmodell könnte beispielsweise sein: Das Kinderturnen findet bei einem Verein, die Laufgruppe beim anderen statt. Ein Miteinander auf dieser Ebene halte ich für den zielführenderen Weg.

Also eine zeitlich begrenzte Zusammenarbeit, bis die eigenen Strukturen wieder tragen?
Mit Blick auf den angesprochenen demografischen Wandel in unserer Region glaube ich nicht, dass die Entwicklung nur eine Delle ist, sondern eine, die uns in der Zukunft noch stärker treffen wird. Man sollte sich deshalb langfristig orientieren und die Zusammenarbeit zwischen Klubs als dauerhaft begreifen. Warum sollte man sie aufgeben, wenn sie funktioniert?

Ist diese Erkenntnis in den Vereinen schon angekommen?
Ich wollte beim Workshop des Bayerischen Landes-Sportverbands, dem BLSV, das Thema "Auswirkungen des demografischen Wandels auf Sportvereine" vorstellen, es haben sich aber nur zwei Vereinsvertreter angemeldet. Das zeigt mir, dass das Problem entweder nicht als solches wahrgenommen wird oder es verdrängt wird. Das aktive Angehen der Problematik fehlt mir. Ich stelle mir die Frage, inwieweit der BLSV auf die Entwicklung einwirken kann oder muss. Ich frage mich aber auch: Wie komme ich an die Vereine ran, wenn sie sie nicht als ihr Problem wahrnehmen? Dieses Gespräch könnte doch ein Denkanstoß für Klubs sein, sich bewusst zu werden, dass sie viel mehr Möglichkeiten haben, als sie momentan ausnutzen. Aber bitte nicht nur auf den Fußball gucken. Es gibt viele Menschen, die kein Fußball spielen wollen.

Glauben Sie, dass Sportarten, die man auch im Alter betreiben kann - Tischtennis, Kegeln, Sportschießen - von der Entwicklung verschont bleiben?
Auch hier kommt die Umkehrung der Alterspyramide zum Tragen. Alle, die heute Kinder- und Jugendarbeit betreiben, egal ob Sportverein, Rotes Kreuz, Jugendfeuerwehr und andere, kämpfen in Zukunft um immer weniger Kinder und Jugendliche. Gewinnen wird derjenige, der das attraktivste Angebot macht. Als bsj-Funktionär empfehle ich Sportvereinen seit vielen Jahren, mehr als nur Sport anzubieten, zum Beispiel Zeltlager oder Ausflüge. Da es außen herum immer mehr Angebote für Kinder und Jugendliche gibt, müssen Sportvereine eben mehr tun als in der Vergangenheit, um sie für sich zu gewinnen. Wenn man den jungen Menschen keine Perspektiven bietet, dann suchen sie sich die eben selbst.

Befürchten Sie, dass sich Sportvereine aus Mitgliedermangel auflösen müssen?
Müssen sicherlich nicht. Wenn man der Entwicklung entgegen steuert, kann man seine Identität als Sportverein erhalten. Es muss ein Umdenken stattfinden. Beispielhaft sind die DJK Löhrieth oder die DJK Lebenhan. Beide haben seit Jahren keine Fußballabteilung mehr, existieren aber noch. Löhrieth hat eine lange Tradition im Tischtennis und in Lebenhan gibt es einige Freizeitsportangebote. Meines Erachtens haben es beide geschafft, auch ohne Fußball eine Vereinsidentität aufzubauen.

Welche Rolle spielt, dass sich viele Vereine schwer tun, Menschen zu finden, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen?
Es spielt eine gewisse Rolle. Ich sehe das aber nicht als ein originäres Problem von Sportvereinen, sondern als ein gesellschaftliches. Die Bereitschaft, für die Gemeinschaft zu investieren, lässt nach. Wenn man immer davon redet, dass für den Verein ein Zeitopfer gebracht wird, dann rückt man die Tätigkeit in eine falsche Ecke. Ja, man muss manchmal Dinge tun, die einen im privaten Umfeld vielleicht gar nicht interessieren. Aber ein Ehrenamt gibt einem selbst auch viel zurück. Vieles, das meine eigene Persönlichkeit auszeichnet, habe ich über die Jugendarbeit gelernt. Wenn man ein Fußballturnier oder eine Feier organisiert, profitiert man doch auch als Persönlichkeit. Dass man von ehrenamtlicher Tätigkeit profitiert und etwas zurückbekommt, kommt in der Betrachtung oft zu kurz. Es wird versäumt, was an guter Arbeit geleistet wird, auch zu verkaufen.

Gibt es positive Beispiele, an denen sich Vereine orientieren können?
Ja, die gibt es. Wir waren mit der DJK Salz bei der Aktion Sterne des Sports zweimal als bayerischer Vertreter in Berlin und jedes Mal sind dort auch Kooperationsmodelle ausgezeichnet worden. Modelle von Vereinen aus dem ländlichen Bereich, was mir Hoffnung gibt. Wenn man die Entwicklung aktiv angeht, kann man aus ihr auch einen Gewinn ziehen. Es gibt Potenzial, das in vielen Vereinen noch gar nicht gehoben ist. Wenn sich ein Verein aktiv in ein Kooperationsmodell einbringt, kann er doch mehr Angebote als vorher machen, sei es Kinderturnen, Frauengymnastik oder Walking, und neue Zielgruppen ansprechen. Wenn sich dieser Mut bewährt und herumspricht, dann können in der Zukunft noch ganz andere Angebote entstehen, an die heute noch niemand denkt.

Das Gespräch führte Daniel Rathgeber