Baffbaffbaff. Trotz des Fäuste-Stakkatos zeigt der Gegner keinerlei Wirkung. Der nächste Schlaghagel folgt. Eine Weichboden-Matte wehrt sich nicht - und ist dennoch ein undankbarer Widersacher. Ins Schwitzen kommt nur Jakob Schindler, während die kurze Beule im blauen Kunststoff-Bezug höchstens für einen Augenblick zu sehen ist. Baffbaffbaff. Der nächste Boxer malträtiert das PVC-Gewebe. Linksrechtslinks. Immer wieder.

Wer das Boxtraining des BC 77 Bad Kissingen besucht, wird gefordert. Acht Athleten kommen regelmäßig zu den Übungsstunden in die kleine, aber schmucke Turnhalle der Sinnberg-Grundschule, die in ihrer quadratischen Form an einen überdimensionierten Boxring erinnert. Eigentlich ist die "Heimat" des BC 77 die Halle der Kliegl-Schule, die aber aufgrund der Renovierung seit langem nicht zur Verfügung steht. Improvisieren gehört also zu jedem Boxtraining. Das Aufbauen eines Übungs-Ringes ist vor Ort nicht möglich, aber die wichtigsten Utensilien trägt der Sportler sowieso am Körper: Boxhandschuhe, Mund- und Kopfschutz. Denn allein an der Weichboden-Matte arbeiten sich die Boxer nicht ab. Dafür sorgen Jakob Schindler und sein Trainerkollege Nikolaj Gerstner.

Eigentlich sind es an diesem Abend paradiesische Zustände. Auf zwei Trainer kommen vier Sportler. Entsprechend intensiv wird die hohe Kunst des Faustkampfes gelehrt. Im Durchschnitt sind es acht Personen, die regelmäßig die zweistündigen Übungseinheiten mitmachen. "Wir haben gute Ausrüstung und gute Trainer. Was uns fehlt, sind Leute mit Mut und Courage. Das ist ein harter Sport. Und wir brauchen niemanden, der beleidigt zum Duschen geht, nur weil er etwas härter rangenommen wurde", sagt Guido Haban. Und schwärmt für seinen Sport. "Boxen ist eine sehr faire Sportart, in der der Respekt vor dem Gegner eine hohe Wertschätzung genießt. Das wird oftmals übersehen", sagt der 48-Jährige, der aufgrund einer Knieverletzung früh mit dem Kicken beim TSV Bad Bocklet aufhören musste und seit Jahrzehnten zum "Inventar" des BC 77 gehört.

Was der Wahl-Gefäller vermisst, ist die Einstellung. "Die Jugend will 'chillig' trainieren, will sich allenfalls fit halten und von der günstigen Mitgliedschaft profitieren. Aber bei uns wird hundert Prozent Disziplin gefordert. Das Ziel muss es sein, dass wir Athleten so ausbilden, dass sie im Ring bestehen können." Knallrote Handschuhe hat Guido Haban übergezogen, doch das Bundeswehr-Oliv des T-Shirts passt besser zum Ambiente. Modischer Schnickschnack ist nicht gefragt.

Geht es Mann gegen Mann werden die Schläge dumpfer. Mit Argusaugen verfolgen Jakob Schindler, der ehemalige Bayerische Meister, und Nikolaj Gerstner, der frühere russische Amateur-Boxer, die Bewegungen. Unterbrechen das Duell, korrigieren, richten den Kopfschutz, der sich gerne mal verschiebt. Wer mitmacht, schont sich nicht. Gibt alles. Was auch zu riechen ist. Kleine Wasser-Fontänen springen von den geplagten Körpern. Die Stimmung ist konzentriert - und gut. Eine Runde Basketball und Dehnübungen leiten das Trainingsende ein.
Aktuell verfügen die Kissinger über keinen Boxer mit Ringerfahrung - mit Ausnahme der Trainer. "Eigentlich kann man Boxen bereits mit zwölf Jahren beginnen. Das ist ein gutes Alter, weil gewöhnlich noch keine Mädchen im Spiel sind", erzählt Nikolaj Gerstner.

Um aus dem Untergrund wieder ins Rampenlicht zu kommen, plant der Verein eine Gala, vielleicht wieder im Kissinger Tattersall, wo bereits Box-Größen wie Europa-Meister Alexander Frenkel (Würzburg) oder die Murat-Brüder aus Kitzingen ihr Talent zur Schau stellten. "Um eine solche Veranstaltung finanziell zu stemmen, hoffen wir auf die Unterstützung von Sponsoren", macht Guido Haban keinen Hehl daraus, dass Qualität ihren Preis hat. Ein zweiter Jakob Schindler ist noch nicht in Sicht. Aber zum Hoffnungsträger taugt Dominic Brimer allemal. "Als er zu uns kam, hat er noch geraucht, war schnell schlapp. Jetzt hat er sich enorm gesteigert und super entwickelt", würdigt Jakob Schindler den Ehrgeiz des 19-Jährigen, der reif scheint für einen Sparrings-Kampf. "Dominic will auch selber unbedingt in den Ring", sagt sein Trainer. Exakt solche Jungs braucht der BC 77.

Verein Aktuell hat der im Jahr 1977 gegründete Boxclub 66 Mitglieder, die überwiegend passiv dem Verein die Treue halten. In den besten Zeiten waren es etwa 160 Mitglieder. Vorsitzender des Vereins ist Heinz Schraut, stellvertretender Vorsitzender Guido Haban. Zur Führungsriege gehören ferner Karlheinz Bednarz, Heidrun Bednarz (Kassier) und Markus Trümbach (Schriftführer).

Trainer Das Trainer-Team im BC 77 bilden Jakob Schindler und Nikolaj Gerstner. Der 26-jährige Schindler aus Poppenhausen war im Jahr 2005 Bayerischer Meister im Halbschwergewicht und besitzt die Trainer-C-Lizenz. Der 59-jährige Gerstner aus Bad Kissingen ist ein ehemaliger Amateur-Boxer mit langjähriger Trainererfahrung in Russland. Ein schwerer Rückschlag für den Verein bedeutete Ende 2010 der Tod des ehemaligen Trainers Michael Dotterweich.