Auf Island ist immer Wind. Sagt einer, der es wissen muss. Geboren ist Guðmundur Steinn Hafsteinsson zwar in Berlin, "weil meine Eltern dort studiert haben", sagt der 31-Jährige in sehr gutem Deutsch, doch die meiste Zeit verbrachte er bislang in seiner Heimat. Und seit er klein war, hat er dort Fußball gespielt.

"Die meisten Kinder in Island spielen Fußball", sagt Hafsteinsson. Auch sein Sohn habe schon mit drei Jahren in einem Verein gekickt. 23 000 Fußballerinnen und Fußballer zählt das kleine Land mit rund 360 000 Einwohnern. Erfolgreicher ist es in anderen Sportarten: Islands Handballer erreichten bei der Europameisterschaft 2010 in Österreich den dritten und bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking den zweiten Platz.

Große Erfolge fehlen den Fußballern: 2016 nahmen sie erstmals an einer EM teil und stürmten bei ihrem Debüt in Frankreich bis ins Viertelfinale. Von den Rängen schallte das Húh durch die Stadien. Zwei Jahre später nahmen die Isländer an der WM in Russland teil, doch schon nach der Vorrunde verhallte ihr Schlachtruf.

Zwölf Teams in der höchsten Liga

Die englische Premier League interessiere viele, sagt Hafsteinsson, die deutsche Bundesliga stehe vor allem wegen seines seit 2016 in Augsburg spielenden Landsmanns Alfreð Finnbogason im Fokus. Mit dem Nationalspieler sei er auf die selbe Schule gegangen. In Islands höchster Spielklasse gibt es nur zwölf Teams. Die meisten Vereine kommen aus der Hauptstadt; Reykjavík ist kaum größer als Würzburg. Dort hat auch Hafsteinssons Karriere begonnen: 2006 bei Valur, dem bis heute 22-maligen isländischen Meister. Nur der Lokalrivale KR hat mehr Titel. Neben dem Fußball studierte er Betriebswirtschaft, denn "in Island gibt es keine echten Profis, die meisten Spieler arbeiten auch".

Mit Valur, dem Falken, gewann er 2007 die Meisterschaft und trat - die isländische Liga spielt von April bis Oktober - im folgenden Jahr in der ersten Qualifikationsrunde zur Champions League an. Valur schied gegen Bate Baryssau aus Belarus aus, das in der Gruppenphase gegen Real Madrid und Juventus spielen sollte.

In der Europa League gegen Espanyol

Nach fünf Jahren wechselte er nach Ólafsvík, ein Dorf mit rund 1000 Einwohnern im Nordwesten der Insel. "Alle interessieren sich dort für Fußball. Ich hatte in Ólafsvík mit dem Aufstieg in die erste Liga eine sehr, sehr gute Zeit", erinnert sich Hafsteinsson. Mit 23 war der Rechtsfuß erfolgreichster Torschütze der zweiten Liga und gewann mit Ólafsvík die nationale Futsal-Meisterschaft. Er stand wieder bei großen Klubs auf dem Zettel.

Bei Fram Reykjavík lief es nicht so gut für ihn. Die Mannschaft wurde nicht wie versprochen verstärkt, so dass er sich dem Notodden FK in Norwegen anschloss. Für die Geburt seines Sohnes kehrte er mit seiner Frau Ása aber gut zwei Jahre später nach Island zurück. Bei Stjarnan, einem Klub aus der Stadt Garðabær, bot sich für ihn die Möglichkeit, bei einem der bedeutenden Klubs des Landes zu spielen.

Mit Stjarnan holte Hafsteinsson den nationalen Pokal. 2018 und 2019 kam er siebenmal in der Europa League zum Einsatz. Sein größtes Spiel fiel in diese Zeit: Vor 19 122 Zuschauern spielte er in der zweiten Qualifikationsrunde der Europa League in Barcelona gegen Espanyol. In Island besuchen dagegen im Durchschnitt rund 1000 Zuschauer die Meisterschaftsspiele.

"Etwas mehr Sonne sehen"

Als im selben Jahr seine Tochter geboren wurde, bot es sich für Hafsteinsson und seine Frau an, Elternzeit zu beantragen. Da sein Vertrag bei Stjarnan mit dem Saisonende im Oktober ohnehin ausgelaufen war und sie ihr Studium abgeschlossen hatte, fassten beide den Entschluss, diese Zeit in Deutschland zu verbringen: "Wir wollten ein neues Land kennenlernen und etwas mehr Sonne sehen." Dann kam Corona. "Es lief etwas anders, als wir uns das vorgestellt hatten", sagt er. Obwohl er mit Rot-Weiß Koblenz einen Verein in der Regionalliga gefunden hatte, konnte er nur bei zwei Ligaspielen dabei sein, da die Saison nach der Winterpause erst unter- und dann abgebrochen wurde. "Ich habe nicht gegen die besten Mannschaften gespielt, aber die Regionalliga könnte ein ähnliches Niveau haben wie die höchste Liga in Island", vermutet er. Er habe dort gut mithalten können.

Im Juni kehrte die Familie nach Island zurück. In der Heimat schloss er sich dem Erstligisten KA Akureyri an und schoss sechs Tore in 17 Spielen. Kaum waren sie dort, flatterte seiner Frau eine Zusage der Würzburger Uni für ein Masterstudium ins Haus: "Also sind wir im Oktober wieder umgezogen." Dann kam Corona zurück.

Viele Behördengänge

Die erste Zeit sei schwierig gewesen, er habe viele Behördengänge erledigt und sei mit den Kindern zu Hause geblieben. Mit Manuel Reidelbach, der der Familie die erste Wohnung vermietete, habe er darüber gesprochen, weiter Fußball spielen zu wollen. Mit 31 Jahren wolle er schließlich noch nicht aufhören. "Aber ich weiß, dass ich nicht als großer Mann herkommen und gleich wieder in der Regionalliga spielen kann", sagt der frühere Junioren-Nationalspieler.

Reidelbach hat einige Jahre für einen Sportartikelhersteller gearbeitet und kennt aus dieser Zeit noch Vereine und Verantwortliche in der Region. Er fragte bei den hochklassig spielenden Teams nach. Einige zeigten Interesse. Hafsteinsson sagt über ihn: "Er ist sehr hilfsbereit gewesen. Wir sind ihm sehr dankbar." Er vermittelte dem Isländer nicht nur eine Arbeitsstelle bei einer Stuttgarter Beratungsfirma, sondern auch den Kontakt zu Claudiu Bozesan, der seit November 2019 den Bayernligisten TSV Abtswind trainiert.

Kennenlernphase im Videochat

Da der Verein noch genau so einen Spielertypen wie ihn suchte, waren sich beide schnell einig. Wenn hierzulande wieder Fußball gespielt werden darf, möchte Guðmundur Steinn Tore für die Abtswinder schießen - oder köpfen, denn der Mittelstürmer ist 1,95 Meter groß. Da derzeit weder Training noch Treffen stattfinden können, kennt er seine neuen Mitspieler bislang nur aus dem Videochat, ein paar ihrer Spiele hat er sich im Internet angeschaut.

Er fühlt sich gut von ihnen aufgenommen und im zweiten Anlauf in Deutschland angekommen. Zwei Jahre will die Familie bleiben, solange dauert das Studium von Ása. "Ich hoffe, dass ich Abtswind helfen kann", sagt Hafsteinsson nach 145 Spielen und 37 Toren in Islands erster Liga bescheiden. Für frischen Wind wird er jedenfalls sorgen.Jürgen Sterzbach