"Im Moment haben wir neun Corona-Fälle im Landkreis. 60 Personen befinden sich in Quarantäne", sagt Dr. Ingo Baumgart vom Gesundheitsamt Bad Kissingen. Zehn bis zwanzig Personen pro Tag lassen sich derzeit im Landkreis auf Corona testen. Vor welchen Herausforderungen der Landkreis steht, beschrieb Landrat Thomas Bold auf einer Corona-Pressekonferenz.

Das Landratsamt und das Gesundheitsamt überlegen, wie die Tests besser in einer zentralen Teststelle organisiert werden können. Außerdem hat das Landratsamt eine mit Fachleuten bestückte "Führungsgruppe Katastrophenschutz" (FÜGK) einberufen. "Die FÜGK kann eingesetzt werden, wenn sich die Situation verschärfen sollte", sagt Bold. Als Beispiel nennt er mögliche Unterstützung für Bürger in Quarantäne, die keine Hilfe von außen bekommen. Die FÜGK könnte Lebensmitteln besorgen. Zudem halte die Gruppe Kontakt zu Sicherheitsbehörden und Hilfs- und Rettungsdiensten wie Polizei, Bundeswehr, rotem Kreuz und dem technischen Hilfswerk.

Große Unsicherheit

Viele Einzelhandels-Geschäfte im Landkreis mussten aufgrund des Katastrophenfalls schließen. Liane Keßler, Inhaberin der Praxis für Ergotherapie und Handrehabilitation Horch in Bad Kissingen gehört mit ihrer Praxis nicht dazu. Ergotherapeutin Keßler möchte aus "Verantwortung gegenüber Patienten und Mitarbeitern" aber lieber ihre Praxis schließen: "Wir sind eine Bazillenschleuder hoch zehn. Wir arbeiten direkt am Körper." Es fehlt ausreichender Mundschutz und Handschuhe. "Und selbst wenn wir die nötige Ausstattung hätten: Mundschutz wird momentan an anderer Stelle viel dringender benötigt, als wenn ich die Dinger verschwende", sagt sie. Da eine Schließung ihrer Praxis nicht behördlich angeordnet ist, befürchtet Keßler, dass sie nicht so leicht auf Nothilfeprogramme des Staates zugreifen kann.

Mit ihrem Anliegen hat sich Keßler auch an das Landratsamt gewandt. "Seit letzter Woche ist ein Bürgertelefon eingerichtet. Seit Montag laufen die Telefone über. Wir spüren eine große Verunsicherung der Bevölkerung", sagt Bold. Insgesamt arbeiten rund 50 Personen für das Bürgertelefon. Im Schichtdienst beantworten Mitarbeiter unterschiedlichster Fachrichtungen, von der Kfz-Stelle bis hin zum Hochbau Fragen der Bürger zu Gesundheit, zur Soforthilfe (siehe auch Seite 3 und 27) und zu Veranstaltungen. Gestern gingen um die 300 Anrufe ein.

Das Bürgertelefon wird auch in den nächsten Tagen zentrale Anlaufstelle für Bürger sein, denn das Landratsamt sowie die Außenstellen sind ab heute geschlossen. Das gilt auch für die Kfz-Zulassungsstellen in Bad Kissingen-Hausen, Hammelburg und Bad Brückenau. Auch die Kreismülldeponie in Wirmsthal und die Wertstoffhöfe schließen (weitere Infos zur Abfallentsorgung auf Seite 4). "Es geht also nicht, dass die Bürger zuhause entrümpeln, weil sie gerade mehr Zeit haben und dann ihre Sachen auf dem Wertstoffhof entsorgen", sagt Bold.

Außerdem bietet das Landratsamt einen Wirtschafts-Newsletter an. "Über diesen haben ich auch den Hinweis auf das Soforthilfeprogramm verschickt, das die Staatsregierung eingerichtet hat, um die Verunsicherung bei den Bürgern so gering wie möglich zu halten. Es handelt sich dabei um einen zweiseitigen, recht unbürokratischen Antrag", sagt Jürgen Metz, Abteilungsleiter des Landratsamtes für zentrale Angelegenheiten.

Bis zu 30 000 Euro sofort

Der Antrag muss an die Regierung von Unterfranken gesendet werden. "Je nach Betriebsgröße werden zwischen 5000 und 30 000 Euro gewährt, die bereits ab morgen ausgezahlt werden sollen", sagt Metz. Über den Newsletter seien rund 1500 Unternehmen informiert worden, insgesamt habe der Kanal etwa 3000 Abonnenten. Anmeldung zum Newsletter: landkreis-badkissingen.de

Und was passiert mit Ergotherapeutin Liane Keßler? Jürgen Metz empfahl ihr, ihre Praxis zu schließen. Das könne aber das Landratsamt nicht anordnen. "Das könnte die Staatsregierung machen", ergänzt Thomas Schoenwald, Leiter der Abteilung Bauen und Umwelt. "Auch die Organisation von Masken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung wird zentral gesteuert, wenn diese verfügbar sind", so Bold, zentral heißt: das Gesundheits- und Arbeitsministerium.Das Landratsamt ist also nicht zuständig, meldet aber, wenn Schutzkleidung fehlt.

Und wie geht der Landkreis mit einer drohenden Ausgangssperre um? "Auf eine Ausgangssperre kann man sich nur bedingt vorbereiten", sagt Bold. "Das ist eine herausfordernde Situation für uns alle".

Bisher kontrolliert die Behörde nicht, ob sich Geschäftsbetreiber auch an die Schließung ihrer Läden halten würden. Bold setzt da auf soziale Kontrolle. Er appelliert, sich an die Empfehlungen der Ministerien zu halten und Kontakte so weit wie möglich zu vermeiden. Außerdem ruft er die Bürger auf, jetzt nicht alles online zu bestellen. "Ladengeschäfte und Gastronomie haben es eh nicht leicht", sagt er. Er hoffe, dass sobald die Geschäfte wieder öffnen, Bürger vor Ort einkaufen werden und die Geschäfte unterstützen.