Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht, als er den großen Saal der Stadthalle betritt, die Corona-bedingte Ausweichstätte für den Prozess am Schweinfurter Landgericht. Er kommt direkt aus der Untersuchungshaft, in der er seit 12. Februar sitzt. Der 21-Jährige trägt seinen Pulli verkehrt herum, die Kapuze verdeckt sein Gesicht. Es scheint, als wolle er niemandem direkt in die Augen blicken. Vor allem nicht den Eltern der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Sie sitzen an Tischen verteilt, einzeln oder zu zweit, direkt vor ihm. Es wirkt wie ein Tribunal.

Was der Ankläger verliest, ist schlimm. Demnach soll der gelernte Kinderpfleger, der selbst im Verein Fußball spielt, seine Macht als U15-Trainer schamlos ausgenutzt haben. Er soll auf seine Opfer, damals Elf- bis 13-Jährige, "in sexueller Weise eingewirkt" haben, um an "Bild- und Videodateien der Kinder" zu gelangen. Und mehr: Er soll "sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen" haben. Dabei habe er das geringe Alter der ihm anvertrauten Nachwuchs-Kicker billigend in Kauf genommen.

Märchen vom Pornoring

Laut Anklage verängstigte der Jugendtrainer seine Schützlinge immer mit derselben Masche. Er erfand einen russischen Kinderpornoring, der die Handys der Kinder gehackt und Bilder von ihnen ins Internet gestellt haben soll. Er selbst sei Mitglied einer Sonder-Einheit, die die Machenschaften der Mafia bekämpfe. Dafür habe er ein spezielles Programm geschrieben.

Damit dies wirken könne, müssten die Kinder ihm selbstgemachte Fotos und Videos von sich schicken. So setzte er sie unter Druck. Die Aufnahmen sollten die Jungs nicht nur nackt, sondern auch bei sexuellen Handlungen an sich selbst gezeigt haben. Dazu mussten seine Opfer Details über ihre Geschlechtsorgane abgeben.

Das war noch nicht alles. Ein Opfer soll der 21-Jährige laut Anklage daheim besucht haben, als seine Eltern einen Ausflug unternahmen. Er nötigte ihn zur sexuellen Handlungen an sich selbst und filmte sein Opfer dabei. In einem anderen Fall soll der Jugendtrainer einen Jungen mit einem Löffel traktiert haben. Wobei der Junge "nicht unerhebliche Schmerzen" erlitt, so der Staatsanwalt.

Mit einem weiteren seiner Schützlinge spielte der Angeklagte in den Ferien 2018 "Strip-Fifa" an der Konsole, führt der Staatsanwalt weiter aus. Wobei derjenige ein Kleidungsstück ausziehen sollte, der bei dem E-Sports-Game ein Tor kassierte. Da der Trainer weit besser als der Junge zockte, stand der bald unbekleidet da. Bei einem weiteren Treffen sollen Enthaarungsstreifen im Spiel gewesen sein. Auch für diesen Bub eine sehr schmerzhafte Erfahrung.

Sadomasochistische Praktiken

Und schließlich der heftigste Vorwurf: Auf einer abgelegenen Wiese in Schweinfurt soll der Angeklagte bei einem Jungen zudringlich geworden sein. Auch ihn schlug er demnach mit harten Gegenständen. Bei einem weiteren Treffen soll er ihn zu sadomasochistischen Praktiken gedrängt haben. Der Schützling lehnte zunächst klar erkennbar ab, machte dann aber doch mit. Schmerzen inbegriffen. Die Details sollen hier nicht beschrieben werden - diesen Vorfall allerdings bewertet der Staatsanwalt als Vergewaltigung.

Der Anklagevertreter trägt Fälle mit weiteren mutmaßlichen Opfern vor, mit mehr oder minder heftigen sexuellen Handlungen - alles das geschah im Zeitraum von 2017 bis zum Februar 2020. Immer schwingt die Angst der Kinder vor dem russischen Pornoring mit. Und die drängenden Worte des Angeklagten, dass dieser besänftigt werden müsse - der Pornoring würde auch nicht vor Entführungen zurückschrecken.

Öffentlichkeit ausgeschlossen

Alles in allem wirft der Ankläger dem 21-Jährigen bei neun Opfern das "Herstellen kinderpornografischer Schriften und sexuellen Missbrauch von Kindern" vor, bei einigen gar "schweren sexuellen Missbrauch und gefährliche Körperverletzung", schließlich sogar "Vergewaltigung". Eine halbe Stunde hat der Staatsanwalt für das Verlesen der Anklage gebraucht.

Dann schließt die Richterin die Öffentlichkeit aus. Beantragt haben das die Anwälte der Eltern als Nebenkläger; die Staatsanwaltschaft schließt sich an. Offensichtlich wollen sie nicht, dass das menschliche Leid und die Scham, auch bei den Eltern, nach außen dringen.

Die Richterin folgt dem Antrag, teilweise. Den Vortrag des Staatsanwalts dürfen die Besucher noch hören; doch bei der Vernehmung des Angeklagten überwiegen für sie "schutzwürdige Interessen". So bleibt den außenstehenden Zuhörern verborgen, was der Angeklagte zu berichten hat. Aber somit leider auch die Aussage zweier Kripo-Beamter. Und die Einschätzung eines Gutachters, ob der 21-Jährige schuldfähig ist oder nicht.

Alle diese Fragen beantwortet Jürgen Scholl, Anwalt der Nebenklage, nach der Verhandlung. Die Einlassung des Angeklagten könne man als vollumfängliches Geständnis werten. Lediglich einige Details würden von der Anklage abweichen. Der Gutachter halte den Ex-Jugendtrainer für voll schuldfähig, sagt Scholl.

Kinder müssen nicht erscheinen

Der Anwalt wirkt zufrieden. Denn durch das Geständnis bleibt den traumatisierten Kindern wohl erspart, ihre Geschichte in der Beweisaufnahme noch einmal vor Gericht erzählen zu müssen. Damit dürfte sich die auf sieben Prozesstage anberaumte Verhandlung wesentlich verkürzen.

Aufgeflogen ist der Angeklagte, weil sich eins der Kinder endlich ein Herz gefasst hat und sich seinen Eltern anvertraute. Wie sehr die Kinder ihrem beliebten Trainer vertrauten, berichtet am Rande der Verhandlung eine Vertreterin des Weißen Rings, die sich um die Opfer kümmert: "Sie hätten alles für ihn getan."