Der Balneologe und Allgemeinmediziner Ralph Brath ist nicht nur Chefarzt des Rotkreuz-Kreisverbandes, sondern auch seit vielen Jahren Notarzt aus Überzeugung. Allerdings scheint bei ihm die Schmerzgrenze jetzt fast erreicht. Denn wenn er Pech hat, bekommt er künftig manchen Einsatz nicht mehr honoriert. Ralph Brath ("bin kein Jurist") spricht von einem "Webfehler" im Bayerischen Rettungsdienstgesetz. Das sei "so ungenau formuliert, dass jeder daraus lesen kann, was er will."

Ein Fall aus der Praxis: Eine 88-Jährige hat einen Schwächeanfall, die Familie ruft über die Rettungsleitstelle nach einem Notarzt. Der ist, zusammen mit einem Rettungswagen, schon nach wenigen Minuten mit Blaulicht und Martinshorn vor Ort. Der alten Dame geht es mittlerweile wieder besser. Die Rettungsassistenten können die Trage wieder wegräumen, sie müssen nicht eingreifen. Der Notarzt kümmert sich um die Seniorin, misst den Blutdruck, redet ihr gut zu und gibt ihr vielleicht noch eine Spritze. Dann geht er wieder - und schaut beim Honorar in die Röhre.

Einsatzpauschale vorfinanziert


Denn: Die Zentrale Abrechnungsstelle für den Rettunsdienst (ZAST) vergütet diesen Einsatz nicht, weil der Rettungsdienst den Fall nicht erfasst und dokumentiert hat. Dessen Mitarbeiter waren ja nicht tätig. Bislang wurde dieses Problem pragmatisch gelöst: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) finanzierte die Einsatzpauschale vor. In den vergangenen zwei Jahren kam so ein Defizit von über zehn Millionen Euro zusammen. 2011 wurden 21.000 Einsätze nicht vergütet.

Damit ist nun Schluss. Dazu die Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte (agbn): Diese Praxis dürfe aus juristischen Gründen mangels Kostendeckungszusage durch die Krankenkassen bis auf Weiteres nicht mehr fortgesetzt werden. Unklar ist auch, wer das aufgelaufene Defizit ausgleicht.

"Das System ist in Gefahr"


"Wir wussten von diesem Dilemma nichts", so Ralph Brath. Eine Lösung liege außerhalb der Reichweite der Notärzte. Ihnen sei nicht klar, warum die ZAST zwischen KVB und Krankenkassen geschaltet worden ist.

Die agbn geht in die Offensive: Sie wolle es weder akzeptieren, dass Leistungen nicht erstattet werden, noch dass die zum 1. Oktober angekündigte Kürzung "der bereits derzeit keineswegs üppigen Vergütung erfolgt", heißt es in einer Mitteilung. ZAST und Kassen werden aufgefordert, die Finanzierung des Dienstes sicher zu stellen.

Ralph Brath weiß nicht, wie es weiter geht. Denkbar seien Kürzungen, da die benötigten Gelder aus anderen "Töpfen" genommen werden könnten. Er sieht das System in Gefahr. Es gebe schon jetzt immer mehr Lücken, weitere könnten hinzu kommen. Vielleicht komme es zu Tagen ohne Notarztwesen.

24 Stunden oder noch länger


Schon heute, sagt Brath, gebe es immer mehr Probleme bei der Aufstellung der Dienstpläne; "ein Dilemma". Die Motivation der hoch qualifizierten und speziell ausgebildeten Mediziner leide. Dabei beteiligen sich allein im Bereich Bad Kissingen etwa 20 Notärzte. Sie werden pro Jahr 1800 Mal alarmiert. In Hammelburg bestehe schon jetzt ein großer Mangel, etwa 60 Einsätze pro Jahr könnten nicht besetzt werden. Etwas besser sehe es in Bad Brückenau aus, wo sechs Kollegen beteiligt seien.

Der Dienst ist kein Zuckerschlecken: Meist dauert er 24 Stunden, Ralph Brath hat gerade eine 36-Stunden-Schicht hinter sich. Zehn Mal musste er ausrücken. Das Einsatzspektrum reicht von Kopfschmerzen über Reanimationen bis zum Ausstellen von Totenscheinen.

Tagsüber gibt es pro Einsatz - der kann schon mal zwei Stunden - dauern eine Pauschale von 91 Euro brutto, nachts sind es 111,50 - oder eben gar nichts. BRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Stadler lobt die Notärzte. Sie seien mit Enthusiasmus dabei. Alles laufe sehr gut, "wir verstehen uns als Team."