Es gibt einen Grund, warum in der gelben Metalltür keine Lüftungsschlitze sind. "Achtung, Lebensgefahr! Atemschutzmaske anlegen!" - Die Symbolbilder sprechen eine deutliche Sprache. Jürgen Ankenbrand, seit 1996 Betriebsleiter der Sinnflut, öffnet sie trotzdem, die gelbe Sicherheitstür. Dann schließt er sie schnell wieder. Stille kehrt ein. Tödliche Stille.

Die Chlorgasanlage ist das Herzstück eines jeden Schwimmbades. Ein gefährliches Herzstück, denn Chlorgas ist hoch giftig und wirkt schon in geringen Dosen tödlich. Und die Sinnflut liegt in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Käme es zu einem Unfall, so würde das schwere Gas auf dem Boden entlang kriechen und wäre kaum mehr aufzuhalten."Deshalb haben wir darauf bestanden, dass die Tür gasdicht schließt", sagt An kenbrand.
Sechs große Flaschen sind an die Chlorgasanlage angeschlossen.
Auf jeder steht mit Kreide das Datum, an dem die Flasche gewechselt wurde. Eine ist ganz frisch. Erst heute Morgen hat sie ein Mitarbeiter angeschlossen - bevor die ersten Gäste kamen, denn "das machen wir generell nur, wenn kein Badebetrieb ist", erklärt Ankenbrand die Vorsichtsmaßnahme.

Salzsäure im Schwimmbecken


Chlor ist ein sehr reaktionsfreudiger Stoff. Von den Flaschen hinter der gelben Tür wird das Gas bis ins Bad geleitet. Durch den Kontakt mit Wasser entstehen Salzsäure und die so genannte Hypochlorige Säure, die für die Desinfektion sorgt. Die Konzentration variiert je nach Wassertemperatur der einzelnen Becken und ist genau vorgeschrieben. Im Erlebnisbecken beispielsweise kommen auf jeden Liter Wasser 0,5 Milligramm Chlor, in der Rutsche sind es 0,34 Milligramm pro Liter. Aber wo bleibt die Salzsäure? Dazu führt die Reise in die Unterwelt der Sinnflut.

Der Chlorgasraum ist nämlich nur ein Teil der umfangreichen Wasseraufbereitungsanlage, der sich in einigen Nebenräumen der Sinnflut und vor allen im ausgedehnten Keller befindet. Pumpen dröhnen und aus den Rohren, die an der Decke entlang laufen, dringt gedämpftes Rauschen. Plötzlich ein dumpfer Schlag: Vom Meterbrett ist jemand ins Wasser gesprungen.

In einer Ecke liegen Säcke mit Kieseln. "Das ist Marmor", erklärt Ankenbrand und nimmt eine Handvoll von der körnigen Masse. "Salzsäure reagiert mit Marmor und frisst die Steinchen einfach weg. Das funktioniert nach demselben Prinzip wie beim Putzen, wenn man Kalk reste im Waschbecken mit säurehaltigen Putzmitteln entfernt." Positiver Nebeneffekt: Die Salzsäure, die bei der Umwandlung von Chlorgas entsteht, gelangt so gar nicht erst ins Becken. "Andere Bäder, zum Beispiel in Würzburg, lassen die Salzsäure bewusst drin, weil dadurch das Wasser weicher wird", erklärt Ankenbrand. "Aber wir brauchen das nicht, weil das Siebener Wasser so gut ist."
Weiter geht's, ein paar Stufen in die Tiefe. Wieder eine Metalltür, wieder Warnschilder. Jürgen Ankenbrand steigt in seinen Badeschuhe die Treppe hinunter. Heiß ist es hier unten, und feucht. An der Wand hängt ein Plan vom Wasserkreislauf, mit kryptischen Zeichen übersät. Fachangestellte für Bäderbetriebe können das alles lesen. Am tiefsten Punkt der Unterwelt angekommen, nimmt das Brummen der Maschinen zu. Hier steht die Mess- und Regelanlage, die jeden noch so kleinen Wert kontrolliert und automatisch anpasst. Auch das Frischwasser wird hier eingespeist und behandelt, und zwar mit Ozon.

Vielseitiger Job


"Ozon ist im Periodensystem höher als Chlor eingeordnet. Das heißt, es ist wirksamer", sagt Ankenbrand. Will sagen, Ozon ist noch viel giftiger als Chlor. Wenn Ozon im Wasser nachgewiesen würde, müsste das Bad sofort dicht machen. Soweit kommt es allerdings nicht, denn nachdem das Siebener Wasser durch das Ozon behandelt wurde, läuft es durch einen Kohlefilter, der das Ozon restlos aufnimmt. "Wir stellen das Ozongas übrigens vor Ort selber", bemerkt Ankenbrand ganz nebenbei. Verkürzt gesagt, brauche man nur trockene Luft und Hochspannung, wie bei einem Gewitter.

"Es ist ein vielseitiger Job", begründet Ankenbrand seine Berufswahl. Ein bis zwei Stunden pro Tag verbringe das Fachpersonal in der Unterwelt und kontrolliere die Anlagen. "Aber es ist auch ein harter Job." Mal eben am Feiertag ins Schwimmbad gehen - das können andere. Gearbeitet wird in zwei Schichten von 7.45 bis 23.30 Uhr. "Wenn Mitternachtssauna ist, sogar noch länger", stellt Ankenbrand fest. Denn Fachangestellte für Bäderbetriebe sind Dienstleister. Sie sitzen keineswegs im Strandkorb und schauen aufs Wasser. Manchmal müssen sie auch in die Unterwelt hinabsteigen.

150 Kubikmeter Wasser durchlaufen pro Stunde die Fi l teranlage. Sand, Quarz und Kohle sind einige Materialien, die grobe Schmutzpartikel aus dem Wasser filtern. Feinst disperse Stoffe müssen allerdings erst an der "Impfstation" durch Flockungsmittel gebunden werden, damit sie überhaupt im Fil ter landen.

100 Prozent Heilquellenwasser füllt die Becken der Sinnflut. Das Badebeckenwasser muss jedoch zuerst durch die Ozonanlage, damit es völlig keimfrei wird. Danach kommt die Enteisenung mit Hilfe von Dolomitischem Gestein. Außerdem wird noch Mangan herausgefiltert.

20 000 Liter Wasser aus der Siebener Quelle sorgen täglich für Nachschub. Je nach Auslastung des Bades wird mal mehr, mal weniger Frischwasser gebraucht. Das Personal entscheidet je nach Situation, wieviel Wasser zufließt.

65 Kilogramm Chlorgas sind in einer Flasche. Eine Flasche reicht ungefähr ein bis zwei Monate. Die Chlorwerte im Wasser sind genau definiert. Sie werden technisch gemessen und automatisch angepasst. Bei Bedarf zieht das Personal auch mal mit dem Messköfferchen los und nimmt Proben direkt am Becken ab.