Der Mann ging mit einer geladenen Pistole auf einen Polizisten los. Laut Staatsanwaltschaft war er bereit, den Beamten zu töten, damit dessen Kollegen ihn, den Täter, erschießen. Nun steht der Kaufmann aus dem Raum Bad Kissingen wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Würzburg.
Es war bizarr, was sich am 15. April 2015 vor dem Würzburger Hauptfriedhof abgespielte: Ein Mann hockt vor seinem Auto, ein Passant ruft den Rettungsdienst. Aber der 65-Jährige will keine Hilfe und setzt sich in den Wagen. Als die Sanitäter sehen, dass er eine Pistole hat, alarmieren sie die Polizei.
Ein Streifenwagen rückt an, die Beamten gehen in Deckung. Ein Polizist fordert den Mann auf, mit erhobenen Händen aus seinem Auto zu steigen. Aber das tut der 65-Jährige nicht. Die geladene und gespannte Waffe in der Hand, den Arm ausgestreckt, geht der Mann langsam auf den 34-jährigen Polizisten zu. Dessen Aufforderungen, die Pistole wegzuwerfen, ignoriert er. Als der Kaufmann etwa acht Meter von dem Beamten entfernt ist, gibt dieser einen Warnschuss ab. Auch das beeindruckt den bewaffneten Mann nicht.


Ohne Zeitgefühl

Selbst als der Polizist ihm aus drei Metern Entfernung in den Oberschenkel schießt, zeigt er keine Reaktion. Dann gelingt es dem Polizisten, den 65-Jährigen zu überwältigen. Seine Kollegen helfen ihm, den Mann zu fesseln.
Jetzt, zehn Monate nach dem Vorfall, wird der Kaufmann aus der U-Haft zu seiner Verhandlung in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Würzburg gebracht. Der hagere Mann, der deutlich älter aussieht, als er ist, wirkt weder nervös noch angespannt. Dann befragt ihn das Gericht - und es wird klar, dass er völlig verwirrt ist: Er hat kein Zeitgefühl, weiß nicht, wann seine Kinder geboren wurden, verwechselt Jahreszahlen, macht widersprüchliche Angaben zu seiner Berufstätigkeit.
Offenbar hat seine Kopflosigkeit nicht nur mit dem Prozess zu tun. Auch früher, daheim, wo er bis zu seiner Verhaftung im Keller des Hauses seiner Frau wohnt, weil das Paar es nicht mehr miteinander aushält, hat er merkwürdige Dinge getan. Seine geschäftlichen Transaktionen kosteten viel mehr Geld als sie einbrachten, ohne Einverständnis seiner Frau verzockte er deren Erbe mit abenteuerlichen Projekten, wichtige Post ließ er ungeöffnet liegen.
Und dann war da auch noch die Krankheit. Der Mann leidet nach seinen eigenen Worten an einer chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung. Aus der diffusen Angst, dass sie ihm Krebs diagnostizieren, lässt er sich aber nicht von Medizinern behandeln, sondern stopft sich voll mit starken, opioiden, verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln, die er sich aus dunklen Quellen im Internet und in Tschechien besorgt. Den Rat seines Hausarztes, den Alkohol-, Kaffee- und Zigarettenkonsum einzuschränken, schlägt er in den Wind.


Keine Erinnerung

An den 15. April 2015 könne er sich nicht mehr erinnern, sagt der 65-Jährige. Er wisse auch nicht mehr, dass er einen Abschiedsbrief hinterlassen hat, bevor er nach Würzburg fuhr. Er entsinnt sich nur, dass am Tag vor der Tat eines seiner Geschäfte geplatzt ist und es wieder Streit mit seiner Frau gab. Und dass er erstaunt war, dass er nach der Behandlung seiner Schußverletzung nicht nach Hause, sondern in die JVA gebracht wurde. Der Prozess wird fortgesetzt. Gisela Schmidt