Die einen nervt hohes Grün am Straßenrand, die andern nicht. Manche Kommunen mähen die grüne Pracht bereits im Frühjahr ab - der Ordnung halber. "Stop!", sagen da Naturschützer und führen ein schlagkräftiges Argument ins Feld: Straßengrün im Mai zu kappen, oder gar zu mulchen, bedeutet den Tod für den Sommerflor und für zahlreiche Kleinlebewesen. Wir fragten beim Bund Naturschutz (BN) nach, welches Leben eigentlich in fünf Metern Straßengrün steckt? Mit zwei Kennern der Materie, Karl Schwarz und Oskar Jungklaus, begaben wir uns auf Wanderschaft.
Kleinblütiges Weidenröschen, Natternkopf, Bitterkraut, Kriechendes Fingerkraut, Schafschwingel und Tauben-Storchschnabel - all das hat BN-Mitglied Karl Schwarz (Poppenlauer) schon nach wenigen Minuten in der Hand, als er sich am Straßenrand nach Pflanzen bückt. "Straßenränder haben enorme Bedeutung, denn hier blühen Pflanzen, die man sonst nicht mehr sieht." Weil der Mensch immer mehr in natürliche Vorgänge eingreife, auch durch Unkrautbekämpfungsmittel in der Landwirtschaft, setzte in den vergangenen Jahrzehnten ein immenses Artensterben ein, sagt Schwarz.


Intensive Nutzung der Felder

Die intensive Nutzung der Felder habe zur Folge, dass sich dort nur noch wenige Arten halten können. Erhebungen des World Wide Fund for Nature (WWF) ergaben zum Beispiel, dass allein in den Jahren 1990 bis 2012 europaweit die Zahl der Schmetterlingsarten auf Wiesen und Äckern um 33 Prozent zurückging.
Was die Pflanzen angeht, sind auf den Feldern zum Beispiel die Kornrade, ebenso wie Acker-Rittersporn und Haftdolde, komplett ausgemerzt, weiß der Pflanzen-Experte. Die meisten früheren Ackerblüher stehen daher bereits auf der Roten Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, so der einstige Lehrer für Gartenbau.
"Hier ist der Spitzwegerich, der gegen Insektenstiche helfen soll", ruft Schwarz herüber und hält die grünen Blätter hoch. Dann stößt er auf die Wilde Möhre und die Stachel-Segge aus der Familie der Sauergras-Gewächse. "Der Gelbe Steinklee ist als Heilpflanze gegen Motten bekannt", erklärt er die Wirkung eines anderen Krauts.
Unterdessen saß für den Bruchteil von Sekunden ein Laufkäfer auf der Hand von Oskar Jungklaus (Maßbach). "Wanzen gibt es hier auch", sagt der 52-Jährige und streckt die Handfläche hoch, in der sich ein schwarzes Krabbeltierchen aus der Familie der Krummfühlerwanzen in der Sonne aalt.
Straßengrün im Frühjahr stehen zu lassen, ist laut Schwarz auch deshalb wichtig, weil sich zahlreiche Insekten bei sommerlichen Temperaturen gerade in der Nähe der heißen Asphaltdecken ansiedeln - und das umso mehr, wenn dort Blüten stehen.
Mähen sollten Kommunen daher im Herbst. Besonders dramatisch für Pflanzen und Tiere ist seiner Ansicht nach das Mulchen: Alles werde dann klein geschreddert, auch Käfer, Zikaden, Wanzen und so manche Blindschleiche, die sich in Gras und Gestrüpp befinden.


Schmetterlinge werden rar

Im Frühjahr hängen auch zahlreiche Raupen an den Gräsern, aus denen irgendwann schöne Falter werden, sagt Jungklaus, der in seiner Freizeit draußen gern Nachtfaltern nachspürt. Seinen Beobachtungen zufolge werden Schmetterlinge immer seltener.
Der Große Kohlweißling zum Beispiel sei draußen auf den Wiesen und Feldern kaum noch zu sehen. "Auch der Kleine Fuchs hat heuer wenig Nachwuchs." Erfreulich immerhin: Das Tagpfauenauge, das im allgemeinen jeder kennt, ist nach wie vor gut vertreten. Unter den Pflanzen am Wegrand sind auch Ausländer zu finden, wie zum Beispiel das Kanadische Berufkraut, auch Katzenschweif genannt. Ein paar dieser importierten Arten sind laut Schwarz problematisch, wie zum Beispiel die Kanadische Goldrute, die aus Nordamerika stammt und um das Jahr 1640 nach Paris gekommen sein soll. Von dort breitete sie sich in ganz Europa aus. Genau wie die Orientalische Zackenschote gilt sie als problematischer Neophyt, weil sie sich auf Trockenrasen- und Brachflächen sehr stark ausbreitet.
"Und jetzt wird´s botanisch interessant", sagt der 66-Jährige, als er auf die Wegdistel stößt, die Schmetterlinge so lieben. Den Taubenkropf, ein Nelkengewächs, vor Ort zu finden, freut ihn ebenfalls sehr. "Das Jakobs-Greiskraut mögen Pferdebesitzer gar nicht", sagt er dann, während er sich bückt und eine gelb blühende Pflanze herzeigt. Der Korbblütler enthält nämlich leberschädigende Pyrrolizidinalkalaoide, die einem Pferd schwer schaden können.
"Und hier ist noch etwas ganz Besonderes." Schwarz hält das Kleine Liebesgras in die Höhe, das er vor 25 Jahren am Bahnhof in Münnerstadt entdeckte - zum ersten Mal in der Region.
"Wenn's heute heiß wäre, würden wir noch viel mehr Insekten sehen", sagt der Hobby-Botaniker mit leichtem Bedauern. Dennoch haben Schwarz und Jungklaus in sehr kurzer Zeit an den besagten fünf Metern Straßengrün an die 50 unterschiedliche Pflanzen und Tiere entdeckt und bestimmt.