Eine Totenmaske, eine Haarlocke von Goethe und ein Foto von Otto Waalkes, dem wohl prominentesten Ostfriesen dieser Zeit: Was zunächst etwas seltsam klingen mag, ist in Wahrheit ein kurioser Teil der Schweinfurter Geschichte, festgehalten im Stadtarchiv im Friedrich-Rückert-Bau. Zum "Tag der Archive" hatte dieses am 5. März erneut seine Pforten für neugierige Bürgerinnen und Bürger geöffnet - und damit einen Blick weit in die Vergangenheit von Schweinfurt ermöglicht.

"Bei der Maske handelt es sich um die Totenmaske eines Nachfahren von Friedrich Rückert", erklärt Tahir Hosan, Mitarbeiterin im Stadtarchiv. Die 24-Jährige ist der Kopf hinter den kuriosen Ausstellungsobjekten und eines der jungen Gesichter im Archiv. Die Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste arbeitet seit mehreren Jahren hier und ist neben der Fotosammlung auch für die Öffentlichkeitsarbeit im Archiv zuständig. Bei kühlen 17 Grad und über fünf Stockwerke hinweg durchforstet sie vom Dach bis in den Keller mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte.

Ein Teil der Historie ist auch eine der beiden wohl prominentesten Haarsträhnen von Schweinfurt und Hosans persönliches Highlight der Kuriositäten. "Sie werden auch als Haare vom Vater bezeichnet - eine Haarlocke von Friedrich Rückert. Es ist erstaunlich, dass die Strähne all die Jahre und Jahrhunderte unbeschadet überstanden hat", sagt Hosan. Die Archivarin vermutet, dass eine Tochter von Rückert die Haarlocke nach dessen Tod abgeschnitten hat. Lichtgeschützt in einem Kuvert habe sie dann die Jahrzehnte überdauert.

Aber auch die sogenannten "Klischeebilder", die früher als Druckplatten für Zeitungen dienten, besitzen prominentes Potenzial. Vom bekannten ehemaligen Schweinfurter Oberbürgermeister Kurt Petzold, bis zu dem ostfriesischen Komiker Otto Waalkes, sind viele bekannte Persönlichkeiten dabei.

Neben Schädeln, Haarsträhnen und Stadtratsprotokollen wälzt sich die Schweinfurterin nicht nur durch jahrhundertealtes Pergament und staubbedeckte Kisten mit Schwarz-weiß-Bildern. "Wir recherchieren sehr oft und ermitteln Daten, aber wir stehen dabei nicht nur zwischen den Regalen", erklärt die 24-Jährige. Im Archiv läuft viel Arbeit im Verborgenen ab.

Kooperationen mit Schulen, das Erfassen von Daten und das Beantworten von Anfragen: "Das Stadtarchiv ist eine lebendige Behörde", sagt Hosan. Prinzipiell lasse sich der Arbeitsalltag anhand des Prinzips einer Bibliothek erklären. Eine Person, die etwas über einen bestimmten Aspekt oder die eigene Familiengeschichte erfahren möchte, kontaktiert das Archiv per Mail oder Telefon.

Je mehr Daten über das, was man sucht, vorliegen, desto einfacher ist es, Näheres herauszufinden. Sprich Name, Alter, Geburtstag, Berufsbezeichnung oder Verwandte einer gesuchten Person. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beginnen daraufhin in Akten, Büchern, Protokollen und Bildern zu recherchieren.

"Die Menschen aus der Region können auch selbst in unserem Lesesaal und der Datenbank recherchieren." Letztere dient dazu, Schriftstücke im Magazin zu finden oder die mittlerweile vollständig digitalisierte Fotosammlung zu betrachten. Andere Teile der Recherche funktionieren weitestgehend analog, erklärt Hosan. Etwas, wofür das Archiv in der Vergangenheit in der Kritik stand. Zu wenig Digitalisierung, zu wenig Modernisierungswille seitens der Politik, lauten hier die Vorwürfe.

Im Vorhinein gilt daher: Immer am Besten einen Termin ausmachen, so die 24-Jährige. Etwas ausleihen kann man nicht, jedoch helfen die Archivare so gut es geht vor Ort und leisten einen Großteil der Recherchearbeit, bekräftigt Hosan. Neben Schweinfurter Bürgerinnen und Bürgern rufen auch Menschen aus anderen Ländern wie Amerika oder auch Erbermittler im Archiv an.

Uwe Müller, Leiter des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Schweinfurt, sieht den persönlichen Austausch als eine Chance, so die Menschen zu erreichen. "Ein Archiv ist eine Behörde, die hinter den Kulissen arbeitet, die das historische Erbe verarbeitet, aber auch für jeden Bürger da ist. 90 Prozent unserer Arbeit spielen sich jenseits der Öffentlichkeit ab", sagt Müller. Mit dem Ausklingen der Pandemie und dem Neubau des Kulturforums sieht der scheidende Behördenleiter dennoch einen Weg, künftig in der Öffentlichkeit sichtbarer zu sein. "Wir sind kein Museum. Mit dem Kulturforum gibt es aber auch andere Ausstellungsmöglichkeiten für uns", sagt Müller.

Mitarbeiterinnen wie Tahir Hosan möchten in Zukunft zudem stärker auf den öffentlichen Auftritt und den persönlichen Austausch vor Ort setzen. "Nach Corona hoffen wir, dass wir mehr Führungen anbieten können und die Nutzer zu uns holen können." Derzeit arbeite das Archiv zudem an einer neuen Homepage, die in den kommenden Wochen online gehen soll. Marcel Dinkel