Manche Schnapsidee zeigt ungeahnte Wirkung. Zum Beispiel, dass sich die mehrfache Olympiasiegerin Christa "Kinsi" Kinshofer für den Sommer samt ihrer Familie zu einem Besuch in Westheim ankündigt. Der örtliche Christa Kinshofer-Fanclub feiert am 3. Juli 40-jähriges Bestehen.

Denn eine Schnapsidee war es wohl, als sich fünf Westheimer in den frühen 1980er-Jahren spontan dazu verabredeten, nach Miesbach zu fahren, um dort ihren Sportstar zu feiern. Bei der Tour kamen sie ihrem Idol unerwartet nahe. Die Saaletaler jubelten Kinshofer während ihrer aktiven Laufbahn nicht nur zu, sie trösteten sie, wenn es bei der Rennläuferin nicht so gut lief. Das schätzt die Sportlerin bis heute. Deswegen hat sie sich dem Termin für das Fest an der Saale in ihrem Kalender eingetragen.

"Fan-Post gibt es bis heute immer wieder mal", verrät die Sportlerin. Zu ihrem 60. Geburtstag im Januar 2021 gratulierte etwa jene Hostess aus den Vereinigten Staaten, die ihr 1978 bei den olympischen Spielen in Lake Placid auf einem Samtkissen die Silbermedaille für ihren Slalom-Erfolg überreichte. Aber so intensiv, wie den Westheimern, hat sie sonst keinen Fans ihr Leben geöffnet. "Wir waren noch so jung, seitdem ist so viel passiert", erinnert sich Kinshofer gerne zurück an die Zeit, als sie mit 18 Jahren Olympiasiegerin wurde in Lake Placid. Wie kam es zu dem Wandel von sportlicher Verehrung zur anhaltenden Freundschaft? Auslöser war Rainer Herterich, der Präsident des Vereins. Ende der 1970er-Jahre begeisterte der heute 58-Jährige - ein leidenschaftlicher Skifahrer - seine Freunde für die ersten Erfolge von Christa Kinshofer. Per TV war die Truppe bei den Wettkämpfen auf den alpinen Rennstrecken dieser Welt nahezu live dabei. Die Initialzündung zur Vereinsgründung kam zur Olympiade 1980. "Wir haben uns immer im Gasthaus Wiesler getroffen und uns im Wohnzimmer vor dem Fernseher versammelt, gemeinsam mitgefiebert - und die Silbermedaille", erzählt Dietmar Kippes. Kein Halten gab es für die fünf Westheimer, als "Kinsi" 1981 zu einer Autogrammstunde zu Sport Spohr nach Würzburg kam. Da sind alle hingefahren. "Die Christa war so offen, so locker und sympathisch. Wir waren begeistert", umreißt Kippes die Stimmung. Noch am Abend gründeten Rainer Herterich, Dietmar Kippes, Michael Wahler, Wolfgang Schaller und Frank Becker den Fanclub. Die Leidenschaft für ihren Star trugen sie ab 1982 mit gelben Sweat-Shirts und Club-Aufdruck zur Schau. Im Winter 1982/83 ging es zum ersten Weltcuprennen nach Pfronten. Als es ab Januar 1983 für Christa Kinshofer sportlich nicht mehr so gut lief, schrieben die Westheimer Fans einen aufmunternden Brief. Außerdem beauftragten sie eine Bekannte in Miesbach, der Skirennläuferin zum Geburtstag einen Strauß mit 22 Rosen zu überbringen.

Das Idol beantwortete alle Briefe

"Christa hat immer auf unsere Briefe geantwortet", ist Dietmar Kippes bis heute beeindruckt. Bis zu dieser Zeit war der Fanclub mit Erich Besler und Matthias Scherpf auf sieben Mitglieder angewachsen. Damals gab es zumindest im Winter monatlich eine Sitzung. Das Vereinszimmer war der Partykeller von Kippes. Alle Erlebnisse sind in der Chronik des Clubs dokumentiert. Etwa der Bau eines Faschingswagens zum Thema Schneemangel 1984. Oder die Herstellung eines Transparents vor dem Besuch der Weltcuprennen in Pfronten.

Die Westheimer schmiedeten gar Pläne, Christa Kinshofer bei den Olympischen Spielen in Sarajevo direkt an der Piste zuzujubeln. Doch eine schwere Verletzung machte der Rennläuferin und ihren Fans einen Strich durch die Rechnung. Das drückte die Stimmung auch bei den Westheimern; besonders, als sich die Miesbacherin mit ihrem Trainer-Team überwarf. Es folgten schwere Zeiten: Christa Kinshofer startete vorübergehend für die Niederlande. Kippes hat das noch lebendig vor Augen. "Ihr wurde öfters vorgeworfen, dass ihr Schmink-Koffer größer war als ihre Sporttasche", zeigt er Unverständnis für die damalige Diskussion. "Wir kennen sie ganz anders!" Die Westheimer änderten ihren Plan. Anstelle nach Sarajevo brachen sie nach Miesbach auf. Unangekündigt positionierten sie sich vor dem Elternhaus der Wintersport-Athletin. "Plötzlich ging die Türe auf. Und Christas Mutter kam heraus, zunächst freundlich, dann begeistert. Hat uns dann gleich mit ins Haus genommen und uns der ganzen Familie vorgestellt", schwärmt Kippes. Christa war zwar nicht daheim. Dafür zeigten die Eltern das Zimmer des Idols. Dort durften sich die Fans mit Plakaten und Pokalen fotografieren.

Trikots und Pokale gestiftet

Daheim in Westheim etablierte sich der Fanclub im Vereinsleben. Wieder gab es einen Faschingswagen, der brandaktuell die sportliche Entwicklung Christa Kinshofers glossierte. "Erst für Deutschland Siege holen, danach wird man dann abgeschoben". Für die örtlichen Fußballspiele gegen den FC-Stammtisch an Pfingsten stiftete Christa Kinshofer den Siegerpokal und Trikots.

Spartanisch ging es 1986 beim Ausflug des Fanclubs zu Weltcuprennen in Oberstaufen zu. Fünf Männer des Fanclubs schliefen im grünem VW-Bus mit Aufstelldach. Intensiv fühlten die Westheimer bei der sportlichen Achterbahnfahrt von Christa Kinshofer mit. Mit ihren FIS-Punkten hätte sie 1987 bei der Weltmeisterschaft in Crans Montana starten dürfen, doch ihr fehlte der holländische Pass.

Eine neuerliche Wende gab es, als die Miesbacherin noch unter niederländischer Fahne die Internationalen Deutschen Meisterschaft gewann. Die Westheimer jubelten. Zumal der Deutsche Skiverband Kinshofer wieder zurück ins Nationalteam holte. Beim Weltcuprennen in Bad Gastein 1988 erlebten die begeisterten Anhänger einen zweiten Platz im Slalom.

Die Überraschung schlechthin war die Einladung zu Christas Hochzeit mit ihrer Familie und Freunden. Spontan fuhr die Crew später öfters mal nach Miesbach. In einem Sportcafé saßen sie dann stundenlang mit ihrem Idol zusammen, trafen auch Eltern und Geschwister. Viel zu feiern gab es 1988. Bei den Olympischen Spielen in Calgary gewann Christa Kinshofer zwei Medaillen: die Silberne im Riesenslalom und Bronze im Slalom. Am Münchner Flughafen war bei der Rückkehr großer Bahnhof. "Wir standen am Flughafen mit unserem schwarz-gelben Transparent und haben auf Christa gewartet. Viel hatten wir da nicht unbedingt erwartet", berichtet Dietmar Kippes. Dann lud die oberbayerische Feierschar die Gäste aus Unterfranken ein, mit nach Miesbach zu kommen und am Empfang auf dem Marktplatz teilzunehmen. Kippes: "Beim Festzug durch den ganzen Ort waren wir mittendrin statt nur dabei".

Respektvolle Haltung kommt an

Und wie hat Christa Kinshofer das erlebt? "Die waren so nett und hatten eine durch und durch respektvolle Haltung", lobt die Ex-Skirennläuferin das Auftreten der Westheimer. "Natürlich gab es auch Stalker", beschreibt sie die Vielfalt des Umganges mit ihr. Denn der Wirbel um sie war riesig. Die Miesbacherin entwickelte sich zu einem Popstar unter den Sportlern. Dreimal gewann sie den "Bravo-Otto" der damals angesagten Jugendzeitschrift. Sie erinnert sich auch gerne an 1979, als sie Sportlerin des Jahres war.

"Der Stellenwert des Skisports in der Öffentlichkeit war damals noch viel größer", sagt die ehemalige Rennläuferin heute. Mittlerweile drehe sich in der Berichterstattung zu 90 Prozent alles um Fußball. Und die Fankultur habe sich seitdem gewandelt. "Es gab noch kein Handy und kein Internet. Wäschekorbweise ging seinerzeit Fanpost ein. Über Frühjahr und Sommer wurden alle beantwortet. "Insgesamt bestimmt 50 000", schätzt Kinshofer. Auch weil sie so gut strukturiert waren, habe sie die Westheimer näher an sich herangelassen. Sogar in der Firma ihres Vaters Alfred gingen die Gäste aus dem Saaletal ein und aus. Die Kinshofer GmbH stellt Anbaugeräte für Ladekrane und Bagger her. "Dietmar und mein Vater begegnen sich als Ingenieure auf Augenhöhe", verrät die Sportlerin. Deswegen will der nun 88-Jährige mit seiner Frau Maria samt einem größeren Familienkreis nach Westheim mitkommen.

Gefeiert werden soll das Jubiläum des Fanclubs voraussichtlich am ersten Juli-Wochenende eher im kleinen Rahmen als Sommernachtsfest mit Live-Musik im Rasthöfle in Westheim. Spielen soll das Trio mit Christof Reuter (Dirigent der Feuerthaler Musikanten). Auch ein Ausflug mit den Ehrengästen in die Rhön ist geplant. Je nach Corona-Lage ist auch eine Autogrammstunde denkbar. Wolfgang Dünnebier