Bad Neustadt an der Saale
Zusammenkunft

Warum Betroffene sich treffen wollen

In den 1970er Jahren hat ein Pater im Kloster Lebenhan bei Bad Neustadt Internatsschüler geschlagen und missbraucht.
Ein Foto des ehemaligen Klosters Lebenhan bei Bad Neustadt (Landkreis Rhön-Grabfeld) aus dem Jahr 2008. In diesem Jahr wurden Missbrauchsfälle bekannt.  Archivfoto: Hubert Herbert
Ein Foto des ehemaligen Klosters Lebenhan bei Bad Neustadt (Landkreis Rhön-Grabfeld) aus dem Jahr 2008. In diesem Jahr wurden Missbrauchsfälle bekannt. Archivfoto: Hubert Herbert

Wenn die beiden Männer das Wort Lebenhan hören, dann kommen Erinnerungen an ihre Kindheit. Es sind furchtbare. Das ehemalige Kloster Lebenhan bei Bad Neustadt an der Saale im Landkreis Rhön-Grabfeld ist für sie ein Ort des Schreckens. Es gehörte einst der Männerkongregation Missionarii a Sacra Familia (MSF), den Missionaren von der Heiligen Familie. Auf dem Klostergelände gab es bis 1978 eine Missionsschule und ein Gymnasium. Internatsschüler wurden dort gedemütigt, geschlagen, sexuell missbraucht. Sie leiden bis heute unter den Folgen.

Die beiden Männer, die anonym bleiben möchten und deren Namen der Redaktion bekannt sind, planen ein Treffen mit weiteren Lebenhan-Betroffenen in Würzburg: am Sonntag, 11. September, ab 11 Uhr. Es geht bei diesem Treffen nicht darum, den Täter zu identifizieren. Er ist bekannt: Im Jahr 2008 hatte Bernhard Rasche, ein Betroffener, den Missbrauch bei der Diözese Würzburg angezeigt. Der Ordenspriester wurde von der Kongregation und vom Papst kirchenrechtlich bestraft. Er lebt unter strengen Auflagen in einer Niederlassung des Ordens. In Lebenhan gehörte der Täter zum Leitungsteam. "Er war ein Alkoholiker und ein Psychopath", beschreibt ihn einer der beiden Männer.

Immer noch Angst

Bis heute spüre er die Angst. Jeden Abend habe sich der Pater im Schlafsaal seine Opfer ausgewählt. Jeder Schüler habe inständig gehofft, dass der Täter an seinem Bett vorbeiging. Einige "Auserwählte" habe der Pater in der Ferienzeit mit in den Urlaub genommen. Paul Piepenbreier, die unabhängige Ansprechperson für Fragen des sexuellen Missbrauchs der MSF, unterstützt den beiden Betroffenen zufolge das Treffen in Würzburg. Er habe sich bereit erklärt, die knapp zehn Betroffenen, deren Adressen er hat, anzuschreiben.

"Wir müssen jedoch weit mehr Betroffene sein", sagen die Initiatoren des Treffens. Der Täter habe bei seiner Vernehmung im Jahr 2008 die Namen von 16 Opfern angegeben. Insgesamt seien damals 20 Strafanzeigen aus dem Raum Schweinfurt bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. "Wir möchten mit unserem Aufruf zu einem Treffen überhaupt erst mal Kontakt zwischen den Betroffenen herstellen und darüber hinaus Leute erreichen, die sich noch nicht beim Orden oder bei Herrn Piepenbreier gemeldet haben", sagen die beiden Männer. "Es gab nie eine Solidarisierung unter den Opfern, sie könnte aber zur Heilung beitragen." Es gehe darum, sich gegenseitig anzunehmen und auszutauschen. Ihre Hoffnung: eine Stärkung, wie sie auch Betroffene von Tätern anderer katholischer Einrichtungen erfahren hätten, die sich viel früher zusammenschlossen.

Drei wichtige Aspekte

Drei Aspekte sind den beiden Männern wichtig. Zuerst die Frage: "Wie geht es Dir?" Er habe in den vergangenen Jahren einige "Lebenhaner" kennengelernt, berichtet einer der beiden. Viele würden von "Überleben" sprechen. Sie hätten dieses Überleben oft alleine versucht. Ein weiterer Grund sei, dass der Orden bislang ein Treffen verweigert habe. Auf die Anregung dazu habe es von Pater Michael Baumbach von der deutschen Provinzialleitung der MSF geheißen, dies "würde nur retraumatisieren". Baumbach habe diese Meinung geändert, er unterstütze jetzt das Treffen in Würzburg, haben die beiden Männer von Piepenbreier erfahren.

Der dritte Punkt: Der Untersuchungsbericht, der seit Ende 2008 vorliegt, wird den Betroffenen zur Verfügung gestellt. Dies - seit vielen Jahren ein Anliegen - sei bislang vom Orden aus Opferschutz- und Datenschutzgründen verweigert worden.

Die beiden Initiatoren vermuten, dass dieser Untersuchungsbericht nicht völlig unabhängig ist. Die damit beauftragte Kriminalhauptkommissarin und eine Kirchenrechtsprofessorin hätten nur mit dem Täter gesprochen, sagen sie: "Die Untersuchungskommission hat nie mit uns Kontakt aufgenommen." Zudem sei die Kirchenrechtlerin an einer zum Orden gehörenden theologischen Einrichtung ausgebildet worden.

Kontakt und Treffen

Wer an dem Treffen am 11. September um 11 Uhr teilnehmen möchte, kann unter Angabe seines Namens per E-Mail zu den Organisatoren Kontakt aufnehmen unter austausch.lebenhan@gmx.de