Ein Berg. Eine unglaubliche Sicht. Der Blick wandert von Kuppe zu Kuppe, von Gipfel zu Gipfel - über die schiere Masse von Land. Das Baritonhorn füllt mit seinem warmen Ton den Raum. Männergesang schichtet sich mehrstimmig auf und durchdringt die klare Rhönluft: "Da ist mein Heimatland und mir mein Schatz so nah". Natur, Liebe, Geborgenheit - dieser Dreiklang rührt jedes Herz.

Und weil das so ist, sind die Rucksackmusikanten Waldfenster so etwas wie eine Rhöner Legende. Wenn die Gemündener Hütte unweit des Klosters Kreuzberg zum Fest lädt, dann sind die sieben Männer dabei. Auch am Würzburger Haus in den Schwarzen Bergen musizieren sie gerne. In der Klosterkirche des Kreuzbergs stimmen sie geistliches Liedgut an. Und wenn das Großereignis Frühjahrsmesse in Holzhausen im Schweinfurter Gau ansteht, sind die musizierenden Herrschaften aus Waldfenster im Landkreis Bad Kissingen mit von der Partie.

Ganz besonderer Schwung

Sieben Männer, zumeist im leicht vorgerückten Alter, haben sich den Rhöner Liedern verschrieben, dem einen oder anderen Schlager und dem sanft wogenden Wohlklang der Böhmisch-Mährischen, Oberkrainer oder Egerländer Musik. "Ich spiele seit dem 16. Lebensjahr in Kapellen", sagt zum Beispiel Ludwig Kleinhenz, der die Gitarre bei den Rucksackmusikanten zupft und für den ganz besonderen Schwung sorgt.

Alle entstammen sie einer Generation, als noch fleißig gesungen wurde in den Schulen. "Da gab es bei uns in Waldfenster den Lehrer Belz. Bei dem ist viel gesungen worden. Auch kirchliche Lieder. Und wehe, es hat was nicht gepasst, dann wurde es nochmal und nochmal geübt", erinnert sich Peter Kleinhenz. Was nicht immer einfach war als junger Mensch, hat sich für die Rucksackmusikanten bezahlt gemacht. Gutes Zusammenspiel, präzise Einsätze und das Achten auf Feinheiten bekamen sie auch von Stadtmusikmeister Adolf Zähler aus Bad Kissingen vermittelt. Je besser musiziert wird, desto schneller springt der Funke über beim Publikum.

Der "pfeifende Postbote"

"Aber das Wichtigste bei uns ist der Gesang", sagt Stefan Matthes. Er leitet die Postkapelle Bad Kissingen und ist als singender und pfeifender Postbote eine Instanz in der Kurstadt. Tatsächlich ist der mehrstimmige Gesang die Besonderheit bei den Rucksackmusikanten. Wenn er mit warmem Schmelz auf irgendeinem Rhöner Berg, in irgendeinem Rhöner Dorf erklingt, nimmt er schlicht gefangen - egal, welche Musik man sonst eigentlich mag.

Trompeter Berthold Albert arrangiert das eine oder andere Medley, vor allem aber hat er schon einige Stücke aus eigener Feder zum Repertoire beigetragen. "Wir Musikanten spielen heute auf", heißt eine seiner eingängigen Kompositionen. Albert gestaltet mit seiner Frau auch Hausmusikabende. Der Jüngste im Septett ist Michael Kleinhenz: "Ich bin bei einem Auftritt bei uns in Rannungen dazu gestoßen", erzählt der Rucksackmusikant, der zu Hause auch die Dorfkapelle führt und Kirchenorgel spielt. Für die Oberkrainer Musik steht Albert Gabel aus Hausen, er rundet mit seinem Akkordeon die Musik harmonisch ab.

Überbleibsel aus größerer Formation

Die Rhöner Rucksackmusikanten sind so etwas wie das Überbleibsel aus der größeren Formation "Bergmusikanten Waldfenster", die einst als "Wilder Haufen" bei einem Faschingsumzug begonnen hatten und dann fast 20 Jahre lang das Musikleben in der Rhön mitprägten und weithin einen guten Ruf genossen. 2016 hatten die Bergmusikanten ihre Auflösung angekündigt und waren zur Abschiedstournee gestartet. "Zum Sebastianustag am Kloster Kreuzberg haben wir praktisch vor dem Pfarrer unsere Abschiedsrede gehalten, Rhön-Grabfelds Landrat Thomas Habermann wollte es gar nicht einsehen, dass wir aufhören", schmunzelt Peter Kleinhenz.

Mit den Rucksackmusikanten ging es aber praktisch nahtlos weiter: 180 Stücke gehören zum festen Repertoire der Combo. Damit da niemand den Überblick verliert, aktualisieren die Musiker ihr eigenes Liederbuch immer wieder um neue Stücke. "Aus grauer Städte Mauern" findet sich da ebenso wie der "Griechische Wein" sowie der Klassiker der Rhön, das Kreuzberglied. Immer dabei bei den Auftritten: die Anzeigentafel mit der Liednummer, für die Erwin Wehner zuständig ist.

Benefiz-Auftritte

Bei all den vielen Auftritten darf der Spaß natürlich nicht fehlen, sagen die Rucksackmusikanten, die auch für die ein oder andere gute Sache singen und spielen: "Wir haben auch schon Benefiz-Auftritte absolviert, zum Beispiel für die Lebenshilfe in Nüdlingen", erzählt Peter Kleinhenz.

Auf der Internet-Plattform Youtube findet man einige Nummern der Rucksackmusikanten, ein besonders leidenschaftlicher Fan stellt immer wieder Mitschnitte ins Netz. Das lässt wenigstens etwas die Wartezeit verschmerzen bis zum nächsten öffentlichen Aufspielen: "Corona belastet uns schon schwer, das beginnt schon bei den fehlenden Proben. Man merkt das schnell am Ansatz", sagt Berthold Albert.

Die nächsten Termine stehen noch nicht fest

Wann wieder mit den ersten Auftritten zu rechnen ist, die dann sicherlich im kleineren Rahmen stattfinden, und wann der mehrschichtige Gesang voller Schmelz durch die Rhönluft zieht - noch nicht abzusehen.

Solange heißt es für die vielen Fans der Rucksackmusikanten Waldfenster, sich weiter in Geduld zu üben. Es wird wohl Sommer werden oder gar Herbst, bis wieder "Tschau Amore" erklingt, das traditionelle Schlussstück der Combo. Erst einmal muss Corona der Marsch geblasen werden.

Infos zu den Rhöner Rucksackmusikanten, ihren Auftritten und neuen Liedern gibt es im Internet. Gerhard Fischer