Seit Jahren beschäftigt sich Werner Keller mit dem Wald. "Ich versuche zu verstehen, wie er funktioniert und was wir von den Vorgängen dort lernen können", sagt der Privatwaldbesitzer im Gespräch mit dieser Redaktion. Irgendwann sei er mit Timo Stahl (Rannungen) zu diesem Thema ins Gespräch gekommen und beide meldeten sich kurze Zeit später zu einer mehrtägigen Ausbildung zum Walderlebnisführer an. Nach der Theorie kam gleich die Praxis: Keller und Stahl entwarfen ein Konzept für geführte Wanderungen in Rannungen. Die ersten beiden Veranstaltungen im August waren sofort ausgebucht.

20 Tage lang waren Keller und Stahl bei ihrem Seminar in der Naturschule Diez (Sulzthal) im Wald unterwegs und genossen dieses Naturerlebnis. "Die Ausbildung war gut gestaltet und sehr interessant gemacht", sagt Keller.

Shinrin Yoku als Grundlage

Danach sei für Beide sehr schnell klar gewesen: "Wir packen´s an und machen Wanderungen in Rannungen." Zumal das sogenannte Waldbaden, laut Keller, in der heutigen hektischen Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Als Grundlage könnte man das Shinrin Yoku bezeichnen, das in Japan bereits seit den 1980er Jahren zur Anwendung kommt, sagt Keller. Das Konzept ist schnell erklärt: Die Japaner haben frühzeitig erkannt, dass man die Waldtherapie zur Erholung nutzen kann. "Wenn man den Wald mit allen Sinnen erlebt und bewusst in die Wald-Atmosphäre eintaucht, fördert dies die körperliche und psychische Gesundheit", bringt es Keller auf den Punkt.

Im Jahr 1990 fand man an der Universität im japanischen Chiba heraus, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen ausgedehnten Aufenthalten im Wald und einer reduzierten Anzahl von Stresshormonen im Körper des Menschen gibt. Seither ist Shinrin Yoku (die Waldmedizin) in Japan Forschungsgegenstand.

Auch bei uns in Deutschland wird das Thema immer stärker wahrgenommen, sagt Keller. Es werde immer wichtiger, Techniken zu erlernen, wie man sich im Alltag entspannen kann. "Denn viele Menschen sind an ihrem Arbeitspatz gestresst und gelegentlich auch vom Burnout bedroht", sagt Keller. Spaziergänge im Wald könnten Abhilfe schaffen, wenn man "mit allen Sinnen" dort unterwegs ist. Denn die natürlichen Terpene, die von den Bäumen ausgehen, sind für die Menschen besonders förderlich, so Keller weiter.

Netzwerk des Lebens

Im August fanden bereits die ersten beiden geführten Walderlebnis-Wanderungen nahe Rannungen statt. "Sie waren gleich ausgebucht." In der abschließenden Gesprächsrunde mit den jeweils zwölf Teilnehmern sei das Feedback "sehr positiv" gewesen, sagt Keller und macht klar, dass es mit den Wanderungen auch in den kommenden Jahren weitergehen soll. Heuer gibt es noch eine Veranstaltung im September, die allerdings auch schon ausgebucht ist.

Wenn Keller und Stahl mit ihren Gästen im Wald unterwegs sind, machen sie an mehreren Stationen Halt. So zum Beispiel an einer Jonglier-Station, an der man seine Gleichgewichtsfähigkeiten trainieren kann. Unterwegs erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch etwas über das "Kraftwerk Baum".

"Wir wollen vermitteln, was uns beim Spaziergang unter Bäumen hilft." Ein anderes Stichwort bei diesem Walderlebnisspaziergang ist das "Netzwerk des Lebens", sagt Keller. "Wir erklären, was alles im Leben miteinander verbunden ist, so zum Beispiel auch die Generationen untereinander." Oder anders ausgedrückt: Was wir heute tun, hat Auswirkungen auf unsere Nachkommen.

Bei dem Aufenthalt im Wald übernimmt Werner Keller die Vermittlung des Waldwissens. Timo Stahl widmet sich meditativen Aspekten und hat beispielsweise kleine Gitarrenstücke zum Innehalten ausgearbeitet. Übrigens macht er derzeit eine Weiterbildung zum Energie-Heiler. Die Erkenntnis daraus werden sicher den Gästen bei künftigen Waldspaziergängen zu Gute kommen, davon ist Keller überzeugt. Meditation steht am Ende des Rannunger Waldbadens, denn inzwischen ist auch Kellers Frau Conny mit von der Partie und unternimmt eine "Reise durch den Körper".

"Es macht uns sehr viel Spaß", sagt Keller, nicht zuletzt natürlich, weil die neu ausgearbeiteten Spaziergänge sofort eingeschlagen haben. Fürs Jahr 2022 hat sich zum Beispiel schon das gesamte Team einer Physiotherapie-Praxis aus dem Schweinfurter Raum zum Waldbaden in Rannungen vormerken lassen.Isolde Krapf