Für Aufsehen hat das Familienunternehmen Wenzel in Wiesthal (Landkreis Main-Spessart) Anfang des Jahres gesorgt, als es für Teile der Belegschaft eine Vier-Tage-Arbeitswoche einführte. Der Messgerätehersteller mit weltweit rund 500 Beschäftigten sieht sich in seiner Branche damit als Vorreiter.

Die Besonderheit bei Wenzel im Gegensatz zu tariflich vereinbarter Verkürzung der Wochenarbeitszeit und Gleitzeit-Regelungen: Die Produktion läuft im Zuge der Vier-Tage-Woche nur von Montag bis Donnerstag, das Wochenende beginnt somit immer schon am Freitag. Hat diese Regelung mit bis zu neun Arbeitsstunden pro Arbeitstag Modellcharakter über Wenzel hinaus? Drei Fachleute aus der Region sehen das unterschiedlich.

Kann eine Vier-Tage-Woche wie bei Wenzel ein Modell sein?

Eine auf 28 Stunden verkürzte Vollzeit-Woche inklusive Ausgleich in Form von Geld oder freien Tagen gebe es für tarifgebundene Betriebe in Bayern bereits seit längerer Zeit, lautet der Hinweis von Norbert Zirnsak von der IG Metall in Würzburg. Die Regelung gelte für Beschäftigte, die zum Beispiel Kinder erziehen oder Angehörige pflegen. Das Wenzel-Modell sei wegen des arbeitsfreien Freitags damit aber nicht vergleichbar, sagt Zirnsak, Zweiter Bevollmächtigter der Gewerkschaft.

Zudem gebe es beim Messgerätehersteller Löhne, "die stark unter den Löhnen der Betriebe mit Tarifbindung liegen". Außerdem sei die Arbeitszeit bei Wenzel deutlich höher als in vergleichbaren Unternehmen mit Tarifbindung.

Eine Vier-Tage-Woche à la Wenzel "kann für viele Unternehmen ein Modell sein", ist Arbeitsexperte Prof. Steffen Hillebrecht von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) überzeugt. Allerdings hänge das zum Beispiel davon ab, zu welchen Uhrzeiten die Produktion zwingend laufen muss.

Nach Ansicht der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) muss jeder Betrieb das Arbeitszeitmodell finden, mit dem er "erfolgreich wirtschaften kann". In Deutschland habe sich die Fünf-Tage-Woche durchgesetzt, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt: "Wir sehen hier keinen Änderungsbedarf", macht er ergänzend deutlich.

Was bedeutet die Vier-Tage-Woche für die Verteilung der Arbeitszeit und die innerbetriebliche Organisation?

Für Ökonom Steffen Hillebrecht ist wichtig, dass eine verkürzte Arbeitswoche nicht nur von der Belegschaft, sondern auch von der Kundschaft des Betriebs akzeptiert wird. Schließlich sei ein Teil des Unternehmens am produktionsfreien Tag nicht erreichbar. Der Unternehmerverband vbw sieht die Gefahr, dass bei einer Vier-Tage-Woche die Einteilung von Schichten komplizierter wird. Auch deshalb, weil beispielsweise bei einem Neun-Stunden-Tag längere Pausen vorgeschrieben seien. Unterm Strich dürfe die Produktivität nicht sinken. Der Verband geht davon aus, dass nicht alle Beschäftigten eines Betriebes eine Vier-Tage-Woche begrüßen würden, "da sie aus persönlichen Gründen kein Interesse an überlangen Arbeitszeiten an einzelnen Tagen haben". Dann alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, "ist anspruchsvoll", sagt vbw-Chef Brossardt.

Auf was müssen Unternehmer und Beschäftigte achten?

Es müsse ein Tarifvertrag gelten mit verbindlichen Regeln zur Arbeitszeit: So lautet der Tipp der IG Metall in Würzburg. In einem weiteren Schritt könne der Betriebsrat eines Unternehmens mit der Chefetage entsprechende Regelungen bei der Arbeitszeit festlegen. Ist ein Betrieb nicht tarifgebunden, so sollte die Belegschaft mithilfe des Betriebsrats und der Gewerkschaft für Tarifbindung sorgen.

Beschäftigten rät FH-Professor Hillebrecht darauf zu achten, wie sich eine geänderte Arbeitszeit bei geändertem Lohn auf die Rentenversicherung auswirkt. Der Verband vbw unterstreicht, dass eine Minderung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich "die Personalkosten deutlich erhöht". Zusammen mit dem organisatorischen Mehraufwand und den diversen Interessen in der Belegschaft sei die Einführung einer 4-Tage-Woche betriebswirtschaftlich genau zu prüfen.

Vier-Tage-Woche: Gibt es eigentlich noch vergleichbare Modelle in Mainfrankens Wirtschaft?

Modelle wie bei der Firma Wenzel aus dem Landkreis Main-Spessart seien anderswo in der Region "nicht bekannt", sagt Gewerkschafter Norbert Zirnsak. Allerdings böten alle tarifgebundenen Unternehmen die "verkürzte Vollzeit" auf 28 Stunden pro Woche an. Grundsätzlich sei eine wie auch immer geartete Verminderung der Wochenarbeitszeit laut Tarifvertrag denkbar.

Bertram Brossardt vom Verband vbw weist darauf hin, dass es im Freistaat "nahezu in allen Betrieben flexible Arbeitszeitmodelle" gebe.

Die Tarifverträge der bayerischen Metall- und Elektroindustrie hätten ein "ganzes Bündel an Möglichkeiten der flexiblen Arbeitszeitgestaltung".

Dabei handelt es allerdings um gängige Modelle wie Gleitzeit oder Vertrauensarbeitszeit, nicht um Sonderregelungen einer verkürzten Produktion wie bei Wenzel in Wiesthal. Jürgen Haug-Peichl