Wenn das Amtsgericht Bad Kissingen demnächst auf das Jahr zurückblickt, dann wird die Antwort auf die Frage nach dem Prozess, der die Richter am meisten berührte, vielleicht zur Überraschung. Denn die Wahl fällt wohl nicht auf schlimme Gewalttaten oder erschreckende Drogenschicksale, sondern auf ein Verfahren um Versicherungsbetrügereien. Sieben Monate lang oder rund 20 Verhandlungstage hat es das Schöffengericht mit Vorsitzendem Richter Matthias Göbhardt beschäftigt.


Schriftliches Urteil liegt vor

Abgeschlossen wurde das Verfahren bereits vor einigen Wochen. Jetzt liegt das schriftliche Urteil vor. Das Gericht verurteilte einen 36-jährigen Finanzmakler aus dem Kreis Kissingen zu zwei Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe und einen 51-jährigen Kfz-Meister aus dem Kreis Schweinfurt zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung. Beiden legte das Schöffengericht jeweils rund 20 Fälle gemeinschaftlich begangenen Versicherungsbetrugs zur Last. Der Finanzmakler war laut Gericht treibende Kraft des Ganzen. Zudem habe er mehrfach auf Widerstände hin insistiert, die Betrügereien weiterlaufen zu lassen "und insoweit eine gewisse kriminelle Energie an den Tag gelegt". Der Kfz-Meister dagegen habe sich zunächst nicht auf Betrügereien einlassen wollen und später eher versucht zu bremsen, heißt es im Urteil. Sehr zu seinen Gunsten wertete das Gericht sein Geständnis, auch wenn es dazu erst spät gekommen sei.


Volle Schuld übernommen

Dass er die Straftaten mehr und mehr "als bedrückend empfunden" habe und "irgendwann einen absoluten Stopp einbaute" sowie die Bereitschaft, die Schuld voll zu übernehmen und sich vor seine Mitarbeiter zu stellen, führt das Gericht als Gründe dafür an, dass seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Deutlich geworden sind die unterschiedlichen Rollen der beiden Angeklagten nach Angaben des Gerichts durch die Auswertung von E-Mails. Überhaupt sei das Auffinden des E-Mail-Verkehrs rund um die Taten entscheidend gewesen für die Möglichkeit, die Betrügereien aufzuklären.

Bei den Betrügereien meldeten in der Regel der Finanzmakler oder Personen, die er dazu veranlasst hatte, Schäden an. Vielfach waren das angebliche Glasschäden, auch ein erfundener Marderschaden war dabei. Der Kfz-Meister erstellte laut Gericht fingierte Rechnungen oder wandelte Kostenvoranschläge in Pseudorechnungen um. Und die Versicherung regulierte die nach Überzeugung des Gerichts erfundenen Schäden.

Mit seinem Urteil wollte das Gericht nach eigenen Angaben auch der Mentalität vorbeugen, dass im Endeffekt nur Versicherungen geschädigt würden, die das "ohne Weiteres ertragen könnten".


Fall geht in die nächste Instanz

Göbhardt, er ist Direktor des Amtsgerichts Bad Kissingen, erwartet, dass sich aus dem Fall viele Folgeverfahren wegen uneidlicher Falschaussagen ergeben werden. Das Verfahren selbst geht ebenfalls in die Verlängerung. Gegen das Urteil wurden Rechtsmittel eingelegt, es ist nicht rechtskräftig. Um bei einer neuen Entscheidung das Strafmaß auch nach oben offen zu halten, habe auch die Staatsanwaltschaft Berufung beantragt. In nächster Instanz beschäftigt sich das Landgericht Schweinfurt mit dem Fall.


Nachhaltig in Erinnerung

Dass der Fall dem Gericht so nachhaltig in Erinnerung bleiben wird, hat auch mit aggressiven Versuchen zu tun, den Vorwürfen zu entkommen. Zeitweilig seien Zeugen "mit Strafanzeigen überzogen" und "mit ungebührlichen, weil völlig falschen, aus der Luft gegriffenen Behauptungen angegangen" worden, heißt es im Urteil.


Beschwerdeschreiben

Auch vor Polisten und einer Richterin habe man nicht Halt gemacht. Im schriftlichen Urteil ist hier einmal die Rede von einer Petition an den Landtag. An anderer Stelle berichtet das Gericht von Beschwerdeschreiben an die Staatsregierung und Anzeigen bei der Generalstaatsanwaltschaft "wegen Verfolgung Unschuldiger".