Eigentlich war es "nur" ein Stammtisch, der sich vor zwei Jahren rund um das Thema Elektromobilität im Bayerischen Hof in Bad Kissingen zusammenfand. Aber wie das nun mal so ist: Bei lockerer Geselligkeit verschmelzen schon mal harte Fakten mit launigen Einfällen.

Schnell reifte in der Runde eine Erkenntnis: "Unser Thema ist eigentlich zu schade für einen kleinen Kreis im Hinterzimmer", erinnert sich Mitinitiator Fritz Lang bei einem Pressegespräch. Deshalb gehen die Macher jetzt in die Vollen, um der E-Mobilität in der Region zum Durchbruch zu verhelfen.

Eine philosophische Dimension

Den Stammtisch entwickelten sie über die vergangenen Monate zur "Initiative lade & weile". Aktuell läuft die Eintragung ins Vereinsregister. Mit ihrem Schulterschluss wollen die Gründer dem Technik-Thema sogar eine philosophische Dimension geben. Ihr Credo: Von den Ladepausen beim elektrischen Fahren profitieren Mensch und Maschine gleichermaßen.

Dabei bilden die Runde nicht vergeistigte Schwärmer, sondern auch beruflich Weitgereiste, die in ihrem Leben unter Zeitdruck schon das eine oder andere Tausend an Autobahn-Kilometern hinter sich haben. Mit dieser Erfahrung sind sie reif für Neues: "Elektromobilität schafft auch eine neue Haltung", findet Bernd Keller, Vorsitzender in spe, angesichts des Tempos, mit dem die meisten von uns durch das Leben hasten. Seine Erkenntnis: "Wer Zeit zum Laden seines Fahrzeugs braucht, fährt auch bewusster". Das sei dringend erforderlich, schließlich verbrenne man beim herkömmlichen Fahren mit dem Erdöl einen Rohstoff, der Millionen Jahre zum Reifen brauchte.

"Nicht polarisieren "

Bei allem Philosophieren ist Keller aber auch klar: "Elektromobilität ist nicht der Heilsbringer", sagt er mit Blick auf den Einsatz seltener Erden bei der Batterieproduktion. "Das Beste ist sowieso das Laufen", fügt er im Sinne der Umwelt an. Wichtig ist ihm, dass es der Initiative nicht um das Polarisieren pro und contra von Antriebstechniken gehe. Zu oft schlügen sich die verschiedenen Fraktionen gerade im Internet verbal die Köpfe ein.

Deswegen will der Stammtisch des Vereins Gesprächsangebot und Infobörse sein. "Da darf man auch mit Verbrennungsmotor kommen", sagt der künftige Vereinsschriftführer Joachim Scheiner. "Die werden wir dann noch überzeugen", fügt Manuel Rettinger grinsend an. Denn auch das macht das Pressegespräch mit den Vereinsgründern deutlich: Bei ihnen geht es keineswegs immer bierernst zu, wenn sie von den Vorzügen ihrer E-Fahrzeuge schwärmen. Vom Hybridauto über das E-Auto und den E-Lieferwagen bis hin zum E-Bike-Tandem hat hier alles Fürsprecher.

Sie künden gerne davon, warum sie keine Reichweiten-Angst haben, wie sie mit dem Stromantrieb zunehmend an Treibstoff- und Wartungskosten sparen, wie sie beim Laden von der Photovoltaik auf ihren Dächern profitieren und wie sie gedenken, die Batterien ihrer Autos künftig als Stromspeicher zur Versorgung der Haustechnik einzusetzen. Bei alldem zeigt sich Manuel Rettinger bewusst bodenständig. "Wir wollen kein elitärer Club sein." Es gebe bundesweit schon viele solche Initiativen. Ziel sei es, einen weiteren Punkt auf der Landkarte zu setzen. Wichtig ist Bernd Keller auch die Vernetzung mit anderen Initiativen, zumal es bereits Berührungspunkte mit dem Bund Naturschutz gebe.

Wichtigste Ziele des gemeinnützigen Vereins seien das Voranbringen von Umwelt- und Klimaschutz, die Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie die Ausrichtung von Infoveranstaltungen und die Zusammenarbeit mit Schulen.

Corso am 2. Oktober geplant

Als erste größere Aktion von "lade & weile" soll die Kurstadt zu den Bad Kissinger Gesundheitstagen am 2. Oktober durch einen Autocorso in das Guinness-Buch der Rekorde gebracht werden. Gefragt sind dabei Teilnehmer mit E-Bikes, E-Motorrädern, Segway-Scootern und allem, was Strom tankt. Mit dabei ist demnach auch ein Exemplar des Kurbähnles, das ebenfalls bereits elektrisch fährt. Teilnehmer können sich auf der Homepage www.ladeundweile ins Anmeldeformular eintragen. Der Start ist kostenlos. Willkommen sind zur Vorbereitung auch Sponsoren und Helfer etwa zur Verkehrsregelung. Los gehen wird der Corso am Lindes (Wertstoffhof), bevor es an der Eissporthalle vorbei über die Lindesmühlpromenade, entlang der Wandelhalle und am Regentenbau vorbei, zum West-Ende der Ludwigsbrücke geht. Ein Notar wird prüfen, ob es zu einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde reicht.

"Eine Demonstration der Stille"

Vereinsvorsitzender in spe Bernd Keller hält bis zu 300 Teilnehmer für denkbar. "Das Ganze soll auch eine Demonstration der Stille werden", sagt er zu dem erwarteten Surren der E-Motoren anstelle von Autolärm. Mit Blick auf die Breitenwirksamkeit wäre ein Start am Marktplatz, ähnlich wie bei der Franken Classic, wünschenswert. Doch bei der erhofften Länge des Corsos würde dies wohl zu logistischen Problemen samt Blockade der Fußgängerzone führen.

Klar wird durch die Wahl der Route, dass man das Ereignis zu den Gesundheitstagen ebenfalls in Bezug setzen will. Bernd Keller und sein künftiges Vorstandsteam sehen viele Bezüge zur Gesundheit, angefangen vom Klimaschutz, über den Lärmschutz und die Luftreinhaltung bis hin zum entschleunigten Fahren. Vorgesehen ist im Anschluss an den Corso ein Erfahrungsaustausch zwischen erfahrenen E-Mobilisten und ein Vortrag des früheren Bundestagsabgeordneten Hans-Josef Fell (Bündnis 90/Grüne) im Bayerischen Hof zum Thema: "E-Mobilität als wesentlichem Beitrag für die Gesundheit und unser Klima".

Monatlich findet weiterhin der Stammtisch der Initiative "lade&weile" im Bayerischen Hof in Bad Kissingen statt. Der nächste Termin ist am Mittwoch, 27. Juli, um 19 Uhr. Wolfgang Dünnebier