"Es war lange zu ruhig in der Region", sagt Nicole Brandler zu bisherigen Reaktionen auf Pläne, noch eine weitere Stromleitung zu bauen. Im Sommer 2020 waren die Pläne für die P 43 öffentlich geworden. Die örtlichen politischen Gremien hatten bis zum 8. Januar Frist, sich dazu zu positionieren. Bürgermeister aus der Region haben ihr Missfallen zu dem Projekt zum Ausdruck gebracht. Bei Gemünden gab es im Februar bereits eine Demonstration.

Brief an Peter Altmaier

"Da fühlt man sich als Bürger doch über den Tisch gezogen", sagt Brandler zu der Eile, mit der das Vorhaben trotz der Einschränkungen des öffentlichen Lebens angegangen werde. Sie äußert einen Verdacht: "In unseren Augen wurde die Corona-Situation genutzt, um möglichst ohne Widerstand die Freileitung P 43 per Gesetz als notwendigen Bedarf durchzuwinken." Deswegen organisiert sie nun zusammen mit Denise Renninger eine Unterschriftenaktion. Mit den Unterschriften wollen die Initiatorinnen in einem Brief ihre Haltung zu der Trasse bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, den Entscheidern auf anderen politischen Ebenen und bei den Netzbetreibern untermauern. Unterschriftenlisten liegen in der Bäckerei Schneider in Untererthal aus.

Nordbayern als Spielball der Energiewende

Die Argumente ähneln jenen der Kritiker gegen den Südlink vor wenigen Jahren. Grundsätzlich wird die Notwendigkeit von P 43 angezweifelt. Brandler sieht Nordbayern als Spielball der Energiewende. Jahrelang werde bayernweit auf dezentrale Energieversorgung gesetzt. Außer in Oberbayern. Die dortige Natur war schon immer schützenswert, sodass weder Windräder noch Wasserkraftwerke gebaut werden durften, so die Untererthaler Initiative. Aber genau im Großraum München und Ingolstadt wird der meiste Strom benötigt. "Wir fordern sowohl die Bayerische Regierung, als auch die Bundesregierung auf, den Lebensraum aller Menschen gleichwertig zu behandeln", sagt Brandler.

Zerstörung des ländlichen Raumes sei inakzeptabel

Was die Trassengegner auch stört: Die "Bürgerinitiative Gegenstrom" habe mit ihrem Engagement von 2016 bis 2018 Zusagen zur Erdverkabelung erreicht. Danach sei es still geworden, und es habe geheißen, dass keine weiteren Stromtrassen die Region belasten würden. Nun stehe die Vorbereitung der neuen Trasse von Dipperz nach Bergrheinfeld an. Diese Zerstörung des ländlichen Raumes sei inakzeptabel. "Wir fordern, die angeblich benötigten Leitungen dort zu verlegen, wo sie benötigt werden, und wo bereits vorhandene Trassen ausgebaut werden können", sagt Brandler. Für den Großraum Frankfurt, Ludwigshafen/Mannheim benötigter Strom solle über vorhandene Trassen in Hessen transportiert werden. "Es kann nicht sein, dass unser fränkischer Lebensraum und die Naherholungsgebiete zerstört werden, um Industrieregionen mit Strom zu versorgen."

Alternativ-Vorschläge

Statt Leitungen für den Windstrom von der Küste zu errichten, sollte die regionale Stromerzeugung vorangetrieben werden, zum Beispiel mit gekoppelten Solar-Wind-Wasserstoff-Projekten, findet Brandler. Zudem verweist sie auf die Möglichkeit von Pumpspeicherwerken in Süddeutschland. Weitere Mitstreiter zur Unterstützung sind willkommen, auch in den anderen betroffenen Orten.

Wolfgang Dünnebier